Wenn Krebs zum Geschäft wird – Seite 1

Stellen Sie sich vor, Sie haben Krebs und setzen all Ihre Hoffnung auf eine Chemotherapie – aber Sie bekommen nur wirkungsloses Kochsalz. Sie warten  darauf, dass die Behandlung anschlägt, aber nichts passiert. Bald kümmern Sie sich um eine Bestattungsvorsorge, damit Ihre Liebsten sich nicht mit der Frage der richtigen Sarggröße rumschlagen müssen. Und dann erinnern Sie sich an den Apotheker, der manchmal die Infusionsbeutel persönlich brachte, mit einem kleinen Geschenk und der Frage: "Wie geht es Ihnen heute?" Der Ihnen seine private Handynummer überließ und sagte: "Rufen Sie mich immer an!"

In Essen wird diese Woche der Prozess gegen einen Apotheker aus Bottrop fortgesetzt, der in Zehntausenden Fällen Chemotherapie- und Antikörper-Infusionen unterdosiert haben soll – oft soll er sogar reine Kochsalzlösung ausgeliefert haben, ohne jeden Wirkstoff. Den Krankenkassen entstand ein Schaden von mindestens 56 Millionen Euro – der Schaden für die Patienten ist nicht bezifferbar. Tausende Menschen quälen sich mit der Frage, ob der Apotheker auch ihr Medikament streckte. Hat er sie benutzt, um Gott zu spielen?

Der Apotheker schweigt bislang zu den Vorwürfen. Jahrelang soll er Wohl und Leben seiner Patienten gefährdet haben, ohne dass es aufgefallen war. Aufsichtsbehörden kontrollierten bis 2017 die Labore von rund 200 Krebsapothekern in Deutschland nur alle paar Jahre, und stets angekündigt. Infusionen werden bis heute gar nicht überprüft – man vertraut auf die Integrität der approbierten Heilberufler.

Sicher ist das Vorgehen des Apothekers aus Bottrop beispiellos. Trotzdem kommt es einer Täuschung von Patienten und Politik gleich, dass die Branche nun reflexhaft "Einzelfall" ruft und kaum über Konsequenzen diskutiert. "Bei entsprechender krimineller Energie gehen Kontrollen ins Leere", sagte der Präsident des Krebsapothekerverbandes VZA. Die Kosten für intensivere Kontrollen und Stichproben stünden "in keinem Verhältnis zur realen Gefahr".

Doch was ist die "reale Gefahr"? Als der Bottroper Apotheker im November 2016 aufflog, recherchierten wir bereits zwei Jahre zu Betrug mit Krebsmedikamenten. Ein Apotheker aus Bayern hatte uns kurz vor Weihnachten 2014 kontaktiert. Detailliert schilderte er, wie Pharmahändler, Ärzte und Apotheker zusammenarbeiten, um die Profite im Geschäft mit Krebsmedikamenten untereinander aufzuteilen. Niedergelassene Ärzte können die Rezepte für Krebsmittel einer Apotheke ihrer Wahl zuzuweisen – anders als bei gewöhnlichen Medikamenten, für die gilt die freie Apothekenwahl. Diese Macht lassen sich viele von ihnen bezahlen, mit Tausenden Euro pro Monat. Und viele Apotheker zahlen, denn ohne Rezepte verdienen sie kein Geld. Ihre Labore sind teuer.

Was der Bayer uns erzählte, fand auch anderswo statt. In Schleswig-Holstein vor den Toren Hamburgs etwa brachte ein Apotheker ein ganzes medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) unter seine Kontrolle. Das ist Apothekern verboten, damit sie sich nicht selbst Rezepte zuschanzen können. Also nutzte der Apotheker einen Arzt als Strohmann, einen Homöopathen aus Niedersachsen, um sich 51 Prozent der Anteile zu sichern. Dann setzte er die Ärzte im MVZ unter Druck, ihre Krebsmittel – auch als Zytostatika bekannt – fortan bei ihm zu bestellen.

Haltbarkeit frisieren, um den Lieferradius zu vergrößern

Als ein Onkologe aus dem illegalen MVZ ausstieg, sprach sich schnell rum, dass seine Rezepte zu haben sind. Und wir konnten mit versteckter Kamera eine Art Casting der Korruption filmen: Über Wochen liefen Apotheker und Händler bei dem Arzt auf. Sie wollten ihn überzeugen, seine Medikamente bei ihnen zu bestellen. Ein Händler schlug ein Treuhandmodell vor, bei dem mit jeder Verschreibung eines bestimmten Medikaments eine Provision für den Arzt abfällt – ausbezahlt auf ein Nummernkonto in Österreich. Ein Apotheker-Duo bot 250.000 Euro, sauber aufgeteilt: "Geld gibt es von mir, Rezepte gehen an meinen Kollegen." Der eine Apotheker würde die Zytostatika liefern, der andere den Arzt bezahlen. Zum nächsten Treffen brachten die beiden einen Fachanwalt mit – der erklärte, wie man das neue Gesetz gegen Korruption im Gesundheitssystem umschifft.

Dieses Gesetz ist seit Juni 2016 in Kraft. Doch es verhindert Korruption nicht: Ermittler dürfen die Kommunikation von Ärzten nicht überwachen, und andere Beweise gibt es meist nicht.

Auch die Krankenkassen haben versucht, die lukrativen Dreiecksbeziehungen zwischen Ärzten, Apothekern und Händlern zu beenden. Sie schrieben die Krebsmittelversorgung aus, damit kein Arzt mehr selbst seine Apotheke aussuchen kann. Eine gute Idee, die Hunderte Millionen sparen sollte – aber mit schlechten Folgen: Den Zuschlag erhielten oft nicht die Besten, sondern die Billigsten.

Inzwischen sind die Ausschreibungen wieder verboten. Doch sie haben dazu geführt, dass ortsnahe Spezialapotheken ihre Labore dichtmachten. Viele Ärzte werden seither von weit entfernten Apotheken beliefert – von denen manche systematisch die Haltbarkeitsvorgaben der Medikamente frisieren, um ihren Lieferradius zu maximieren. Einige Infusionen müssen acht Stunden nach Zubereitung verabreicht werden. So steht es in den rechtlich bindenden Fachinformationen zugelassener Mittel. Manche Apotheker weiten das in Eigenregie auf vierzehn, manchmal 28 Tage aus – indem sie Studien über die Stabilität hinzuziehen, die keiner Zulassungsbehörde je vorgelegt wurden. Manche Aufsichtsbehörde lässt diese Analysen aber dennoch zu, auch Krankenkassen haben schon geklagt, da die kurzlebigen Mittel viel kosten und nach Ablauf trotzdem bezahlt werden müssen. Und das kann teuer werden. Zwei Rechtsstreits haben sie mit dieser Argumentation aber bereits verloren. Denn die Medikamente könnten mit verlängerten Haltbarkeiten ihre Wirksamkeit einbüßen. Auch mögliche Abbauprodukte sind kaum erforscht, und kleine Mengen Keime in der Produktion könnten sich mit der Zeit so vermehren, dass Patienten schlimmstenfalls septische Schocks erleiden.

Es kann nicht Aufgabe von Patienten sein, Betrug bei der Abrechnung und die Sicherheit der Medikamente im Blick zu behalten.
Susanne Weg-Remers, Leitern des Krebsinformationsdienstes

Als eine Ärztin in Hessen beispielsweise versuchte, abgelaufene Infusionen zu reklamieren, machte ihr die Krankenkasse AOK Druck. Sie müsse die Infusionen trotzdem verabreichen – die Kasse müsste sonst den "Verwurf" bezahlen, die abgelaufene Infusion. Eine Infusion kann mehrere Tausend Euro kosten. Ist das der Grund, warum die Kassen nicht systematisch auslesen, wer abgelaufene Infusionen ausliefert – obwohl sie es könnten?

Überschrittene Haltbarkeiten, unterdosierte Krebsmedikamente, korrupte Lieferbeziehungen – unsere Recherchen verunsichern die Patienten. In Bottrop gehen Betroffene und ihre Angehörigen seit Monaten auf die Straße. Sie demonstrieren für Aufklärung und für schärfere Kontrollen. "Es kann aber nicht Aufgabe von Patienten sein, Betrug bei der Abrechnung und die Sicherheit der Medikamente im Blick zu behalten", sagt Susanne Weg-Remers, die beim Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg den Krebsinformationsdienst leitet. Die Kontrollen zu verbessern, sei Aufgabe von Aufsichtsbehörden und Gesundheitspolitikern.

Wir raten Patienten, ihren Arzt direkt anzusprechen. Sie können fragen, von welcher Apotheke er seine Krebsmedikamente bezieht und warum. Ist er Mitglied bei Mezis, einem Zusammenschluss unbestechlicher Ärzte? (Mezis steht für "Mein Essen zahl' ich selbst"). Und: Wie viel kostet eigentlich diese Behandlung? Zudem hat jeder Patient das Recht auf eine zweite Meinung – auch das kann Übertherapie vorbeugen.

Es braucht tiefe Reformen, nicht nur mehr Kontrolle

Viel mehr können Patienten nicht tun. Was wirklich gefragt ist, sind tiefere Reformen, die nur Politiker anstoßen können. Und bisher ist davon nichts zu sehen. Einige Kreise in Nordrhein-Westfalen haben nun unangekündigte Kontrollen in Krebsapotheken eingeführt. In welchen Städten das passieren würde und in welchem Monat, das wurde aber dennoch vorher mitgeteilt. Ein Erlass des Landesgesundheitsministers sieht vor, Rückläuferproben im Labor zu prüfen, also Infusionen, die nicht verabreicht werden können, etwa aufgrund schlechter Blutwerte beim Patienten. Doch so lassen sich nur Betrügereien aufdecken – die finanziellen Anreize für Betrug bleiben bestehen. Mehr Kontrolle allein reicht also nicht.

Gefragt ist ein Abrechnungsmodell, bei dem Kassen die Wirkstoffe gebündelt einkaufen und Pharmazeuten nur noch für die Zubereitung der Infusionen bezahlt werden. Bisher verdienen diese eher über den klugen Einkauf – ein Anreiz für zwielichtige Importe, die nicht nur Patente unterlaufen, sondern bei denen auch Qualität und Kühlkette nicht immer durchgängig kontrolliert werden.

Gefragt ist ein Honorierungsmodell für Onkologen, das nicht Infusionsmedizin gegenüber dem aufklärenden Gespräch bevorzugt. Mit manch alter Chemotherapie können Ärzte und Händler mehr verdienen als mit neuen Behandlungsformen, bei denen die Pharmafirma den Gewinn einstreicht. Und wo ein Anreiz ist, das haben unsere Recherche gezeigt, da findet sich schnell auch ein Betrüger, der ihm nachgibt – hippokratischer Eid hin oder her.

Gefragt sind vor allem: niedrigere Medikamentenpreise. Viele Krebstherapien kosten mehr als 100.000 Euro pro Jahr. Das ist der Grundanreiz für Betrug: das viele Geld im System. Der Staat hat Möglichkeiten: Er kann die Entwicklung und Zulassung neuer Medikamente stärker fördern – und im Gegenzug keine Monopole mehr vergeben. So würde direkt nach Marktzulassung eine Preiskonkurrenz zwischen verschiedenen Herstellern einsetzen. Er kann den Konzernen Transparenz verordnen darüber, was sie wirklich für die Entwicklung neuer Medikamente ausgeben. Und er kann Monopole mithilfe von Zwangslizenzen brechen, wenn sie für exorbitante Gewinne missbraucht werden.

Eines steht fest: Solange Krebsmedikamente so teuer bleiben, wie sie sind, wird die Gier auf einen Anteil an diesen Umsätzen immer neue Betrugsmodelle hervorbringen. Der Betrug schadet nicht nur den Kassen. Er bedroht das Leben der Patienten.