ZEIT ONLINE: Frau Hänel, in Ihrer Praxis können Frauen Schwangerschaftsabbrüche durchführen lassen. Darüber haben Sie online informiert. Weil das nach Paragraf 219a (hier im Wortlaut) des Strafgesetzbuches verboten ist, hat das Amtsgericht Gießen Sie zu einer Geldstrafe verurteilt. Sie hätten das verhindern können, indem Sie einlenken. Stattdessen sind Sie jetzt vorbestraft – aber auch Deutschlands neue Vorkämpferin für Frauenrechte. Viele hoffen, dass Ihr Fall bis vors Verfassungsgericht geht und der veraltete Paragraf gekippt wird. Wann haben Sie beschlossen, diesen Weg zu gehen?

Kristina Hänel: Als die Vorladung kam, bin ich aus allen Wolken gefallen. Ich war schockiert, aber sofort kam von allen Seiten Unterstützung. Als ich mit der Petition auf change.org dann an die Öffentlichkeit gegangen bin, habe ich gemerkt: Genau jetzt habe ich eine Chance, etwas zu ändern. Jede Frau sollte das Recht haben, sich frei und anonym zu informieren.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie gedacht, als die Vorladung da war?

Hänel: Da schießen einem viele Gedanken durch den Kopf. Es geht auch um meine Existenz als Ärztin, um meine Praxis, alles, was ich mir privat aufgebaut habe. Ich habe mir sofort Sorgen um meine Approbation gemacht, dachte sogar: Zur Not werde ich Reitlehrerin. Das ist vielleicht nicht ganz realistisch, aber diese Ängste bekommt jeder. Genau damit spielen ja auch die Abtreibungsgegner, die Ärzte, die über Abbrüche informieren, systematisch anzeigen.

ZEIT ONLINE: Hat Sie das Urteil des Gießener Amtsgerichtes überrascht?

Hänel: Nein, nicht im Moment der Urteilsverkündung. Ich hatte zwar nicht mit so einer hohen Strafe gerechnet, aber es war vorher spürbar, wie die Sache laufen würde. Im Urteil hat die Richterin tatsächlich von hormonellen Störungen gesprochen. Ein typisches Abtreibungsgegner-Argument: Eine schwangere Frau müsse vor sich selbst geschützt werden, weil sie durch die Hormonveränderung nicht mehr in der Lage sei, zu entscheiden, ob sie ein Kind haben kann oder nicht. Für mich war der Prozess wie ein absurdes Theater. Trotzdem hatte ich bis zum Schluss geglaubt, die Richterin habe noch Möglichkeiten, mich nach den bestehenden Gesetzen freizusprechen.

ZEIT ONLINE: Aber daraus wurde nichts. Hat Sie das Urteil noch stärker angespornt, weiter dafür zu streiten, dass Frauen sich selbstbestimmt und offen über Schwangerschaftsabbrüche informieren dürfen – auch bei Ärzten, also nicht nur in den Konfliktberatungsstellen, die gesetzlich dazu angehalten sind, in Richtung einer Fortführung der Schwangerschaft zu beraten?

Hänel: Während meiner Verhandlung fand draußen eine Kundgebung statt. Es war sehr voll, viele Menschen sind nicht mehr in den Gerichtssaal gekommen. Als drinnen noch die Verhandlung lief, haben die Leute draußen schon mitbekommen, dass ich verurteilt werde. In dem Moment haben die Menschen angefangen, zu pfeifen und zu schreien. Und ich dachte: So ein Unrechtsprozess, so ein Unrechtsparagraf, und jetzt werde ich verurteilt – da muss man sich gar nicht schlecht fühlen. Das war ein Gefühl von Surrealität.

ZEIT ONLINE: Mittlerweile haben Sie mehr als 150.000 Unterschriften für die Abschaffung des Paragrafen gesammelt. Die Petition haben Sie im Bundestag eingereicht. Der Berliner Senat hat beschlossen, eine entsprechende Gesetzesinitiative in den Bundesrat einzubringen. Hätten Sie sich ein derartiges Vorgehen der Politik schon früher gewünscht?

Hänel: Natürlich hätte die Politik viel früher etwas tun können. Der Paragraf stammt aus dem Jahr 1933 und wurde seither im Wesentlichen so belassen. Ein Paragraf aus der Nazi-Zeit, in der Schwangerschaftsabbruch unter Strafe stand. Aber auch ich selbst kam früher nicht darauf, dass ich mir das hätte wünschen können. Ich war Teil des Tabus.

ZEIT ONLINE: Rechnen Sie fest damit, dass das Gesetz gekippt und aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wird?

Hänel: Der Paragraf 219a wird in seiner jetzigen Form nicht weiter bestehen. Das ist für mich ganz klar. Wie genau die Veränderung aussieht, da will ich keine Prophezeiungen machen. Ich bin mir auch sicher, dass wir vor dem Bundesverfassungsgericht die besseren Argumente haben werden, denn der Paragraf ist überflüssig. Es gibt nichts Mächtigeres als eine Sache, deren Zeit gekommen ist. Und die Sache ist gut.

ZEIT ONLINE: Auf Ihrer Website gibt es noch immer die Möglichkeit, sich eine Broschüre zuschicken zu lassen. Ist das, was Sie dort aktuell online stellen, so legal?

Hänel: Es spielt keine Rolle, wie man die Informationen auf die Seite stellt. 2001 habe ich meine Homepage in Zusammenarbeit mit dem damaligen Justiziar der Ärztekammer juristisch überprüfen lassen. Später, ungefähr als die ersten Strafanzeigen kamen, gab es die Vorgabe, man solle die Informationen per E-Mail zuschicken – so wie es aktuell auf meiner Seite angeboten wird. Aber ich denke, auch in dieser Form kann das immer noch angefochten werden. Kein Arzt ist davor gefeit, von Abtreibungsgegnern angezeigt zu werden – und zwar mehrmals, wie mein Fall zeigt. Gerade erst ist das wieder zwei Ärztinnen passiert. Obwohl ihnen die Staatsanwaltschaft genau wie mir empfohlen hat, die Informationen von ihrer Seite zu nehmen, haben sie sich nun aber ebenfalls entschlossen, die Informationen stehen zu lassen.