Psychisch erkrankt könnte er gewesen sein, der Mann, der einen Campingbus in eine Menschenmenge in Münsters Altstadt lenkte. Ob er mit der klaren Absicht handelte, ihm vermutlich völlig fremde Frauen, Männer und Kinder zu verletzen oder sogar zu töten, ist nicht bekannt. Zwei Menschen starben bei dem Angriff, mehr als 20 wurden teils schwer verletzt. Kurz nachdem der Wagen zum Stehen kam, erschoss sich der Fahrer dann selbst. Sein Motiv? Unbekannt. Vielleicht wird es auch nie eindeutig zu klären sein.

Trotz der wiederholten Bitte der Polizei, nicht zu spekulieren, welchen Hintergrund die Tat hatte, fragen sich viele, was gemeint ist, wenn es heißt: Der 48-jährige mutmaßliche Fahrer sei psychisch auffällig gewesen. 2014 und 2016 sei dies gewesen. Auch der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) erwähnte dies bei einem Besuch des Tatorts am Sonntagmittag. Er verwies darauf, dass Freunde und Gesundheitsämter von einer psychischen Labilität gewusst hätten. Der Spiegel berichtete von einem möglichen vorherigen Suizidversuch des Deutschen, der wohl schon länger in Münster wohnte. Die Nachrichtenagentur dpa schreibt, es handele sich womöglich um einen psychisch labilen Einzeltäter.

Seelisch nicht stabil, davon ist häufig die Rede, wenn es um Taten Einzelner geht, die viele nicht fassen können. Wichtig dabei ist zu betonen, dass die allermeisten Menschen, die an psychischen Erkrankungen leiden oder diese überwunden haben, in den seltensten Fällen eine Gefahr für andere sind. Auch ist fast jeder Mensch im Laufe seines Lebens mindestens einmal von einer psychischen Labilität betroffen, sei es, dass man selbst an Depressionen, Angststörungen oder auch Suchterkrankungen leidet oder aber dass Freunde oder Verwandte betroffen sind.

Amokfahrt, Anschlag, erweiterter Suizid?

Zunächst einmal ist es schwierig zu definieren, was in Münster eigentlich genau geschah. War es eine Amoktat, ein Anschlag, ein erweiterter Suizid, ein Homizid? Das Geschehene trägt Züge all dieser möglichen Formen der Selbsttötung. Eine Amoktat scheint nach bisherigen Erkenntnissen das derzeit Plausibelste. Wer sie begeht, wird vor allem von Gewalt angetrieben, von Aggressionen, die sich aufgestaut haben. Meist greifen die mehrheitlich männlichen Täter dabei zu Schusswaffen. Sie wollen willkürlich töten und planen dabei den eigenen Tod mit ein. Wer Amok läuft, wird aber meist schon vorher auffällig, zieht sich zurück, macht vielleicht sogar Andeutungen. Vor allem aber planen solche Menschen intensiv ihr Vorhaben.

Wenn es zutrifft, wie der Spiegel schreibt, dass der Tatverdächtige schon einmal versucht habe, sich das Leben zu nehmen, stellt sich die Frage, warum er nun andere Menschen auf diese Weise mit in seine Pläne einbezogen haben mag. Inwieweit die rund ein Dutzend Feuerwerkskörper, die Schreckschusspistole und die Tatwaffe des Fahrers in Münster auf eine Amoktat hindeuten, ist unklar.

Die Ermittlerinnen und Ermittler in Münster gehen davon aus, dass der Fahrer des Kleinbusses allein handelte. Es gebe derzeit keine Hinweise auf einen politisch motivierten Hintergrund oder weitere Täter, sagte die Leitende Oberstaatsanwältin von Münster, Elke Adomeit, am Sonntag. Gerade auch für einen islamistischen Anschlag spreche "im Moment nichts", sagte der Innenminister Reul schon am Samstagabend. Es ist deshalb ausnahmsweise wichtig zu erwähnen, dass der Tatverdächtige deutscher Staatsbürger ist, wohl im Sauerland geboren wurde und nicht nach Deutschland eingewandert ist.

"Keine Anhaltspunkte für stärkere kriminelle Intensität"

Der Polizei sei der Tatverdächtige wegen kleinerer Delikte bekannt gewesen, sagte die Oberstaatsanwältin Adomeit. Die Verfahren aus den Jahren 2015 und 2016 seien aber alle eingestellt worden. Darin ging es um eine Bedrohung, Sachbeschädigung, eine Verkehrsunfallflucht und Betrug. Bislang habe man "aber keine Anhaltspunkte für eine stärkere kriminelle Intensität", sagte Adomeit. 

Gegen die Hypothese, dass es sich um einen erweiterten Suizid handeln könnte, spricht, dass es zwischen Täter und Opfern bislang keinerlei Verbindungen gibt. Dabei sind enge Beziehungen zwischen Menschen, die nicht nur ihren eigenen Tod planen, sondern auch den von Mitmenschen, typisch. Die Person, die den Suizid begeht, unterstellt dabei ihren anderen Opfern, dass sie einverstanden sind, mit ihr zu sterben.

Tötet jemand in eigener Suizidabsicht andere im Wissen, dass sie nicht sterben wollen, sprechen Kriminologen vom Homizid. Einige Beziehungstaten sind dafür Beispiele: Ein Mensch bringt seinen Partner oder seine Partnerin um, weil der- oder diejenige sich trennen will. Manchmal werden noch weitere Angehörige oder enge Freunde einbezogen. Aber auch hier ist der entscheidende Punkt, dass der Täter seine Opfer gut kennt und eine emotionale Bindung zu ihnen hat.