In vielen Situationen ist es aber doch am Besten, den Mund zu halten. Ein Beispiel dafür, wie heilsam und nötig das ist, kommt aus der Traumapsychologie. Dort praktizieren Therapeuten seit Jahrzehnten etwas, das sie psychologisches Debriefing nennen. Nach einem traumatischen Erlebnis wie einem Erdbeben oder einem Brand spricht vielerorts ein Therapeut mit den Opfern: Gemeinsam rekonstruieren sie, was passiert ist und wie sich der Patient fühlt. Dann erklärt der Therapeut, dass einem Trauma emotionale Ausnahmezustände wie Panik, Flashbacks und Trauer folgen können. Der Haken beim psychologischen Debriefing: Das Drüberreden bringt nichts. Australischen Erdbebenhelfern, die Teil des Programms waren, ging es in den zwei Jahren danach nicht besser (Journal of Traumatic Stress: Kenardy et al, 1996) und walisische Brandopfer, die debrieft wurden, entwickelten sogar deutlich häufiger eine posttraumatische Belastungsstörung als die, die man in Ruhe gelassen hat (The British Journal of Psychiatry: Bisson et al, 1997). Statt des Debriefings könnte eine stupide Ablenkung helfen. Unfallopfer, die auf einem tragbaren Nintendo 20 Minuten Tetris spielten, wurden eine Woche später deutlich seltener von traumatischen Vorstellungen des Unfalls heimgesucht (Molecular Psychiatry: Iyadurai et al, 2017). 

Natürlich heißt all das nicht, dass wir gar nicht mehr über Probleme oder traumatische Erfahrungen reden sollten. Niemand wünscht sich Zeiten zurück, in denen es Tabu war, über Gefühle zu sprechen. Offen mit den eigenen Problemen wie Panik oder Trauer umzugehen, entstigmatisiert letztlich psychische Krankheiten. Und wer eine ernsthafte psychische Krankheit hat, der ist beim Psychotherapeuten oder Psychiater gut aufgehoben. Denn ständiges Grübeln kann zur Depression werden, die einen nicht mehr loslässt.

Selbstreflexion frisst Zeit und Energie

Trotzdem übertreiben wir es inzwischen maßlos. Einen Gutteil seiner Zwanziger damit zu verbringen, die eigenen Probleme zu wälzen und den eigenen psychischen Schmerz immer und immer wieder hervorzuholen, hilft einfach nicht. Irgendwann habe auch ich das gemerkt. Ein Jahr nach meiner Trennung verbat ich mir, immerzu über mich selbst nachzudenken. Das ganze Rühren an der Seele hatte mich weder glücklicher noch aufgeräumter gemacht. Außerdem musste ich mein Studium beenden. Die Selbstreflexion fraß Zeit und Energie, die ich dringend brauchte, um Prüfungen zu bestehen und mich auf das Examen vorzubereiten.

Heute denke ich: Ein Knacks an der Psyche ist in mancherlei Hinsicht nicht viel anders als ein verstauchter Knöchel. Das zeigen auch neurowissenschaftliche Studien. Dort zeichnete Herzschmerz im Gehirn die gleichen Aktivitätsmuster wie körperlicher Schmerz (PNAS: Kross, Mischel et al, 2011). Aber während es uns nie in den Sinn käme, an einem verstauchten Knöchel immerzu herumzubiegen, fuhrwerken wir wie selbstverständlich an der eigenen Seele herum, wenn es uns schlecht geht. Stattdessen, sagt Walter Mischel, sollten wir zwei Aspirin nehmen und schlafen gehen. Irgendwann geht der Schmerz ohnehin von selbst weg. Alles nicht der Rede wert.