Wie gehen Menschen damit um, dass alle sterben müssen? Wir fragen in der Serie "Der Tod ist groß" nach der Rolle des Sterbens im Leben und in der Gesellschaft. Hier haben wir mit dem Mediziner Gian-Domenico Borasio gesprochen, der Menschen im Sterben betreut.

ZEIT ONLINE: Palliativmedizinerinnen und -mediziner kümmern sich um Sterbende. Diesen Bereich betrachten viele Leute als menschlichere Medizin, da er sich stärker um die Bedürfnisse und Symptome von Patienten kümmert, als um ihre Krankheiten. Herr Borasio, ist die Palliativmedizin die bessere Medizin?

Gian-Domenico Borasio: Sie ist weder besser noch schlechter als der Rest der Medizin, sie hat nur eine andere Zielsetzung: Es geht nicht darum, das Leben der Patienten zu verlängern oder ihre Gesundheit wiederherzustellen, sondern die Lebensqualität in der letzten Lebensphase zu verbessern.

Gian-Domenico Borasio ist Professor für Palliativmedizin an der Universität Lausanne und Autor der Bücher "Über das Sterben" und "Selbstbestimmt Sterben". © privat

Das meint übrigens eher die letzten 24 Monate als die letzten 24 Stunden. Der Ansatz ist ganzheitlich und umfasst die physischen, psychosozialen und spirituellen Bedürfnisse der Patienten und ihrer Familien. Dafür brauchen wir mindesten fünf Berufsgruppen: Psychologen für Menschen mit Ängsten, Depressionen oder anderen psychischen Problemen, Seelsorgerinnen für existentielle und spirituelle Fragen, Sozialarbeiter, um das soziale Umfeld zu stützen, das oft noch stärker belastet ist als der Patient selbst. Und natürlich Ärztinnen und Pflegende. Dabei basiert die Palliativmedizin auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, sie setzt moderne Medikamente und technische Hilfsmittel wie eine nicht-invasive Heimbeatmung, schmerzlindernde Strahlentherapie oder computergesteuerte Medikamentenpumpen ein.

ZEIT ONLINE: Viele Patientinnen berichten, dass auf Palliativstationen eine ganz andere Atmosphäre herrscht. Es gibt Zeit, es gibt eine andere Personaldecke, es gibt eine Form von Zuwendung und Wärme, die Patienten in anderen Fächern gar nicht mehr gewöhnt sind.

Borasio: Die Basis der Palliativmedizin ist etwas, das eigentlich die Basis der gesamten Medizin sein sollte, nämlich das aktive Zuhören. Es ist meine tiefe Überzeugung: Die Medizin der Zukunft wird eine hörende sein, oder sie wird nicht mehr sein.

ZEIT ONLINE: Sie haben mehr als 10.000 Menschen beim Sterben begleitet: Gibt es einen sanften Tod für die meisten Menschen?

Borasio: Der Begriff des sanften Todes ist für die Praxis wenig hilfreich. Ein Tod muss nicht sanft sein und kein Mensch muss beim Sterben loslassen, wenn er das nicht will. Wir sollten aufpassen, dass wir unsere Patienten nicht in präformierte Vorstellungen darüber hineinpressen, wie ein guter Tod auszusehen hat. Das wäre palliativer Paternalismus. Wenn es etwas gibt, was ich in vielen Jahren Palliativmedizin gelernt habe, dann dies: mich zurückzuziehen mit meinen persönlichen Vorstellungen, was für eine bestimmte Person ein guter Tod sein könnte. Der einzige, der das sagen kann, ist der Patient selbst.

ZEIT ONLINE: Aber was machen Sie dann?

Borasio: Der Dichter Rainer Maria Rilke hat das auf den Punkt gebracht: "Oh Herr, gib jedem seinen eigenen Tod", schrieb er einmal. Die Palliativmedizin will ermöglichen, dass jeder Mensch den ihm angemessenen Tod stirbt. Im Großen und Ganzen sterben die Menschen dabei so, wie sie gelebt haben. Und der eigene Tod kann sehr unterschiedlich aussehen. Ein Beispiel: Wir hatten einmal eine Patientin, die mit Krebs im Endstadium zu uns kam. Sie hatte Schmerzen, Atemnot und viele andere Symptome. Wir haben uns um alles gekümmert, aber trotzdem gab es während jeder Visite ein Riesentheater, nichts war ihr gut genug. Gleichzeitig hatten wir aber den Eindruck, dass unsere Therapie wirkt. Und dann erzählte uns der Seelsorger, dass die Dame in ihrer Jugend eine große Operndiva war. Da wurde uns klar, dass ihr ganzes Leben ein großes Theater gewesen war und dass die letzte Aufführung auch nicht anders werden würde. Das hat uns in der weiteren Begleitung sehr geholfen.