Schön, dass Sie da sind, hören Sie doch bitte einmal in sich hinein! Ja, genau jetzt. Wie fühlen sich Ihre Zehen an? Und die Zehenzwischenräume? Wandern sie durch Ihren Körper. Spüren Sie in Ihre Ferse, in Ihre Kniekehle. Wie fühlt sich die Kopfhaut an? Kurz so bleiben.

Entspannung soll sich so einstellen, das Gefühl, einfach nur zu sein. Nehmen Sie schon ihre Umgebung besser wahr, was in und um Sie herum passiert? Wer die Aufmerksamkeit auch dorthin lenkt, wo etwas ziept oder schmerzt, macht es richtig. Dieser 30-minütige Bodyscan ist Teil der Achtsamkeitsmeditation. Achtsamkeit, das heißt, nicht ignorant durchs Leben zu rauschen. Es heißt, sich die Gerüche der Umwelt genauso bewusst zu machen, wie die eigenen Gedanken.

Das soll so gut helfen, dass Achtsamkeit zum Allheilmittel geworden ist. Seit Jahren hypen Medien das Thema. Doch auch die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen dazu hat sich in den vergangen Jahren vervielfacht (s. Grafik). Zu viel Stress? Achtsamkeitsmeditation! Nervige Kollegen? Achtsamkeit! Schmerzen nach der Krebs-OP? Achtsamkeit! Depression? Achtsamkeit! Konzentrationsschwierigkeiten? Sie ahnen es: Achtsamkeit! Aber helfen Achtsamkeitsübungen wirklich gegen fast alles oder gegen irgendetwas? Oder boomt die Technik nur deshalb, weil unsere Smartphones uns all unsere Aufmerksamkeit stehlen und wir in einer beschleunigten Welt keinen klaren Gedanken mehr fassen können?

Begonnen hat alles mit dem amerikanischen Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn Ende der Siebzigerjahre. Aus buddhistischer Meditation (Vipassana), Yoga und Zen formte er ein Programm, das Menschen ursprünglich einfach helfen sollte, besser mit Stress umzugehen. Es enthält eine Sitzmeditation, eine Körperübung, die man Bodyscan nennt (Sie erinnern sich an den Anfang dieses Artikels), und Yogaelemente. Alle religiösen Übungen, ethische Vorstellungen oder Begriffe wie Dukkha, das Leiden bedeutet und im Buddhismus eine wichtige Rolle spielt, entfernte Kabat-Zinn. Und er gab dem Ganzen einen neuen Namen: "Stressreduktion durch Achtsamkeit, kurz MBSR (aus dem Englischen: mindfulness-based stress reduction).

Inzwischen gibt es in Deutschland acht Ausbildungsinstitute und rund 1.000 Achtsamkeitslehrer sagt der Vorsitzende des zugehörigen Berufsverbandes, Günter Hudasch*. Tendenz steigend. Sie alle werden gebraucht: Immer häufiger bieten auch große Unternehmen wie Softwarehersteller SAP Achtsamkeitsübungen für ihre Belegschaft an, auch Krankenkassen übernehmen einen Teil der Kursgebühr (siehe Infobox).

Von der positiven Wirkung ist auch die Hamburger Gestalt- und Körpertherapeutin Sibille Buschert überzeugt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihrer MBSR-Kurse lernen in kleineren Gruppen im Moment zu verweilen, auch wenn störende Gedanken oder Geräusche da sind. Die Motivation der Übenden sei recht unterschiedlich: Einige wollten Schlafstörungen in den Griff bekommen, andere mehr Abstand zur Arbeit oder besser mit Konflikten oder Ängsten umgehen. Die meisten berichteten nach dem Kurs, dass sich ihre Beschwerden spürbar verbessert hätten oder dass sie sich effektiver abgrenzen konnten. Sie fühlten sich ruhiger, seien mehr bei sich, nähmen besser eigene Grenzen wahr und verstrickten sich nicht mehr so schnell in Probleme.