Im März dieses Jahres berichteten wir über das Havanna-Syndrom: Mitarbeiter der US-Botschaft hörten in ihren Privatwohnungen schrille Geräusche und entwickelten danach unter anderem Kopfschmerz und Schwindel. Was dahintersteckt, bleibt unklar. Die Diskussion aber, woher das Syndrom kommt, geht weiter. In einem Artikel der "New York Times" kommen prominente Experten zu Wort, die einen Angriff mit Mikrowellen hinter den gesundheitlichen Problemen der Diplomaten vermuten. In früheren Berichten waren auch Ultraschall- oder Infraschallwellen als mögliche akustische Waffe diskutiert worden. Mitte August erschienen nun Briefe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der Fachzeitschrift "Jama" (2018), die unter anderem kritisieren, dass eine Massenhysterie als psychische Ursache ausgeschlossen wurde. Lesen Sie hier noch einmal unseren Hintergrundartikel zu dem Fall.

Es klingt nach Parapsychologie – nach einem Fall für eine Folge Akte X. Sie spielt in Kubas US-Vertretung in Havanna und beginnt im Herbst 2016. Plötzlich zeigen Frauen und Männer, die in der Botschaft arbeiten, merkwürdige Krankheitssymptome. Ohne Vorwarnung, aus dem Nichts, erfasst sie in ihren Hotelzimmern und Häusern* ein ohrenbetäubender Lärm – manche reißt er gar aus dem Schlaf. Einige beschreiben das Geräusch wie ein Kreischen, als reibe Metall aneinander, andere hören ein Hämmern oder so etwas wie Schüsse. Stechender Kopfschmerz setzt ein, Übelkeit, Schwindel. Binnen Sekunden sind die Opfer wie ausgeschaltet. Einige erleiden bleibende Schäden: Rauschen im Ohr, Dauerkopfschmerz, Seh- und Konzentrationsstörungen – und die subtile Angst, es könnte wieder passieren. Mindestens sieben sind auch ein gutes Jahr später noch arbeitsunfähig.

Und es geschieht immer wieder. Bis zum Herbst 2017 melden sich um die 80 Botschaftsangehörige und klagen über das, was wir hier Havanna-Syndrom nennen wollen. Einige werden den Moment, als die unsichtbare Kraft auf ihren Körper zu wirken begann, später beschreiben, als habe man sie bei voller Fahrt an das offene Fenster eines Auto gesetzt.

Alle Hypochonder?

Klar, es könnte spuken in Havanna. Da erscheint es doch zunächst wahrscheinlicher, dass hinter allem ein Angriff feindlicher Geheimdienste steckt – jedenfalls hegen die USA diesen Verdacht: Eine neue Geheimwaffe könnten ausländische Spione an den Diplomatinnen und Diplomaten ausprobiert haben. Vielleicht von den Kubanern zusammen mit den Russen entwickelt? Die Rede ist von einem Angriff mit Schallwellen, die Menschen, blitzschnell und ohne nachweisbare Spuren zu hinterlassen, wehrlos machen kann. Tatsächlich spricht das US-Außenministerium schnell öffentlich von "Attacken" – im September 2017 werden Botschaftsangehörige deshalb aus Kuba abgezogen.

Kann gut ein Jahr später die Wissenschaft endlich Klarheit bringen? Neurologen der University of Pennsylvania in Philadelphia haben jedenfalls zwei Dutzend der Betroffenen nach ihrer Rückkehr in die USA untersucht und das Ergebnis nun in der renommierten Fachzeitschrift JAMA (Swanson et al, 2018) präsentiert. Von 21 der Personen liegen verwertbare Daten zahlreicher Untersuchungen vor. Dabei hätten sich "fortgesetzte Verletzungen in ausgedehnten Netzwerken des Gehirns" gezeigt, auch wenn Aufnahmen aus dem Kernspintomographen keine Auffälligkeiten sichtbar gemacht hätten. Die Beschwerden erinnerten nach Ansicht der Ärzte an die Folgen einer Gehirnerschütterung, hielten aber dafür viel zu lange an. Fast alle der Untersuchten litten unter Gleichgewichtsschwierigkeiten, wiesen eine veränderte Augenbeweglichkeit und kognitive Veränderungen auf. Einige gaben an, sich wie im Nebel zu bewegen, konnten sich viel schlechter konzentrieren und hatten ihre Fähigkeit zum Multitasking verloren. Und das noch Monate, nachdem sie die intensiven Geräusche auf Kuba gehört hatten.

Zu wenig, um die Spekulationen zu beenden

Doch auch die Studie kann den Fall nicht aufklären. Und so gehen die Spekulationen weiter. Das US-Außenministerium spricht fortwährend von "health attacks", also Attacken auf die Gesundheit der Diplomatinnen und Diplomaten. Erst im Januar verschärfte das Land die Reisewarnung für Kuba. Im vergangenen August schmissen die USA kurzerhand zwei kubanische Diplomaten aus dem Land, wie der Fernsehsender CNBC berichtete. Kurz darauf tauchten Audioaufnahmen des angeblichen Geräusches auf. Kubanische Forscher, die sich der seltsamen Fälle angenommen hatten, analysierten das dort zu vernehmende Geräusch. Sie erklärten, es sei am ehesten das Zirpen der auf Kuba heimischen jamaikanischen Feld- oder Steppengrille, die laute Geräusche mache, aber nun wirklich niemandem etwas zuleide tun könne (Sciencemag: Stone, 2017).

Trotzdem: Die Vorstellung, dass man Geräusche und Schall als Waffe nutzen kann, hält sich. "Bisher wurde Schall vor allem als psychologische Beeinflussung genutzt", sagt Jürgen Altmann vom Lehrstuhl für Experimentelle Physik an der TU Dortmund, "in Form von Sirenen bei Stuka-Bombern oder Rockmusik gegen Manuel Noriega, den Diktator Panamas, der sich in 1989 in der Botschaft des Vatikans verschanzt hatte." Auch Schallkanonen, sogenannte Long Range Acoustic Devices (LRAD), die schmerzhaft laute Geräusche von sich geben, werden weltweit eingesetzt, um Menschen zu vertreiben. Allerdings sagte Douglas Smith, einer der Ko-Autoren des JAMA-Berichts und Neurologie-Professor in Philadelphia: "Wir glauben aber nicht, dass die hörbaren Geräusche das Problem waren."