Ein entscheidender Grund dafür ist folgender: Sobald die Nahrungsversorgung knapp wird, gehen die Zellen unseres Körpers von einer Art Wachstumsmodus in einen, wie sich herausstellt, äußerst segensreichen Wartungsmodus über. Angesichts des Energiemangels startet die Zelle einen Aufräumvorgang, den man als Autophagie (Selbstverzehrung) bezeichnet. Defekte Zellstrukturen und angesammelter Zellschrott werden abgebaut und recycelt. Unsere Körperzellen reinigen und verjüngen sich damit selbst.

Die Krankheiten Alzheimer und Parkinson zum Beispiel sind davon gekennzeichnet, dass sich immer mehr toxischer Zellschrott in den Nervenzellen des Gehirns und um sie herum ansammelt, was sie letztlich zugrunde richtet. In einer Hungersnot wird dieser molekulare Müll endlich entsorgt (übrigens auch im Schlaf, was ja auch einer kleinen Fastenperiode gleichkommt. Nicht umsonst sprechen die Angelsachsen vom Breakfast: Am Morgen bricht man mit dem Fasten). Erst in den letzten Jahren hat man herausgefunden, dass derart drastische Hungerkuren gar nicht nötig sind, um den lebensverlängernden Effekt hervorzurufen. Man kann die Verjüngung auch herbeiführen, indem man einfach nur die Proteine in der Ernährung herunterfährt! Wie ist das möglich?

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Superfood-Hype

Ziemlich gutes Marketing

Superfood soll direkt vor Krebs, Diabetes und anderen Leiden schützen. Das sind leere Versprechen, um Produkte zu verkaufen. Was stimmt: Nährstoffe in Obst und Gemüse helfen, Krankheitsrisiken vorzubeugen. Das geht mit heimischen Sorten aber auch.

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Die Beeren sollen uns gesünder, jünger und sogar schlanker machen. Das ist Unsinn. Reich an Nährstoffen sind sie neben Antioxidantien aber schon. Und das ist gut. Allerdings gehen Inhaltsstoffe verloren, je stärker die Beeren verarbeitet sind. Ob Ihnen also 100 Gramm Açai-Pulver für 15 Euro etwas bringt, ist fragwürdig.

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Maca ist das vermeintliche Potenzwunder der südamerikanischen Inka. Der Knolle aus den Anden wird nachgesagt, dass sie sogar bei unerfülltem Kinderwunsch helfen soll. Das ist Quatsch, reich an sekundären Pflanzenstoffen und Ballaststoffen ist die Wurzel trotzdem.

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Die jungen, grünen Weizenhalme werden oft als Pulver verkauft. In Wasser aufgelöst trinkt man sie als Saft oder im Smoothie. Weizengras beinhaltet Nährstoffe, keine Frage. Allerdings ist die verzehrte Menge meist gering. Es lohnt sich mehr, gleich Obst oder Gemüse zu essen. Angebaut wird das Gras übrigens auch in Deutschland.

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Acerola gilt als Powerobst aus Mittel- und Südamerika. Kaum eine Frucht beinhaltet mehr Vitamin C. Doch so viel kann der Körper davon nicht speichern, viel geht verloren. Das ist nicht schlimm, aber klingt für Werber schlecht. Frisch oder als Saft ist Acerola gut. Doch die Kirsche verdirbt schnell, eignet sich also kaum für den Transport.

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Die meist getrocknet erhältlichen Goji-Beeren sollen das Immunsystem stärken, gegen Sehschwäche wirken. Belege fehlen. Die Beeren sind vitaminreich, Erdbeeren schneiden im Vergleich aber besser ab. Aufpassen muss, wer Blutverdünner nimmt. Die Beeren können gefährlich wechselwirken. Oft sind die Früchte zudem pestizidbelastet.

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Chia-Samen aus Lateinamerika sollen schlank machen. Geht nicht. Die Samen (oft in Puddings oder Getränken verwendet) enthalten aber z. B. die lebensnotwendige Alpha-Linolensäure. Mehr als 15 Gramm Chia pro Tag sind zu viel: Die Samen können zu Verstopfungen führen und mit Arzneien wechselwirken. Bis zu 30 Euro kostet das Kilo.

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In den Cyanobakterien steckt viel Magnesium, Kalzium und Eisen. Spirulina soll Allergien lindern und das Immunsystem stärken. Bewiesen ist das nicht. Veganer holen sich mit der Mikroalge Vitamin B12, das etwa die Blutbildung und das Nervensystem unterstützt und auch in Eiern, Fleisch und Milch enthalten ist.

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Der Moringa-Baum stammt ursprünglich aus der Himalajaregion. In seinen Blättern steckt viel Eisen, Kalzium und Kalium. Das hilft aber nicht, wie oft versprochen, gegen das Altern. Direkt den Blutzucker- und Cholesterinspiegel senken die Blätter auch nicht. Als Kapsel oder Pulver sind sie teuer: pro Kilo mehr als 20 Euro.

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Proteine setzen sich aus Bausteinen zusammen, die man Aminosäuren nennt. Manche davon kann der Körper selbst herstellen ("nicht-essenziell"), andere nicht, sie sind "essenziell", wir müssen sie essen. Wie sich mehr und mehr herauskristallisiert, sind es diese essenziellen Aminosäuren, die den Alterungsprozess in erster Linie vorantreiben. Dies ergibt auch einen biologischen Sinn: Der Körper braucht diese Proteinbausteine unbedingt, um Bau- und Wachstumsprozesse in Gang zu setzen. Reges Wachstum – das klingt zwar erst einmal gut, beschleunigt aber tatsächlich auch die Alterung.

Dazu müssen Sie kurz Bekanntschaft machen mit einem Molekül namens mTOR (mechanistic Target of Rapamycin). Es ist eine Art Bauleiter der Zelle und zugleich ein Generalschalter der Alterung. Und der wird hauptsächlich von essenziellen Aminosäuren angeworfen. Sobald mTOR auf Touren kommt, wird der oben beschriebene heilsame Vorgang der zellulären Selbstreinigung stillgelegt. Stattdessen gibt mTOR der Zelle das Kommando zum Wachsen. Die Zelle wird dicker, vermehrt sich. Auf diese Weise wächst Gewebe, zum Beispiel Muskelgewebe. Daran sieht man schon: Ein gewisses Maß an mTOR-Aktivität und Zellwachstum sind zweifellos wichtig, ja sogar lebensnotwendig.

Für ein gesundes Altern aber ist der Körper auf eine Balance zwischen Baumaßnahmen und Abbaumaßnahmen, also den Aufräumaktionen in Form der eben erklärten Autophagie, angewiesen. Statt ständig zu wachsen und aufzubauen, muss der Körper aber auch mal den Müll, der dabei anfällt, abbauen. Außerdem tut auch Krebs bekanntlich nichts lieber, als zu wachsen. So fördert gerade eine proteinreiche Ernährung nachweisbar das Krebswachstum sowie den Alterungsprozess.

Altersforscherinnen und -forscher der University of Southern California in Los Angeles haben festgestellt, dass Menschen, die sich eiweißreich ernähren, auffallend oft von allerlei Altersleiden betroffen sind. Die Wissenschaftler hatten die Ernährungsdaten von knapp 6.400 Menschen ab einem Alter von 50 Jahren analysiert. Es zeigte sich: Wer in mittleren Jahren zwischen 50 und 65 ordentlich Protein futtert (20 Prozent der Kalorienaufnahme oder mehr im Vergleich zu weniger als zehn Prozent), dessen Sterblichkeitsrisiko ist um 74 Prozent erhöht. Das Krebsrisiko steigt in diesem Fall sogar um das Vierfache – eine Größenordnung, wie man sie sonst eher vom Rauchen oder Alkoholmissbrauch kennt.

Ein genauer Blick auf die Daten offenbarte aber auch eine wichtige Ausnahme. Sobald die Forscher die Analyse auf pflanzliche Proteine beschränkten, hob sich der negative Zusammenhang auf. Nicht nur das. Neue Studien der Harvard-Universität legen nahe: Wer vermehrt auf pflanzliche Proteine setzt, etwa in Form von Bohnen, Linsen und Nüssen (statt auf Fleisch), darf sogar mit einem längeren Leben rechnen.

Klingt widersprüchlich. Bis zu einem gewissen Grad passt dies jedoch durchaus zu dem, was man über die molekularen Mechanismen weiß, die den Alterungsprozess steuern. Wie gesagt, wird unser Bauleiter mTOR in erster Instanz von essenziellen Aminosäuren angetrieben – von jenen Rohbausteinen, die der Körper unbedingt braucht, um vom Wartungs- in den Wachstumsmodus zu schalten. Und tierisches Protein enthält in der Regel mehr essenzielle Aminosäuren als pflanzliches Protein. Oder, um es auf eine vereinfachte Formel zu bringen: Tierisches Protein regt mTOR an, und das fördert Zellwachstum und Alterung.