"Die Angabe von vorzeitigen Todesfällen und verlorenen Lebensjahren sind beide sinnvoll und werden in der Regel auch gemeinsam angegeben", sagte Tamara Schikowski dem deutschen Science Media Center (SMC). Sie ist Epidemiologin am Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung in Düsseldorf. Die Kritik an solchen Analysen sei aber, dass nicht klar werde, welche Rolle andere Risikofaktoren gespielt haben. Man wisse also nicht, ob etwa Rauchen oder Übergewicht einen stärken Einfluss auf den vorzeitigen Tod hatten als NO2 aus dem Straßenverkehr.

"Um das Risiko von NO₂ abzuschätzen, werden üblicherweise Bewohner in hoch belasteten mit jenen in niedrig belasteten Regionen verglichen. Individuelle Risikofaktoren wie Rauchen oder der sozioökonomische Status können in diesen Studien oft nicht berücksichtigt werden", sagt die Epidemiologin Stefanie Lanzinger von der Universität Ulm im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Sie schließt sich der Einschätzung der Studienautoren an, die schreiben, dass sie die Krankheitslast sogar noch zu niedrig berechnet haben dürften.

Die Forscher haben die Daten bewusst vorsichtig ausgewertet. Sie haben nur Krankheiten berücksichtigt, die statistisch gesehen mit hoher Gewissheit durch NO₂ verursacht werden können. Zudem haben sie lediglich die Grundbelastung auf dem Land und in der Stadt einbezogen und Spitzenkonzentrationen an Hotspots wie besonders verkehrsreichen Straßen ausgeklammert. Die tatsächliche Krankheitslast dürfte also tatsächlich höher sein.

Feinstaub reduzieren, Raucher entwöhnen – damit wäre mehr Menschen geholfen.
Ulrich Franck, Umweltforscher

Dennoch werde sie nie die Werte erreichen, die andere Schadstoffe verzeichnen, sagt Ulrich Franck. Feinstaub etwa, der meist zusammen mit NO2 auftritt und ebenso unter anderem aus Abgasen stammt. Er hat sich in den vergangenen Jahren als erhebliches Gesundheitsrisiko herausgestellt. Wie die Autoren der UBA-Studie schreiben, ließ sich für Feinstaub eine Krankheitslast mit rund 41.100 vorzeitigen Todesfällen berechnen.

Feinstaub in der Atemluft ist also mit einem deutlich höheren Lebenszeitverlust verbunden, sagt der Umweltforscher Ulrich Franck. "Das Gesundheitsrisiko, das von NO2 ausgeht, ist real, aber im Vergleich zu anderen Faktoren gering." Damit meint er nicht nur den Feinstaub. 6.000 Todesfällen durch Stickstoffdioxid stünden etwa Hunderttausende durch Rauchen gegenüber. "Ich will das NO2-Problem nicht kleinreden; seine Emissionen sollten mittel- und langfristig gesenkt werden, da durch NO2 im Mittel jeder Bundesbürger ungefähr 19 Stunden Lebenszeit verliert. Dennoch bin ich dafür, bei beschränkten Mitteln die Energie zuerst auf größere Gesundheitsrisiken zu verwenden. Feinstaub reduzieren, Raucher entwöhnen – damit wäre mehr Menschen deutlich geholfen."