Viele wissenschaftliche Studien deuten auf den ersten Blick darauf hin, dass MBSR äußerst wirksam ist, wenn man es täglich übt. Stress, Ängstlichkeits- und Depressionssymptome ließen sich so lindern und Blutdruck, Blutzuckerspiegel, das Körpergewicht und das Level von Stresshormonen im Blut könnten sinken (Psychoneuroendocrinology: Pascoe et al., 2017; International Journal of Yoga: Parswani et al., 2013). Auch im Gehirn hinterlässt die Meditation anscheinend Spuren: Hirnareale, die für Aufmerksamkeit, die Regulation von Emotionen, das Gedächtnis und die die Körperwahrnehmung zuständig sind, scheinen bei Übenden größer zu werden (Nature Neuroscience Reviews: Tang et al., 2015).

Negative Gedanken verlieren ihre reizende und ätzende Färbung
Boris Kotchoubey, Psychologe

Mehr noch: Psychotherapien, die sich Techniken der Achtsamkeit zu eigen machen, könnten bestimmten Depressionskranken besser helfen als herkömmliche Verfahren. Einer, der sich mit dieser achtsamkeitsbasierten kognitiven Therapie, kurz MBCT, auskennt, ist der Psychologe Boris Kotchoubey vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie an der Universität Tübingen. Im Jahr 2016 hat Kotchoubey zwei Studien mit je 100 und 70 Probanden begonnen, die an einer wiederkehrenden Depression litten.

Während die klassische Verhaltenstherapie in Einzelsitzungen versucht, negative Gedankenspiralen zu stoppen oder das Grübeln zu unterdrücken, lernen die Teilnehmer der MBCT vor allem, Gedanken nicht zu bewerten. Die negativen Gedanken sind dann zwar immer noch da, aber "sie verlieren ihre negative, ihre reizende und ätzende Färbung", sagt Kotchoubey. Das helfe auch, Konflikte anders zu verarbeiten. Denn oft wirkten damit zusammenhängende negative Emotionen nach, selbst wenn man nicht mehr an den Konflikt selbst denke. Beim Achtsamkeitstraining lerne man, Negatives nicht mehr auf sich selbst zu beziehen, und auch nicht auf andere Gedanken zu beziehen, die mit dem Konflikt gar nichts zu tun haben. Gerade Menschen, die immer wieder an schweren Depressionen leiden, kann das helfen (Psychology Research and Behavior Management: MacKenzie & Kocovski, 2016). Inzwischen befürworten auch der Verband amerikanischer Psychiater und der National Health Service, das staatliche Gesundheitssystem Großbritanniens, die MBCT für solche Patienten.

Die wissenschaftlichen Daten sind nicht besonders gut

Allerdings beginnt hier ein grundsätzliches Problem. Nur weil achtsamkeitsbasierte Ansätze helfen, heißt das nicht, dass sie auch die beste Therapie sind. Für die rückfälligen Depressiven zum Beispiel könnte eine ganz andere Methode noch besser sein. Und zwar eine, die sehr stark auf Zwischenmenschlichkeit setzt und weniger auf Meditation, etwa das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (Journal of Consulting and Clinical Psychology: Michalak et al., 2015). Und bei anderen – deutlich häufigeren – Formen der Depression gibt es bisher keine Belege, dass achtsamkeitsbasierte Ansätze besser wirken als andere Therapien.

Es ist wenig verwunderlich, dass viel übertrieben wird, wenn es darum geht, was die Achtsamkeit alles können soll. Gegen chronische Schmerzen zum Beispiel scheint die Meditation kaum zu helfen (Annals of Behavioral Medicine: Hilton et al., 2017). Das zeigte vor Kurzem eine Metastudie, in die Daten aus vielen Einzelstudien einflossen. Im Allgemeinen, sagt Nicole Skoetz vom Centrum für Integrierte Onkologie Köln/Bonn, seien die wissenschaftlichen Daten zu Achtsamkeit nicht besonders gut: Die Studien hätten beispielsweise oft zu wenige Teilnehmer. Skoetz arbeitet gerade an einer Übersichtsarbeit für das Cochrane-Netzwerk, das strenge wissenschaftliche Maßstäbe anlegt. Skoetz will überprüfen, ob Achtsamkeitsübungen Patientinnen, die eine Brustkrebsdiagnose bekommen, gut tun (Cochrane: Will, Skoetz et al., 2015). Alles sieht danach aus, sagt sie. Die Frauen berichteten trotz der belastenden Chemotherapie mehrheitlich über eine bessere Lebensqualität. Dennoch ist die Studie eher die Ausnahme. Bei den meisten Krankheitsbildern, zum Beispiel Angststörungen, psychischen Störungen, die nur körperliche Symptome verursachen, oder bei Nackenschmerzen konnten Cochrane-Übersichtsarbeiten bislang keine Beweise für die Wirkung von Achtsamkeitsübungen finden – oder es gab zu schlechte Daten (Rodriguez et al., 2018).