Dieser Artikel ist eine kommentierende Analyse. Für mehr Informationen zur E-Zigarette empfehlen wir einen Hintergrundartikel zum Thema (hier zu lesen). In unserem umfangreichen Drogen-Dossier (hier zu lesen) erfahren Sie mehr über psychoaktive Substanzen.

E-Zigaretten tun mehr Übel als Gutes. Sie verführen mehr junge Menschen zum Rauchen, als sie Langzeitrauchern beim Aufhören helfen. So lautet das Ergebnis einer Untersuchung, die heute im Magazin PLOS ONE erscheint (Soneji et al., 2018). Pro Jahr, haben vier Gesundheitsforscher und eine -forscherin für die USA hochgerechnet, helfen E-Zigaretten 2.070 Menschen, mit dem Rauchen aufzuhören. Sie retteten damit rund 3.000 Lebensjahre. Dem Gegenüber stünden aber 168.000 junge E-Zigaretten-Dampfer, die innerhalb eines Jahres auch Zigaretten ausprobieren und zu Rauchern werden. Das koste insgesamt eineinhalb Millionen Lebensjahre.

Da ist er also wieder: der vermeintliche Beweis, dass die Dampfgeräte Jugendliche an Zigaretten heranführen, dass sie eine "Einstiegsdroge" sind. Und dass ihr Schaden ihren Nutzen deutlich überwiegt. Die Studie bestätigt damit die Haltung vieler E-Zigaretten-Skeptiker. Das Problem ist: Die Autoren und die Autorin schüren Panik. Denn das, was sie da ausgerechnet haben, ist in Teilen problematisch.

Für die Analyse nutzten die Autoren statistische Wahrscheinlichkeiten für den Einstieg ins oder die Entwöhnung vom Rauchen. Zudem griffen sie auf Umfragen von Gesundheitsbehörden unter der US-Bevölkerung zurück. Die Studie ist also eine Simulation. Das ist nicht schlimm und um ein Risiko abzuschätzen, auch nicht unüblich. Was die Ergebnisse irrelevant macht, ist etwas anderes: Die Daten wurden für das Jahr 2014 erhoben. Seitdem hat sich viel getan. Neben Tabakprodukten werden auch E-Zigaretten in den USA inzwischen stärker reguliert, um junge Menschen zu schützen. Die Ergebnisse bilden also nicht den aktuellen Stand ab. Sie sind schlicht überholt. Außerdem dürften die Forscher das Potenzial der Dampfer in der Raucherentwöhnung viel zu pessimistisch eingeschätzt haben, kritisieren andere Wissenschaftler.

Seit 2016 fallen E-Zigaretten in den USA unter Regulationsmechanismen, die verhindern sollen, dass Jugendliche mit dem Dampfen anfangen. Für den Verkauf gelten seitdem ähnliche Regeln wie für Tabakzigaretten: Kunden, die der Verkäufer jünger als 27 einschätzt, müssen ihren Ausweis zeigen und wer nicht mindestens 18 Jahre alt ist, darf gar kein Gerät kaufen. Außerdem ist es verboten, kostenlose Dampfer oder Proben von Dampflüssigkeiten (Liquids) zu verteilen oder über einen Automaten zu vertreiben, der für Jugendliche frei zugänglich ist.

Auf die Prävention folgten Fortschritte: Die Zahl der Dampfer unter den Middle-School- (entspricht ungefähr unserer sechsten bis achten Klasse) und Highschool-Schülern sank. Dampften 2015 noch 5,3 Prozent beziehungsweise 16 Prozent, waren es 2016 nur noch 4,3 beziehungsweise elf Prozent. Dazu dürften zahlreiche Aufklärungskampagnen, strikte Verkaufsregeln und weit verbreitete Rauchverbotszonen beigetragen haben.

Die Autoren hätten das in ihrer Diskussion zumindest erwähnen können. Sie hätten deutlich machen können, dass ihre Ergebnisse eine vergangene Situation abbilden. Die Untersuchung wäre eine gute Gelegenheit gewesen, um zu zeigen, was Nichtraucherschutz bewirken kann. Dass es richtig ist, ihn auch für E-Zigaretten konsequent durchzusetzen. Und dass man ihn noch strenger machen könnte, indem man etwa die bunte Auswahl an Geschmacksrichtungen der E-Liquids reduziert. Die verführen nachweislich junge Menschen dazu, das Dampfen auszuprobieren (BMJ Tobacco Control: Shang et al., 2017). All dem widmen sich die Autoren allerdings nicht und liefern damit kaum neue Erkenntnisse.