"Die Studie hat viele Stärken", sagt auch der Epidemiologe Michael Roerecke von der University of Toronto. Er verweist auf ein ungewöhnliches Ergebnis der Untersuchung, nämlich "dass Alkohol in geringen Mengen von einem Glas Wein oder Bier einen positiven Einfluss auf Herzinfarkterkrankungen haben kann". Das müsse aber nicht am Alkohol selbst liegen. Es könne auch damit zusammenhängen, dass hier Menschen tranken, die mehr Geld und damit einen höheren Lebensstandard hatten. Weltweit überwiege der negative Einfluss bei Weitem. "Speziell bei Frauen ist mit jedem Konsum ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs verbunden." Grundsätzlich sei das Krebsrisiko erhöht, wenn man Alkohol trinke, "auch für Mund- und Speiseröhrenkrebs". Das sei nicht vielen bewusst.

Diese Erfahrung macht auch der Mediziner und Suchtforscher Adam Winstock. Er leitet den Global Drug Survey, die weltweit größte Umfrage unter Menschen, die Drogen nutzen. ZEIT ONLINE berichtet jedes Jahr die Ergebnisse daraus exklusiv. Winstock fragt sich, wie sich die Erkenntnisse der aktuellen Studie am besten in effektive Gesundheitsbotschaften an die Bevölkerung übersetzen lassen. Wichtig sei es, "sowohl das Risikobewusstsein zu stärken als auch Möglichkeiten zu zeigen, wie sich weniger Alkohol positiv auf die Gesundheit auswirkt". 

Im Mai wird ZEIT ONLINE dazu Antworten von fast 100.000 Menschen aus verschiedenen Ländern veröffentlichen. "In der bislang größten Studie dieser Art haben wir das Potenzial von Warnhinweisen ausgewertet". Würden Sie weniger trinken, wenn auf der Bier- oder Wodkaflasche stünde, dass Alkohol Krebs auslösen kann, der Leber und dem Herz-Kreislauf-System schadet und auch Gewalt begünstigt? Zumindest sind vielen diese Informationen immer noch kaum bekannt.

Jugendliche trinken bereits weniger

Wie sehr es der Gesundheit guttut, weniger zu trinken, könnte die neue Studie sogar noch unterschätzt haben. Darauf weisen die Forschenden um die Statistikerin Wood hin. Sie hätten nämlich keine Daten von Menschen auswerten können, die ihre Alkoholsucht überwunden hätten. Denn sie wären als Nichttrinker in den Daten aufgetaucht. Auch fehlten den Forscherinnen und Forschern Daten aus den insgesamt 83 untersuchten Studien, die belegen könnten, wie Alkoholkonsum sich über das gesamte Leben hinweg auswirkt. Und sie mussten sich auf Befragungen stützen, in denen Menschen selbst einschätzten, wie viel sie trinken. Das verzerrt schnell die Ergebnisse, denn man untertreibt gern bei solchen Angaben.

Regelmäßiges Trinken unter jungen Menschen

Regelmäßiges Trinken unter jungen Menschen

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Weniger Alkohol ist immer besser. Das scheinen auch viele Jugendliche so zu sehen. Sie trinken insgesamt seltener Alkohol als in den vergangenen Jahrzehnten. Vor 30 Jahren trank noch mehr als jeder zweite 18- bis 25-Jährige und fast jede dritte 12- bis 17-Jährige mindestens einmal die Woche. Alkohol ist zwar immer noch beliebt, doch junge Menschen reizt er weniger, berichten sie in repräsentativen Umfragen (Alkoholsurvey 2016, BZgA, 2017). Allerdings gab jeder sechste Jugendliche an, er oder sie habe sich in den vergangenen Tagen volllaufen zu lassen. Zwar nimmt auch dieses Binge-Drinking ab. Es ist aber auch laut der aktuellen Untersuchung zu den Alkoholrichtwerten besonders schädlich.

Experten fordern deshalb nicht nur mehr Aufklärung und neue Richtlinien. Leider würden Regierungen die "Umsetzung von niedrigeren Promillegrenzen, Alkoholwerbeverboten, Preiserhöhungen oder auch die Begrenzung von Verkaufsorten von Bier, Wein und Schnaps grundsätzlich kaum vorantreiben", sagt Global-Drug-Survey-Leiter Winstock. Täten sie es, würde es helfen, die Folgen zu lindern. Der Alkohollobby dürfte das nicht gefallen. Sie ist in Deutschland mächtig und verhindert entsprechende Maßnahmen.

Was heißt das alles nun für Ihr Feierabendbier oder den Drink in der Sonne? Die meisten werden nicht aufhören wollen, mal was zu trinken. Selbst wer sich hin und wieder betrinkt, lebt zwar riskanter, stirbt aber nicht sofort. Täglich tötet heftiges Trinken zwar 40 Menschen in Deutschland. Darunter fallen aber auch Menschen mit einer langjährigen Alkoholabhängigkeit (Journal of Health Monitoring: Rommel et al., RKI, 2016). Wer dies im Hinterkopf behält und weiß, wie er Schäden verringern kann, der startet sicherer in den Sommer. Vielleicht auch mit dem einen oder anderen Bier weniger in der Hand.

© Mary Turner/Getty Images
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Alkohol? Gibt es überall, fast jeder trinkt. Meist mehr, als einem gut tut. Sieben Tipps, wie sie die schlimmsten Folgen vermeiden können.

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Alkohol-Tipps

Das sind unsere Quellen

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ZEIT ONLINE arbeitet mit dem Global Drug Survey zusammen, der weltweit größten Umfrage unter Drogennutzern. Mehr als 70.000 Alkoholtrinker gaben an, wie sie negative Folgen zu verringern versuchen. Zusammen mit Suchtexperten sind daraus Tipps zum Konsum entstanden.

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#1 – Besser ganz lassen ...

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#1 – Besser sein lassen ...

... machen aber nur die wenigsten.

Keine Droge gehört so selbstverständlich dazu wie Alkohol. Selbst Jugendliche kommen trotz Verbot leicht an Bier, Wein und Schnaps. 1,3 Millionen Deutsche sind abhängig, 9,5 Millionen übertreiben es meist, 74.000 sterben jährlich an den Folgen.

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Der männliche Körper verträgt Alkohol besser. Er hat prozentual mehr Muskelzellen. Deshalb wird mehr Wasser gebunden als im weiblichen Körper. Trinkt ein Mann die gleiche Menge wie eine Frau, verdünnt sich der Alkohol stärker. Allerdings: Männer neigen deutlich häufiger zum Rauschtrinken.

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