"Ausprobieren schadet ja nicht", dachte sich Carolina Richter, als sie von Livia hörte. Auf Facebook, Instagram und als Werbebanner auf zahlreichen Online-Portalen wird das kleine Gadget aktuell extrem beworben. Allein mit elektrischer Nervenstimulation soll es Frauen von ihren Regelschmerzen befreien – und das mindestens innerhalb einer Minute –, schreiben die Hersteller auf ihrer Website. Die lang ersehnte medikamentenfreie Lösung also.

Für Richter kam Livia wie gerufen. Menstruationsschmerzen hat sie seit dem Tag ihrer ersten Periode – also seit gut 14 Jahren. Ist es so weit, zieht sich ihr Unterleib zusammen, sie hat Bauchkrämpfe und ihr Rücken tut weh. In diesen Momenten möchte die 28-Jährige nur noch eins: sich mit einem großen Glas Nutella im Bett verkriechen. Weil das nicht immer geht, sie zur Uni muss und neben dem Studium auch noch arbeitet, nimmt Richter wie viele Frauen mit Regelschmerzen Schmerztabletten.

Livia ist ein TENS-Gerät (Transkutane Elektrische Nerven-Stimulation) und sieht auf den ersten Blick ein bisschen aus wie ein iPod. Klein, bunt und anstelle von Kopfhörern hängen zwei Elektroden dran. Die blumenförmigen Pads applizieren Frauen sich einfach dorthin, wo der Schmerz sitzt, so die Anleitung. Das Gerät selbst wird an die Hose geklippt.

Drückt man auf "Power", beginnt die elektrische Stimulation. Das Kribbeln und Zwicken, was dabei zu spüren ist, soll die Nervenbahnen "belegen", die die Schmerzsignale an das Gehirn weiterleitet. Im Gehirn kommen also nicht mehr die Schmerzsignale der Menstruation an, sondern nur noch die Signale des elektrisch stimulierten Kribbelns – so die Idee. Unser Denkorgan wird quasi ausgetrickst. Die Stärke der Stromimpulse lässt sich mit den Buttons "Plus" und "Minus" regulieren. Aber ist die Sache wirklich so einfach? Lassen sich Regelschmerzen tatsächlich mit ein paar Stromstößen lindern?

Studien unterstützen die Wirkung von TENS-Geräten

Dass Elektrostimulation ganz generell Menstruationsschmerzen lindern kann, darauf weist eine Studie der Universität von São Paulo in Brasilien hin, die 2015 im Magazin Neuromodulation erschienen ist (Lauretti et al., 2015). Dazu wurden 40 Frauen mit Regelschmerzen in zwei Gruppen eingeteilt. Die einen bekamen ein TENS-Gerät in die Hand, die anderen ein Placebo – sprich, ein Gerät, das ihnen die Elektrostimulation nur vorgaukelte. Sieben Tage lang setzten die Frauen das jeweilige Gerät alle acht Stunden für 30 Minuten ein. Das Ergebnis: Die Gruppe mit den echten TENS-Geräten hatte nicht nur weniger Schmerzen, sie nahm auch weniger Medikamente. 14 von 20 Frauen benutzten ihr Gerät, wie die Autoren berichten, auch nach der Studie weiter.

"Auf Livia lassen sich diese Ergebnisse allerdings nicht übertragen", gibt Doris Scharrel, Frauenärztin und stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte, zu bedenken. Um zu wissen, ob Livia einen vergleichbaren Effekt erzielt, müsste man nämlich genau dieses Gerät testen. Zudem war die Teilnehmerzahl von 40 Frauen in der besagten Studie nicht groß genug, um wirklich aussagekräftig zu sein. Eine Übersichtsarbeit der College Medicine University of Nigeria aus dem Jahr 2016 hat allerdings bestätigt: Es gibt einige deutliche Hinweise darauf, dass die Behandlung mit Elektrostimulation Regelschmerzen lindern kann (Complementary Therapies in Clinical Practice: Igwea et al., 2016). Da der Versuchsaufbau der dafür verglichenen Studien jedoch sehr unterschiedlich war, bräuchte es für einen handfesten Wirksamkeitsnachweis weitere Untersuchungen.

Das Livia-Gerät wurde von der Firma, die es herstellt, zwar getestet. Aber was dabei herauskam und wie viele Frauen an der Studie teilnahmen, verrät der Hersteller noch nicht – auch nicht auf Nachfrage von ZEIT ONLINE. Man veröffentliche die Ergebnisse noch nicht, arbeite aber an einem Dokument, das zur Veröffentlichung vorgesehen sei. Allerdings wären diese Ergebnisse allein ohnehin nicht sehr aussagekräftig, weil sie nicht von unabhängigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern stammen, sondern von denjenigen, die das Gerät auf den Markt gebracht haben und damit Geld verdienen wollen. Ihr natürliches Interesse ist, die Wirksamkeit nach Möglichkeit zu belegen – genauso wie die Unbedenklichkeit.

Dasselbe gibt es längst auf Rezept!

Als Frauenärztin hat Doris Scharrel gegen das Benutzen von Geräten wie Livia auch ohne wissenschaftlichen Wirknachweis nichts einzuwenden. Die Behandlung mit Elektrostimulation sei durchaus bewährt. "Bei chronischen Schmerzen sind TENS-Geräte schon lange Standard", sagt die Gynäkologin. Auch gegen Regelschmerzen habe sie die Geräte schon verschrieben – und zwar bereits vor gut 15 Jahren. "Das Neue an Livia ist nicht die Funktion", sagt Scharrel, "sondern das niedliche Design sowie der saftige Preis." 149 Euro kostet eins.

Die TENS-Geräte, die es auf Rezept gibt, besitzen zwar keine Elektroden in Blumenform, dafür sind sie umsonst. Letztendlich könnte deren Wirkung zwar auch auf einem reinen Placeboeffekt beruhen, was letztlich aber auch aus ärztlicher Sicht egal ist, solange die Patientinnen eine Besserung verspüren und keine Nebenwirkungen haben.

Dass man so ein Gerät auch verschrieben bekommen kann, wusste Caroline Richter nicht. Hätte ihr das jemand vorher gesagt, hätte sie vermutlich auf den Kauf eines teuren Livia verzichtet. Mit der Wirkung ist die 28-Jährige dennoch zufrieden. "Die Schmerzen sind durch die elektrische Stimulation zwar nicht weg", sagt sie. "Aber sie haben sich deutlich reduziert." Nervig findet sie, dass der Akku nur knapp acht Stunden halten. Dann muss Livia an die Steckdose, und die Schmerzen kehren für gewöhnlich wieder.

Verursacht werden Regelschmerzen vor allem durch die Prostaglandine, Botenstoffe im Gewebe, die während der Menstruation vermehrt ausgeschüttet werden. "Die Hormone haben eine kontrahierende Wirkung und sorgen dafür, dass sich die Muskeln der Gebärmutter in unregelmäßigen Abständen zusammenziehen und wieder entspannen", erklärt Frauenärztin Scharrel. Das Problem: Durch den erhöhten Druck in der Gebärmutter bilden sich im Gebärmutterhals oft Ödeme. Durch die Wasseransammlungen kann das Blut nicht abfließen, staut sich und verursacht Schmerzen. "Um das zu verhindern, können Frauen Prostaglandin-Synthese-Hemmer nehmen, also frei verkäufliche Medikamente, die die Ausschüttung des Hormons bei rechtzeitiger Einnahme zu Beginn der ersten Beschwerden hemmen. 

Ansonsten: Tee trinken

Wer weder Lust auf Tabletten noch auf Stromimpulse hat, dem rät die Frauenärztin zu krampflösenden Tees, etwa aus Frauenmantel, Schafgarbe und Brennnessel. Gut sei auch die Einnahme von Mönchspfeffer. "Dieser hilft, den Progesteron-Haushalt im Zyklus zu stabilisieren", erklärt Scharrel: "Denn ein Mangel an Gelbkörperhormonen führt zum Überwiegen des Östrogen-Spiegels und damit zu mehr Blutfülle und Wasseransammlungen im Körper."

Von der traditionellen Wärmflasche rät die Frauenärztin übrigens ab: Legen Frauen sich die auf den Bauch, regt das die Durchblutung zusätzlich an. Die Folge: Der Blutstau nimmt zu. "Da sind Anwendungen mit kalten Umschlägen oder einem Kühlpack tatsächlich effektiver."