Es war an einem Frühlingsabend vor einigen Jahren, ich joggte los wie üblich, als das für mich total Unerwartete geschah. Damals hielt ich mich nämlich für fit wie ein Turnschuh. Nach kaum einem Kilometer brach ich zusammen. Ein Gefühl, als würde ich mit voller Wucht gegen eine Mauer rennen. Als packte eine stählerne Hand mein Herz und presste es fest und ruckartig zusammen.

Dieser Moment war beängstigend. Und schmerzhaft. Der Schmerz aber war bei Weitem nicht das Schlimmste. Schlimmer war diese vollkommene Machtlosigkeit. Du stehst da, hustend, atmend, und hoffst, dass es vorbeigeht: dass du diesmal noch verschont bleibst und davonkommst. Da war ich gerade 40 Jahre alt, soeben Vater geworden – und schon ein körperliches Wrack.

Ich bin schon immer gern gejoggt. Und ich habe auch immer gern gegessen. Leider auch ziemlich viel Junkfood: Schokolade zum Frühstück, Pommes, Chips zum Abendessen, runtergespült mit Bier. Warum auch nicht? Lange Zeit, so schien es mir, konnte ich essen, was ich wollte. Na gut, mit Mitte 30 oder so entwickelte sich ein Bäuchlein, um nicht zu sagen ein hartnäckiger Schwimmring aus Speck. Aber es gelang mir recht erfolgreich, diese schleichende Metamorphose meines Körpers nach außen hin zu verstecken und nach innen hin zu ignorieren. Bis zu jenem Tag, an dem mein Herz streikte.

Damals fing es an. Plötzlich sah ich mich mit einer existenziellen Frage konfrontiert: Hatte ich mit meiner Junkfood-Diät meine Gesundheit ruiniert? Was würde geschehen, falls ich so weitermachen würde? Ich gebe zu, es war auch eine Portion Ehrgeiz im Spiel: Mein Sohn sollte bald so weit sein, dass er mich zum Fußball herausfordern würde. Könnte ich da noch mithalten? Und so begann ich, mich schlauzumachen. Ich begab mich tief in eine Recherche, von der ich nicht ahnte, dass sie mich Jahre in den Bann ziehen würde. Das Ziel war klar: Ich wollte mich selbst heilen. Wieder fit werden. Dem unausweichlichen Altern die Stirn bieten. Für meine Herzprobleme lag in meinem Fall keine andere Erklärung näher als eine seit Jahren unüberlegte Ernährung

Also vertiefte ich mich in die Ernährungsmedizin, in die Biochemie des Stoffwechsels, nicht zuletzt auch in die Gerontologie, ein derzeit aufblühendes, interdisziplinäres Fach, das den Alterungsvorgang unter die Lupe nimmt: Warum altern manche Menschen schneller als andere? Was treibt den Alterungsprozess an, was bremst ihn? Was essen besonders langlebige Völker? Was sind die entscheidenden Komponenten einer Kost, mit der sich die typischen Altersleiden – Übergewicht, Herzkreislauferkrankungen, Typ-2-Diabetes, Rheuma bis hin zu Krebs – vermeiden lassen? Die Studien stapelten sich in meinem Arbeitszimmer, im Wohnzimmer, in der Küche. Monate gingen ins Land, ein Jahr verging. Dann noch eins.

Mir wurde klar: Da draußen wimmelt es nur so von Ernährungsmythen und Diätweisheiten, die unserem Körper erheblich schaden können.
Bas Kast, Autor des "Ernährungskompasses"

Allmählich eröffnete sich mir eine Welt voller erstaunlicher, mitunter spektakulärer Erkenntnisse, die mein Leben verändern sollten. Vieles von dem, was ich übers Abnehmen und eine gesunde Ernährung zu wissen meinte, deckte sich nicht mit den Befunden, auf die ich stieß. Mir wurde klar: Da draußen wimmelt es nur so von Ernährungsmythen und Diätweisheiten, die unserem Körper erheblich schaden können.

Die eine ideale Ernährung – es gibt sie nicht

Ich war ausgezogen, um die ultimativ gesunde Kost ausfindig zu machen. Der erste Augenöffner für mich aber war die Entdeckung, dass es so etwas wie die eine ideale Ernährung (sei es Low-Fat, Low-Carb, vegan, Paläo, glutenfrei …) nicht gibt. Diese hübschen Schlagwörter und Ideologien verblassen angesichts der Komplexität der Daten. Der Komplexität von Nährstoffen. Tatsache ist: Es gibt viele verschiedene Wege zu einem langen, sehr gesunden Leben.

Bas Kast: "Der Ernährungskompass. Das Fazit aller wissenschaftlichen Studien zum Thema Ernährung." C. Bertelsmann Verlag, 320 Seiten, 20,00 €; ISBN: 978-3-570-10319-7

Dies fällt sofort ins Auge, wenn man einen Blick auf die Ernährungsweise diverser Regionen (im Fachjargon: Blue Zones) der Welt ansieht, in denen Menschen überdurchschnittlich alt werden. Das mit Abstand berühmteste Beispiel ist Okinawa, eine japanische Inselkette, drei Flugstunden südwestlich der Hauptinseln Japans. Die ältere Generation dort gehört zu den langlebigsten der Welt. Kurz zur Klarstellung: Es ging und geht mir bei meiner Suche nicht so sehr darum, wie alt ich werde, sondern wie ich alt werde. Auch in dieser Hinsicht haben die älteren okinawischen Japaner es beneidenswert gut. Es ist, als bliebe ihr Körper länger jung. So werden sie erheblich seltener von Herzkreislauferkrankungen, Diabetes, Krebs und Demenz geplagt als wir in Deutschland.

Okay, sie bewegen sich mehr als wir und sie leiden nicht unter unserem Stadtneurotikerstress. Aber die wichtigste Frage für mich lautete: Was essen sie? Die Antwort: eine extrem fett- und proteinarme Kost. Ganze 85 Prozent der Kalorien kommen traditionell von Kohlenhydraten, vor allem in Gestalt der dort beliebten Süßkartoffel. So viel zum derzeit verbreiteten Carb-Bashing. Es ist ja in den letzten Jahren zu einer Art Volkssport geworden, die Kohlenhydrate in Grund und Boden zu verdammen. Dabei sind sie für die meisten von uns nicht das Problem.