VW hat sich nicht allzu beliebt gemacht, nicht nur unter Umweltfreunden. Seit Jahren hat der Konzern Autos auf die Straße geschickt, die viel mehr Schadstoffe in die Luft pumpen als erlaubt, und sich dann in einem Knäuel aus Lügen und Vertuschungen verheddert. Dann kamen auch noch fragwürdige Versuche an Affen dazu. Dabei war auch schon vorher klar: Dauerhaft Abgase atmen ist immer auch gesundheitsschädlich – für Menschen wie auch Tiere.

Einer der problematischen Stoffe aus dem Auspuff ist Stickstoffdioxid (NO2). Vor allem ältere Diesel- und Verbrennungsmotoren stoßen große Mengen aus. Vieles deutet daraufhin, dass hohe Konzentrationen in der Atemluft langfristig Asthma, Bronchitis und Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen. Jetzt beziffert eine neue Untersuchung im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA), was Stickstoffdioxid anrichten könnte (Schneider et al., 2018): Rund 6.000 vorzeitige Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Jahr 2014 führt die Behörde an, die unter anderem die Bundesregierung berät. Schuld daran sei die Stickstoffdioxidbelastung auf dem Land und in den Städten. Die habe in ebendiesem Jahr also rund 49.700 Lebensjahre gekostet.

Damit nicht genug: Das UBA stellt auch noch einmal fest, dass eine hohe NO2-Konzentration Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck, Schlaganfälle oder Asthma begünstigt. Sie erhöht auch das Risiko, chronisch obstruktive Lungenerkrankungen zu bekommen, unter denen die Funktion der Lunge erheblich eingeschränkt ist und Patienten AHA-Symptome erleiden: Atemnot, Husten, Auswurf. Demnach haben acht Prozent aller Typ-II-Diabetiker in Deutschland ihre Zuckerkrankheit entwickelt, weil sie Stickstoffdioxid eingeatmet haben. Das entspricht rund 437.000 Krankheitsfällen. Und unter den Asthmaerkrankungen ist der Anteil derer, die sich auf NO2 in der Luft zurückführen lassen, mit 14 Prozent noch höher. Er entspricht 439.000 Asthma-Kranken.

Es geht nicht um Gesunde, die plötzlich tot umfallen

NO2 ist offenkundig ein gesundheitsgefährdender Stoff. Auch wenn eine gesunde Person auf Stickstoffdioxid weniger empfindlich reagiert. Die Symptome kranker Menschen, Asthmatiker etwa, können sich dagegen verschlimmern. Im Vergleich zu anderen Schadstoffen ist die Krankheitslast aber relativ gering und die Zahl der vorzeitigen Todesfälle, die die UBA-Studie aufführt, mag einen falschen Eindruck vermitteln. Denn wovon ist genau die Rede?

Forscherinnen und Forscher meinen mit vorzeitigen Todesfällen, dass jemand gestorben ist, ehe er oder sie die Lebenserwartung erreicht hat, die Mediziner ihm oder ihr vorausgesagt hätten. Ohne Stickstoffdioxidbelastung in der Luft hätte der vorzeitige Tod vielleicht verhindert werden können. Gemeint sind aber nicht Gesunde, die plötzlich tot umfallen, sondern Menschen, deren Lebensdauer sich verkürzt. Eine Hochrechnung also, dazu gleich mehr.

Gesunde wiederum halten einiges aus, wie die Bestimmungen zu Grenzwerten von Stickstoffdioxid zeigen. In Deutschland darf zwar in der Außenluft durchschnittlich über das Jahr verteilt nur 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter vorkommen. "Auf der Arbeit ist der erlaubte Grenzwert sehr viel höher: 950 Mikrogramm pro Kubikmeter", sagt Ulrich Franck vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung zu ZEIT ONLINE. Die Annahme: Auf der Arbeit sitzen gesunde Menschen, denen eine stärkere Belastung nichts ausmacht. Die Luft draußen atmen mehr Kranke, die der niedrige Grenzwert schützen soll.

Die Ergebnisse der aktuellen UBA-Studie sind aus Modellbetrachtungen entstanden. Aus Messdaten für Stickstoffdioxid und der Bevölkerungsdichte haben die Autorinnen und Autoren etwa hochgerechnet, welchen NO2-Belastungen Menschen in Deutschland ausgesetzt waren. Sie haben mithilfe früherer Studien erfasst, welche gesundheitlichen Auswirkungen statistisch mit NO2 zusammenhängen. Und sie haben Daten aus der Todesursachenstatistik oder der umweltbedingten Krankheitslast (Environmental Burden of Disease) einbezogen, um schließlich Aussagen darüber zu treffen, wie viele Menschen aufgrund von NO2 in der Luft krank wurden oder starben.

Noch mehr vorzeitige Tote, wenn man es genau betrachtet

"Die Angabe von vorzeitigen Todesfällen und verlorenen Lebensjahren sind beide sinnvoll und werden in der Regel auch gemeinsam angegeben", sagte Tamara Schikowski dem deutschen Science Media Center (SMC). Sie ist Epidemiologin am Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung in Düsseldorf. Die Kritik an solchen Analysen sei aber, dass nicht klar werde, welche Rolle andere Risikofaktoren gespielt haben. Man wisse also nicht, ob etwa Rauchen oder Übergewicht einen stärken Einfluss auf den vorzeitigen Tod hatten als NO2 aus dem Straßenverkehr.

"Um das Risiko von NO₂ abzuschätzen, werden üblicherweise Bewohner in hoch belasteten mit jenen in niedrig belasteten Regionen verglichen. Individuelle Risikofaktoren wie Rauchen oder der sozioökonomische Status können in diesen Studien oft nicht berücksichtigt werden", sagt die Epidemiologin Stefanie Lanzinger von der Universität Ulm im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Sie schließt sich der Einschätzung der Studienautoren an, die schreiben, dass sie die Krankheitslast sogar noch zu niedrig berechnet haben dürften.

Die Forscher haben die Daten bewusst vorsichtig ausgewertet. Sie haben nur Krankheiten berücksichtigt, die statistisch gesehen mit hoher Gewissheit durch NO₂ verursacht werden können. Zudem haben sie lediglich die Grundbelastung auf dem Land und in der Stadt einbezogen und Spitzenkonzentrationen an Hotspots wie besonders verkehrsreichen Straßen ausgeklammert. Die tatsächliche Krankheitslast dürfte also tatsächlich höher sein.

Feinstaub reduzieren, Raucher entwöhnen – damit wäre mehr Menschen geholfen.
Ulrich Franck, Umweltforscher

Dennoch werde sie nie die Werte erreichen, die andere Schadstoffe verzeichnen, sagt Ulrich Franck. Feinstaub etwa, der meist zusammen mit NO2 auftritt und ebenso unter anderem aus Abgasen stammt. Er hat sich in den vergangenen Jahren als erhebliches Gesundheitsrisiko herausgestellt. Wie die Autoren der UBA-Studie schreiben, ließ sich für Feinstaub eine Krankheitslast mit rund 41.100 vorzeitigen Todesfällen berechnen.

Feinstaub in der Atemluft ist also mit einem deutlich höheren Lebenszeitverlust verbunden, sagt der Umweltforscher Ulrich Franck. "Das Gesundheitsrisiko, das von NO2 ausgeht, ist real, aber im Vergleich zu anderen Faktoren gering." Damit meint er nicht nur den Feinstaub. 6.000 Todesfällen durch Stickstoffdioxid stünden etwa Hunderttausende durch Rauchen gegenüber. "Ich will das NO2-Problem nicht kleinreden; seine Emissionen sollten mittel- und langfristig gesenkt werden, da durch NO2 im Mittel jeder Bundesbürger ungefähr 19 Stunden Lebenszeit verliert. Dennoch bin ich dafür, bei beschränkten Mitteln die Energie zuerst auf größere Gesundheitsrisiken zu verwenden. Feinstaub reduzieren, Raucher entwöhnen – damit wäre mehr Menschen deutlich geholfen."