ZEIT ONLINE: Wer kränkelt oder wem es mal irgendwo wehtut, teilt das in der Regel gerne mit. Statt sofort zur Ärztin zu rennen, erzählen wir unseren Verwandten, Freundinnen und Kollegen davon. Dauernd scheint es um Gesundheit und Krankheit zu gehen – zu Hause, in der Kneipe, der Kantine, im Büro. Frau Scholz, reden wir häufiger über unsere Leiden als über andere Dinge?

Urte Scholz: Ja. Meines Wissens gibt es dazu zwar keine Studien. Aber es ist eine Alltagsbeobachtung, die ich absolut teile.

Urte Scholz ist Professorin für angewandte Sozial- und Gesundheitspsychologie an der Uni Zürich und forscht zu Gesundheitsverhalten und Krankheitsbewältigung. © Frank Brüderli

ZEIT ONLINE: Woran liegt das? Was erhoffen wir uns davon, unser Leid zu klagen?

Scholz: Der wichtigste Grund scheint mir zu sein, dass wir so nach Unterstützung suchen. Einerseits nach Informationen und praktischen Hinweisen. Wir fragen: "Hattest du auch schon einmal so ein seltsames Ziepen im Bein? Was hat dir geholfen? Zu welchem Arzt bist du gegangen? Und hast du Magnesium genommen?" Andererseits wollen wir Trost und verstanden werden. So reduzieren sich die Sorgen. Wir suchen oft jemanden, der unsere innere Spannung für uns auflöst, indem er sagt: Du musst dir keine Sorgen machen, oder: Geh mal lieber zum Arzt.

ZEIT ONLINE: Unsere Empfindungen machen uns zu Experten auf diesem Gebiet. Reden wir auch deswegen so gern über unsere Leiden, weil wir uns endlich mal mit etwas auskennen?

Scholz: Ich glaube nicht, dass wir gern über unsere Erkrankungen reden. Manche Menschen reden aber sicher viel darüber. Natürlich sind wir Expertinnen und Experten für unseren Körper. Und wenn mit dem irgendetwas nicht so ist wie sonst, fangen wir an, darüber nachzudenken. Wenn ich beispielsweise einen komischen Fleck auf der Haut sehe oder etwas spüre, das mir nicht mehr normal vorkommt, dann bindet das meine Aufmerksamkeit. Dann habe ich ein starkes Bedürfnis, darüber zu reden, weil es so präsent ist. Informationen, die unseren Körper betreffen, gehen uns besonders nah. Noch dazu, wenn sie mit einer gewissen Unsicherheit verbunden sind. Wenn mir nicht klar ist, ob ich mir darüber Sorgen machen muss und eigentlich ganz dringend zum Arzt sollte.

ZEIT ONLINE: Meist reden wir aber nicht über Krankheiten, die wirklich gefährlich sind, wie etwa Krebs oder Herzversagen. Geht es also nicht unbedingt um Bewältigung, wenn wir über Krankheiten reden?

Scholz: Nein, meist reden wir über Dinge, die objektiv gesehen weniger schwerwiegend sind. Aber wenn ich ein seltsames Kribbeln in meinem Fuß habe, kann mich das trotzdem sehr beunruhigen. Auch wenn das von außen betrachtet lächerlich wirkt, weil es sich nur um ein Wehwehchen handelt.

Wenn wir über intime Dinge wie Körperliches reden, betreiben wir eine Art Selbstöffnung
Urte Scholz, Gesundheitspsychologin

ZEIT ONLINE: Manche geben mit ihren Leiden, mit ihren Unfällen und zahlreichen Operationen an. Sind wir stolz auf unsere Leiden?

Scholz: Natürlich kann da eine Suche nach Anerkennung hinter stecken. Dann ist die Erzählung über einen Unfall oder eine Krankheit ein Mittel, um Aufmerksamkeit und Beachtung zu bekommen. Wer etwas hat, wird aber auch eher von Aufgaben  wie dem verhassten Abwasch in der WG freigestellt.

ZEIT ONLINE: Mediziner nennen das den sekundären Krankheitsgewinn.

Scholz: Genau. Jemand profitiert letztlich auch davon, dass er krank ist.

ZEIT ONLINE: Was gibt es noch für Gründe, sich ständig über Krankheiten auszutauschen?

Scholz: Wenn wir über intime Dinge wie Körperliches reden, betreiben wir eine Art Selbstöffnung. Ich erzähle dann etwas, das ich auf ganz großer Bühne nicht so sagen würde. Das schafft Nähe und Intimität, nach der die meisten Menschen suchen.

ZEIT ONLINE: Reden wir im Kern gern über uns selbst? Und mithin über unsere Krankheiten?

Scholz: Das kann man nicht so allgemein sagen. Jemand, der sehr extrovertiert ist, redet gern und viel mit anderen und mitunter auch von sich selbst. Und wer eine narzisstisch gefärbte Persönlichkeit hat, redet eher über sich selbst.