Der Chefarzt Jauß hat schon ein halbes Dutzend ähnlicher Anträge gestellt, doch nur jeder dritte wurde bisher genehmigt. Die Gesamtstatistik sieht etwas freundlicher aus: Die AOK Plus, die größte Krankenkasse in Sachsen und Thüringen, hatte bis Mitte Oktober knapp 592 Anträge auf cannabishaltige Arzneimittel gezählt. 205 wurden abgelehnt.
Am Anfang, sagt Jauß, gebe es noch Abwehrreflexe, wie bei allem, das neu sei. Doch er bleibe geduldig, bessere den Antrag nach und stelle ihn einfach noch mal. "Das müssen wir alle gemeinsam einüben", sagt er, "Ärzte, Apotheker und Kassen." 

Der Professor kennt einige Patienten, die schon länger privat kiffen. Die Vorteile: "Es lockert die Muskulatur, entspannt, lindert die Schmerzen." Und was ist mit den Gefahren? Schließlich soll Cannabis Schizophrenie auslösen und kann Psychosen, Gedächtnisverlust und Persönlichkeitsveränderungen verursachen. Nicht nur in der Thüringer Landesärztekammer gibt man sich deshalb eher skeptisch.

Gerade als Neurologe kann Jauß die Bedenken nachvollziehen. "Aber wir reden hier von Patienten, die körperlich schwer geschädigt sind", sagt er. "Wir sollten Cannabis behandeln wie jedes andere Medikament mit Risiken und Nebenwirkungen." Auch für die Oberärztin Felicita Heidler, die für die MS-Spezialambulanz verantwortlich ist, geht es um Abwägung. Neben den langfristigen Folgen, sagt sie, könnten zu Beginn einer Behandlung  auch Schwindelgefühle, Blutdruckabfall, Mundtrockenheit auftreten, und dann natürlich die sogenannten psychotropen Wirkungen, wegen derer ja Drogen gemeinhin genommen würden.

Diese interaktive Präsentation kann mit Ihrem Browser nicht dargestellt werden.
Lesen Sie die Übersicht zum Drogen im Check – ein Glossar in einer optimierten Fassung.

Der Wettbewerb um die Patienten nimmt zu

Doch manche der Nebenwirkungen, wie etwa Müdigkeit oder Muskelentspannung, seien im Fall von MS-Patienten durchaus erwünscht. Deshalb, sagt Heidler, verschreibe sie Cannabis-Präparate. "Es ist gut, dass das neue Gesetz dem Arzt mehr Entscheidungsfreiheit gibt  und dass die Krankenkassen eine Ablehnung ausführlich begründen müssen." Die Substanz besitze viel Potenzial – und dieses Potenzial wolle man in Mühlhausen nutzen.

Dass Jauß und Heidler offen für Neues sind, hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass der Wettbewerb um die Patienten hart ist. Um Behandlungen auf Universitätsniveau anzubieten, muss sich eine Klinik in der Provinz mehr anstrengen als in den Metropolen, zum Beispiel bei der Behandlung von Multipler Sklerose.

Pro Jahr werden um die 200 Patienten mit dieser Krankheit behandelt, seit vergangenem Jahr ist  Mühlhausen als MS-Zentrum zertifiziert. Zwar gibt es insgesamt 176 solcher Zentren in Deutschland, doch zumeist befinden sie sich in den die größeren Städten. In Thüringen müssen die MS-Patienten sonst nach Erfurt, Jena oder Gera, um sich von Spezialisten behandeln zu lassen.

Die Region profitiert von dem ökumenischen Klinikum in Mühlhausen, das von Diakonie und Caritas getragen wird. 1.300 Menschen arbeiten hier, die Klinik ist mit Abstand der größte Arbeitgeber und die größte Fachklinik für Neurologie in Thüringen. Für die Stadt ist sie auch ein Standort- und Imagefaktor. Mühlhausen ist zwar hübsch saniert, aber arm, der umliegende Unstrut-Hainich-Kreis  völlig überschuldet.  Zuletzt hatte die Bundeswehr ihre Kaserne aufgegeben, die Arbeitslosigkeit liegt über dem Durchschnitt.

Eugen Ludwig ist nicht aus Thüringen. Er wohnt im hessischen Eschwege, doch nach Mühlhausen ist es nur eine gute halbe Stunde mit dem Auto – und der Patient fährt selbst, wenn er sich bei seinen Ärzten vorstellen muss. Wie das? "Tja", sagt er, und lacht wieder, "das Geld habe ich mir von einer Stiftung erbettelt." Dank eines neuen Autos mit Automatikschaltung komme er zurecht, und das rechte Bein funktioniere ja noch ganz gut zum Gasgeben, auf kürzeren Strecken jedenfalls.