Woran denken Sie, wenn Sie Tuberkulose hören? An Thomas Manns Buch Der Zauberberg, an eine Krankheit unserer Urgroßeltern, an tonnenschwere Röntgengeräte, die erste Bilder der Lunge machten? Die Wahrheit sieht anders aus. Sie taugt nicht für Nostalgie. Sie ist im Gegenteil absolut erschreckend. Denn allein heute, am Welttuberkulosetag, werden im Schnitt jede Minute drei Menschen an der Infektionskrankheit sterben. Mehr als 4.500 Menschen an einem Tag also. 28.000 werden sich neu anstecken, viele davon sind Kinder.

Mehrere Milliarden Menschen sind infiziert, sage und schreibe ein Drittel der Weltbevölkerung trägt den Erreger in sich. Ein einzelner wäre zwar gut zu behandeln und zu retten – theoretisch müsste niemand mehr an Tuberkulose sterben. Und doch bleibt TBC, wie Ärztinnen und Ärzte oft sagen, die tödlichste Infektionskrankheit der Welt.

In Deutschland ist die Tuberkulose kein großes Problem: Jährlich werden etwa 6.000 Fälle registriert. Und doch kommt es im Jahr auch hierzulande zu etwa 100 Todesfällen (Robert Koch-Institut, 2017). Im Vergleich zu anderen Ländern sind die Behandlungsmöglichkeiten hierzulande exzellent. Weltweit aber ist die Tuberkulose eine Seuche enormen Ausmaßes. Noch erschreckender als die Erkrankungs- und Todeszahlen aber ist die Art und Weise, wie die Regierungen auf die Erkrankung reagieren. Gemessen an ihrer Bedeutung vernachlässigen viele die Tuberkulose seit Jahrzehnten hochgradig. Das zeigt ein Blick auf die Zahlen: Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass jährlich fast zwei Milliarden Euro zur Bekämpfung der Tuberkulose fehlen (Global Tuberculosis Report 2017, PDF).

Zu wenig investiert wurde der WHO zufolge auch in die Erforschung neuer Tests und Medikamente – eine Milliarde Euro mehr hätte es hier gebraucht. Zwischen den Jahren 2011 und 2015 habe die Forschung gerade einmal ein Drittel dessen erhalten, was nötig gewesen wäre, um die Erkrankung mittelfristig auszurotten, schreibt etwa die Treatment Action Group (Report on Tuberculosis Research Funding Trends, 2005 – 2015), eine NGO, die ursprünglich im Kampf gegen Aids und HIV gegründet wurde und sich für die bessere und schnellere Erforschung von Medikamenten und Therapien einsetzt.

"Ein eklatanter Mangel an Forschungsgeldern"

Regierungen, Pharmaunternehmen und wohltätige Organisationen geben nur ungefähr halb so viel Geld für die Erforschung der seit dem 19. Jahrhundert bekannten Bakterieninfektion aus wie im Bereich HIV und Aids. Selbst die (noch immer unzureichende) Malaria-Forschung erhält mehr Geld (G-Finder Report, 2015). "Es gibt global einen eklatanten Mangel an Forschungsgeldern", kritisiert Marco Alves von der Organisation Ärzte ohne Grenzen. "Und auch in Deutschland hat die Tuberkulose eine sehr, sehr geringe Bedeutung in der Forschungslandschaft." Aber was muss zu einer Erkrankung, gegen die es seit Jahrzehnten eine etablierte Therapie gibt, überhaupt noch erforscht werden?

Überraschenderweise viel. Denn die Tuberkulose ist kein bakterieller Infekt wie jeder andere. Die Erreger zählen zu den Mykobakterien, und die lassen sich schon wegen ihrer dicken Zellwände von vielen Antibiotika – also den Medikamenten, die sonst zuverlässig Bakterien bekämpfen – kaum angreifen. Außerdem werden sie vom Körper eingekesselt, zum Beispiel in Kavernen, kleinen Löchlein im Lungengewebe, und sind deshalb für die im Blut zirkulierenden Wirkstoffe nicht gut erreichbar.

Nur eine Kombination spezieller Antibiotika heilt

Meist schlummern die Keime lange im Körper, teils über viele Jahre, und warten auf den Tag, an dem das Immunsystem des befallenen Menschen schwächelt. Zum Beispiel wegen einer zusätzlichen HIV-Infektion. Erst dann lösen sie sich aus dem Griff der Immunzellen, fangen an, sich stark zu vermehren und über den Körper zu verteilen. Dann verursachen sie oft Symptome und die Krankheit bricht aus.

Weil sich die Bakterien sehr langsam teilen, müssen Ärztinnen und Ärzte eine Tuberkulose außerdem deutlich länger mit Antibiotika behandeln als andere bakterielle Infektionen, meist mehrere Monate, manchmal Jahre. Um Resistenzen zu verhindern, verschreiben sie Kombinationen mehrerer spezieller Antibiotika.

Das große Problem: resistente Tuberkuloseerreger

Genau diese Resistenzen sind das große Problem, wie eine Fallstudie aus dem Jahre 2015 beispielhaft gezeigt hat (New England Journal of Medicine: Bloemberg et al., 2015). In ihr beschreiben Ärztinnen und Ärzte einen tibetischen Patienten, der sich mit einer Lungentuberkulose in einer Zürcher Klinik vorstellte. Obwohl dessen Therapie mehrfach umgestellt wurde, bekamen sie seine Infektion nicht in den Griff und mussten ihm schließlich den befallenen Lungenlappen entfernen. Bei Laboranalysen stellte sich heraus: Die Tuberkulosebakterien, die sich darin festgesetzt hatten, waren gegen sieben verschiedene Typen von Antibiotika resistent. 

Weltweit sind schon heute mehr als 600.000 Patientinnen und Patienten mit einer resistenten Form der Tuberkulose infiziert. Das heißt: Gegen die Keime in ihrem Körper kann das eigentlich wirksamste Antibiotikum nichts mehr ausrichten. Von den 600.000 sind bei mehr als 490.000 sogar mindestens die beiden wichtigsten Antibiotika, die normalerweise zur Therapie eingesetzt werden, machtlos (WHO: Global Tuberculosis Report, 2017). Noch vor zehn Jahren betraf das nur etwa 440.000 Menschen.

Ist in Russland bald jeder dritte Tuberkulosefall resistent?

Besonders stark verbreiten sich die resistenten Tuberkulosebakterien derzeit in Osteuropa, Zentralasien, im südlichen Afrika und in Südostasien. In Russland könnte bis 2040 gar ein Drittel der neuen Fälle durch resistente Keime verursacht werden (Lancet Infectious Diseases: Sharma et al., 2017).

Derzeit erhält aber nur jeder Fünfte dieser Betroffenen eine passende Therapie (AMR Control: Weyer et al., 2017). Die Folge: Die Behandlung wirkt nicht und neue Resistenzen werden gezüchtet, erklärt Christoph Lange, Professor am Forschungszentrum Borstel und Mitglied im TBNet-Forschungsverbund, einem Zusammenschluss von europäischen Forschern, die bessere klinische Forschung zu Tuberkulose betreiben wollen: "Das kann man aber ändern", erklärt er. Heute könne man das Genom jedes Bakterienstammes – also das Erbgut der Krankheitserreger – schon für 50 Euro sequenzieren. Daraus ließe sich erkennen, welche Antibiotika gegen den individuellen Bakterienstamm, der einen Menschen befallen hat, noch wirken. Dank eines computergestützten Behandlungsalgorithmus ließe sich dann eine maßgeschneiderte Therapie für jeden finden. Solche individualisierten Therapien seien sogar günstiger und schwächten die Ausbreitung von Resistenzen ab, meint Lange.

Die Weltgesundheitsorganisation aber wolle davon wenig wissen, sie vertraue weiter auf Standardtherapien: ein Schema für die sensitive Tuberkulose, ein anderes für die resistente. Außerdem, erklärt Martina Sester, Professorin für Infektionsimmunologie an der Uni des Saarlandes, fehle es an Studien dazu, wie lange man behandeln müsse. "Wir suchen deshalb Biomarker, mit denen wir feststellen können, wie gut Menschen auf die Therapie ansprechen." Für all das braucht es jedoch stabile Gesundheitssysteme und geschultes Personal in allen Ländern. Auch in den ärmsten.

Keime sind immer einen Schritt voraus

Je häufiger und je mehr Antibiotika gegen Tuberkulosebakterien eingesetzt werden, desto öfter und schneller haben die Keime die Chance, sich anzupassen und neue Resistenzen zu bilden. Denn die Erreger sind in der Lage, die Erbinformation, die es braucht, um den Angriff eines Antibiotikums zu überstehen, untereinander auszutauschen und weiterzugeben. In diesem ständigen Wettlauf müssen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler also ständig neue Arten von Medikamenten entwickeln. Am besten solche mit völlig neuen Wirkstoffen.

Dass mit Bedaquilin und Delamanid kürzlich zwei neue Medikamente auf den Markt kamen, ist nicht genug. Erstens, weil diese beiden Mittel in den meisten Regionen noch nicht verfügbar sind. Und zweitens, weil allein im Bereich neuer Medikamente von den 650 Millionen Euro, die laut Plan der WHO fließen sollten, fast 500 fehlen. Das Problem: Nach wie vor ist es für Pharmaunternehmen nicht lukrativ, an Antibiotika gegen die Superseuche zu forschen. Sie würden nämlich vor allem von Menschen in armen Ländern benötigt, die entsprechend wenig dafür bezahlen können. "Das ist ein klassisches volkswirtschaftliches Marktversagen", sagt Marco Alves. "Der Markt schafft es nicht, den sozialen Bedarf zu decken." Überhaupt sei das momentane System der Medikamentenentwicklung gescheitert, wenn es darum gehe, neue Antibiotika herzustellen. Während nach Schätzungen der WHO jährlich allein in der EU 25.000 Menschen an den Folgen einer Infektion mit resistenten Keimen sterben, kommen kaum neue Antibiotika auf den Markt.

Deutschland gibt viel für neue Antibiotika aus

Die WHO gründete deshalb 2016 die Initiative Global Antibiotic Research & Development Partnership (GARDP). Die erhält auch von Deutschland mit insgesamt mehr als 50 Millionen Euro viel Geld und soll die Antibiotikaforschung wiederbeleben. Welche Rolle Tuberkulose in der Arbeit von GARDP spielen wird, bleibt aber abzuwarten. Als die WHO vor einem Jahr eine Liste herausgab, gegen welche Keime die Weltgemeinschaft am dringendsten neue Antibiotika brauche, fanden sich darauf Bakterien wie Gonokokken, die Tripper verursachen, und der gefährliche MRSA-Keim, nicht aber die Tuberkulose.

Es gibt aber auch Grund zur Hoffnung. Zumindest erklärten die Staatschefs der G20-Staaten die Krankheit in der G20-Abschlusserklärung im letzten Jahr zur Priorität. "Wir müssen international besser zusammenarbeiten", sagt auch der Bundestagsabgeordnete Stephan Albani, der den Co-Vorsitz im Global TB Caucus hat, einer Gruppe von Parlamentarierinnen und Parlamentariern aus 130 Ländern, die sich für eine bessere Tuberkulosebekämpfung einsetzt. Im September dieses Jahres wird die weltweit tödlichste Infektionskrankheit dann auf höchster Ebene der Vereinten Nationen besprochen. Die Tuberkulose ist nach HIV erst die zweite Krankheit, bei der es dazu kommt. Es bleibt zu hoffen, dass das UN-Treffen den Kampf gegen die Tuberkulose voranbringt. Das ist dringend nötig. Denn während Sie diesen Text gelesen haben, sind mehr als zehn Menschen an Tuberkulose gestorben.