Einfach mal die Klappe halten – Seite 1

Die Terrasse der Mercury Bar mit ihren bunten Tischdecken schien in der Dunkelheit über dem schmutzigen Strand von Sansibar-Stadt zu schweben. Unter den Holzplanken schaukelten Plastikflaschen im trüben Wasser und oben saßen wir und tranken eiskaltes Kilimanjaro-Bier. Vor allem aber redeten wir. Über den Schmerz der frischen Trennung von meiner Freundin, darüber wie unsicher und orientierungslos ich mich fühlte. Ohnmacht und Schmerz blieben, als wir in gemieteten Motorrollern über die Mangobaumalleen der Insel bretterten. Sie blieben, als Konyagi, der scharfe klare tansanische Schnaps, mir beim Tanzen den Kopf vernebelte und ich am nächsten Tag mit schwerem Schädel nach Korallen schnorchelte. Vor allem aber blieben sie, obwohl ich darüber sprach – immer und immer wieder. Auf Sansibar mit dem guten Freund, der mich begleitete, und später auf deutschen Sofas, in italienischen Bars und eigentlich auch sonst zu jeder guten Gelegenheit. 

Rückblickend muss ich über diese Reise schmunzeln, alles an ihr schreit nach Klischee: Meine Quarterlife Crisis – die Identitätskrise am Ende des ersten Lebensviertels. Anfangs war das vor allem witzig, aber irgendwann gefiel mir der Begriff. Er gab mir das Gefühl, mit meinen Problemen und meinem Schmerz nicht allein zu sein. Und er passt gut zu dem, was ein Gutteil unserer Generation von seinen Eltern gelernt hat: "Wer sich seinen Gefühlen stellt, der kommt besser über Probleme hinweg. Drüber reden hilft. Ist doch klar! Immer!" Aber, was wenn das nicht stimmt? Wenn es nichts bringt, zu grübeln und die eigene Psyche – etwa auf der Suche nach einem Kindheitstrauma – bis in die hinterletzte Ecke zu durchleuchten? Heute bin ich sicher, dass es mir sogar geschadet hat, so viel über meinen Schmerz und meine Ohnmacht zu reden. Manchmal hätte ich einfach die Klappe halten sollen. 

Wenn [ein Depressiver] auch noch eine Dreiviertelstunde das Elend seines Lebens erzählen soll, dann geht es ihm danach mutmaßlich nicht besser, sondern jetzt geht es ihm erst richtig schlecht.
Manfred Lütz, Psychiater

Auch der bekannte US-Psychologe Walter Mischel glaubt, dass Reden nicht uneingeschränkt hilft. Die meisten Menschen, schreibt er in seinem Buch Der Marshmallow-Effekt, bringe es nicht weiter, sich immerzu mit ihren negativen Gefühlen auseinanderzusetzen. Ganz im Gegenteil: "Statt [Menschen] zu helfen, 'die Erfahrung durchzuarbeiten', reaktiviert ihre endlose Grübelei den emotionalen Schmerz [...] und reißt die Wunden wieder auf." Das zeigen auch größere Studien: Wer viel über den eigenen seelischen Schmerz grübelt, wird später mit höherer Wahrscheinlichkeit depressiv (Journal of Abnormal Psychology: Nolen-Hoeksema, 2000). Ähnlicher Meinung ist auch Manfred Lütz, Psychiater in Köln und Buchautor. In seinem Buch Irre: Wir behandeln die Falschen beschreibt er das am Beispiel depressiver Patienten: "Wenn [ein Depressiver] auch noch eine Dreiviertelstunde das Elend seines Lebens erzählen soll, dann geht es ihm danach mutmaßlich nicht besser, sondern jetzt geht es ihm erst richtig schlecht." Die Psychotherapie hat also erkannt, dass es oft wenig bringt, sich in den eigenen Problemen zu suhlen.

Dabei war längst schon alles gesagt

Nachdem mein akuter Herzschmerz Monate später nachließ, war ebenfalls keine Ruhe. Ich fragte mich immerzu, warum mich die Trennung so hart getroffen hatte. Warum andere Menschen es schafften, den Blick stur nach vorne zu richten, während ich mich noch immer wie ein rohes Ei fühlte. Hatte es etwas mit meiner Kindheit oder meinem psychologischen Bindungstyp zu tun? Die Bindungstypen zwischen Mutter und Kind haben einst der Psychiater John Bowlby und die Psychologin Mary Ainsworth beschrieben: Manche Kinder fühlten sich sicher an ihre Mutter gebunden, andere seien unsicher und flippten regelrecht aus, wenn die Mutter einmal den Raum verließ. Welchen Bindungstyp man hat, wirke sich darauf aus, wie man später Beziehungen führe. Die praktische Relevanz für mein Leben? Gar keine. Außer dass ich begann, mich immer stärker auf meine Gefühle und deren Ursprung zu konzentrieren. Dem Schmerz folgte die penetrante Selbstreflexion. Das Bedürfnis, über den Schmerz und die eigenen Probleme nachzudenken und darüber zu reden, ging einfach nicht weg. Dabei war längst schon alles gesagt. Und wenn ich wieder davon anfing, schienen meine Freunde hilflos. Ich glaube, so langsam ging ich ihnen auf die Nerven.

Wenn man Walter Mischel glaubt, dann hilft es in solchen Momenten, eine gewisse Distanz zu den eigenen Problemen aufzubauen. Wer zu einer Fliege an der Wand werde, schreibt er, und es schaffe, sich von außen zu betrachten, habe es leichter, seine Probleme zu relativieren. Die Perspektive derart zu wechseln, bedeute statt der Warum- die Was-Frage zu stellen: Statt sich immerzu offen zu fragen, warum es einem so schlecht geht, solle man nüchtern ausarbeiten, was genau passiert und wie es zur jetzigen Situation gekommen ist. Man solle also schlicht die Fakten betrachten und analytisch nach einem Ausweg suchen. Das passt gut zu einer relativ neuen Form der Psychotherapie, der Ressourcen-orientierten Therapie. Statt sich auf die Probleme zu konzentrieren, rät sie dazu, nach den eigenen Stärken zu suchen. Das gelingt oft schon, wenn man sich fragt: Wie habe ich eigentlich die letzte größere Krise gemeistert?

Ein Knacks an der Psyche ist nicht viel anders als ein verstauchter Knöchel

In vielen Situationen ist es aber doch am Besten, den Mund zu halten. Ein Beispiel dafür, wie heilsam und nötig das ist, kommt aus der Traumapsychologie. Dort praktizieren Therapeuten seit Jahrzehnten etwas, das sie psychologisches Debriefing nennen. Nach einem traumatischen Erlebnis wie einem Erdbeben oder einem Brand spricht vielerorts ein Therapeut mit den Opfern: Gemeinsam rekonstruieren sie, was passiert ist und wie sich der Patient fühlt. Dann erklärt der Therapeut, dass einem Trauma emotionale Ausnahmezustände wie Panik, Flashbacks und Trauer folgen können. Der Haken beim psychologischen Debriefing: Das Drüberreden bringt nichts. Australischen Erdbebenhelfern, die Teil des Programms waren, ging es in den zwei Jahren danach nicht besser (Journal of Traumatic Stress: Kenardy et al, 1996) und walisische Brandopfer, die debrieft wurden, entwickelten sogar deutlich häufiger eine posttraumatische Belastungsstörung als die, die man in Ruhe gelassen hat (The British Journal of Psychiatry: Bisson et al, 1997). Statt des Debriefings könnte eine stupide Ablenkung helfen. Unfallopfer, die auf einem tragbaren Nintendo 20 Minuten Tetris spielten, wurden eine Woche später deutlich seltener von traumatischen Vorstellungen des Unfalls heimgesucht (Molecular Psychiatry: Iyadurai et al, 2017). 

Natürlich heißt all das nicht, dass wir gar nicht mehr über Probleme oder traumatische Erfahrungen reden sollten. Niemand wünscht sich Zeiten zurück, in denen es Tabu war, über Gefühle zu sprechen. Offen mit den eigenen Problemen wie Panik oder Trauer umzugehen, entstigmatisiert letztlich psychische Krankheiten. Und wer eine ernsthafte psychische Krankheit hat, der ist beim Psychotherapeuten oder Psychiater gut aufgehoben. Denn ständiges Grübeln kann zur Depression werden, die einen nicht mehr loslässt.

Selbstreflexion frisst Zeit und Energie

Trotzdem übertreiben wir es inzwischen maßlos. Einen Gutteil seiner Zwanziger damit zu verbringen, die eigenen Probleme zu wälzen und den eigenen psychischen Schmerz immer und immer wieder hervorzuholen, hilft einfach nicht. Irgendwann habe auch ich das gemerkt. Ein Jahr nach meiner Trennung verbat ich mir, immerzu über mich selbst nachzudenken. Das ganze Rühren an der Seele hatte mich weder glücklicher noch aufgeräumter gemacht. Außerdem musste ich mein Studium beenden. Die Selbstreflexion fraß Zeit und Energie, die ich dringend brauchte, um Prüfungen zu bestehen und mich auf das Examen vorzubereiten.

Heute denke ich: Ein Knacks an der Psyche ist in mancherlei Hinsicht nicht viel anders als ein verstauchter Knöchel. Das zeigen auch neurowissenschaftliche Studien. Dort zeichnete Herzschmerz im Gehirn die gleichen Aktivitätsmuster wie körperlicher Schmerz (PNAS: Kross, Mischel et al, 2011). Aber während es uns nie in den Sinn käme, an einem verstauchten Knöchel immerzu herumzubiegen, fuhrwerken wir wie selbstverständlich an der eigenen Seele herum, wenn es uns schlecht geht. Stattdessen, sagt Walter Mischel, sollten wir zwei Aspirin nehmen und schlafen gehen. Irgendwann geht der Schmerz ohnehin von selbst weg. Alles nicht der Rede wert.