Wer von derartigen Fortschritten in der Stammzell- oder Klonforschung liest, fühlt sich schnell an große Skandale erinnert, als Wissenschaftler Ergebnisse manipulierten. Stammzellforscher Hwang Woo-suk aus Südkorea und und Haruko Obokata aus Japan gingen mit ihren gefälschten Studien in die Geschichte ein. In diesem Fall sehen Fachkollegen aber keine Hinweise darauf, dass die Klonversuche unseriös durchgeführt worden sein könnten. Zweifel an der Echtheit der Ergebnisse hat Rüdiger Behr nicht.

Auch Heiner Niemann, Leiter des Instituts für Nutztiergenetik in Neustadt, sieht auf Anfrage von ZEIT ONLINE keinen Anhaltspunkt dafür, dass die Forscher aus China manipuliert haben könnten.

Bleibt die Frage, warum man Affen überhaupt klonen möchte. Und die, warum – wenn das Klonen von Menschen ethisch doch ohnehin kaum infrage kommt – man sich dieser Möglichkeit immer stärker nähern will?

Eine Antwort hat Stefan Treue vom Primatenzentrum Göttingen und Sprecher der Initiative "Tierversuche verstehen": Man bräuchte schlichtweg weniger Versuchstiere. Wer die genetische Vielfalt durch Klonen senkt, brauche in vielen Tierversuchen weniger Tiere, um signifikante Ergebnisse zu erzielen, sagte Treue. Die von der chinesischen Arbeitsgruppe geklonten Javaneraffen werden zum Beispiel benutzt, um die Wirkung und Sicherheit von Medikamenten wie Impfstoffen zu testen. "Primaten spielen zahlenmäßig in der Tierversuchsforschung nur eine sehr kleine Rolle, sind aber aufgrund der physiologischen, genetischen und anatomischen Ähnlichkeit zum Menschen von großer wissenschaftlicher und medizinischer Bedeutung."

Generell würde nur an Affen experimentiert, "wenn wir mit anderen Verfahren, wie zum Beispiel in Zellkulturen oder mithilfe von Computermodellen oder weniger hoch entwickelten Tierarten keine aussagekräftigen Informationen erlangen können", sagte Behr – etwa, wenn es um das Gehirn oder die Keimbahnzellen geht.

Das Vertrauen in die Forschung – durch solche Experimente erschüttert?

Peter Dabrock, Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Uni Erlangen-Nürnberg und Vorsitzender des Deutschen Ethikrates, sieht das anders. Er glaubt, dass die Forschung der Shanghaier Arbeitsgruppe das "Vertrauen in den lebenswissenschaftlichen Forschungsprozess erheblich untergraben" wird. "Wenn es sich vor allem um technische Weiterentwicklungen handelt, warum mussten die Versuche dann schon an den sehr sensiblen und intelligenten Javaneraffen durchgeführt werden?" Er sieht das Experiment als Teil einer größeren chinesischen Strategie, "die die genetischen Grundlagen menschlichen Lebens bearbeiten" wolle, zum Beispiel durch Eingriffe in die Keimbahn.

Tatsächlich geschehen diese nicht nur in China. Erst vergangenes Jahr hatten US-Forscher mit der Genschere Crispr einen Gendefekt, der eine Erbkrankheit verursacht, aus der DNA von Embryonen geschnitten.

Während die Technik also weiter fortschreitet, fehlen international anerkannte ethische Regeln dafür, welche Manipulationen des Erbguts erlaubt sein sollen und welche nicht. Zwar regen die Forscher von der chinesischen Akademie der Wissenschaften in ihrem Artikel in Cell an, dass man sich auf genau solche einigen solle. Ironischerweise tun sie das aber zu einem Zeitpunkt, da Hua Hua und Zhong Zhong längst auf der Welt sind und abwechselnd vergnügt an einer Flasche saugen. Zu einem Zeitpunkt also, zu dem sogar das Klonen von Menschen technisch greifbar scheint.

Solange derartige Regeln fehlen, wird die Wissenschaft die Grenzen des Machbaren also weiter vor sich herschieben. Aus unstillbarer Neugier heraus. Aus Provokation. Vielleicht auch aus unlauteren Motiven, wie schnödem Nationalstolz. Die Namen der Äffchen jedenfalls zeigen, das China sich gern mit solchen Erfolgen schmückt: Zhong Zhong und Hua Hua. Zhonghua heißt chinesisches Volk.