"Ich bin abhängig, aber nicht suchtkrank"

Dieser Artikel ist Teil der Serie Global Drug Survey, in der ZEIT ONLINE über Drogen im Alltag berichtet. Dazu haben wir gerade exklusiv Ergebnisse der gleichnamigen weltweit größten Drogenumfrage veröffentlicht.

Manchmal braucht Thomas Möller* eine Stunde, um eine Vene zu finden. Weil unberührte Haut rar ist, müssen noch verheilende Einstichlöcher herhalten, um seinen Körper mit Stoff zu versorgen. Seit mehr als drei Jahrzehnten geht das so. Lange setzte er auf Heroin, mittlerweile ist es Polamidon, ein vollsynthetisch hergestelltes Opioid, das ihn funktionieren lässt. Thomas Möller ist drogenabhängig und führt doch ein geregeltes Leben. Heute zumindest.

Während Möller im Badezimmer konzentriert eine Stelle für seinen Schuss sucht, sitzt seine Frau vor dem Fernseher. Sie weiß, was er tut, weiß, dass er es braucht, und akzeptiert es. Wie Möllers restliche Familie, Freunde und sein Arbeitgeber.

Seit 20 Jahren hat Möller denselben Bürojob. Sein Weg zum Schreibtisch führt über lange, mit blauem Teppich ausgelegte Flure, vorbei an weißen Türen, hinter denen Angestellte wie er ihre Stunden abarbeiten. Der 50-Jährige hat eine fahle Gesichtshaut und einige Falten, seine Haare sind schütter. Während des Gesprächs zieht er an den Kapuzenbändern seines Pullis, wickelt sich den Aufschlag seiner Ärmel um die Hände, schiebt die Arme von links nach rechts über den Tisch, als würde er mit seinem Pullover einen Wasserfleck wegwischen wollen. Er wirkt wie jemand, der sich mit viel Kaffee einige Nachtschichten um die Ohren geschlagen hat: müde und ein bisschen geschwächt. Dass ein jahrzehntelanger Gebrauch von Opiaten seinen Körper gezeichnet haben könnte – diese Vermutung liegt fern.

Am Anfang war es überhaupt kein Problem, mal drei Wochen nichts zu machen.
Thomas Möller, Drogenabhängiger

Dabei beginnt die Geschichte seiner Sucht bereits Mitte der Achtzigerjahre. Als Kind des Ruhrgebiets – in Essen geboren, die Eltern angestellt bei Krupp – war die Ausbildung zum Bergmechaniker im Kohlebergbau nicht sein Traumjob, aber das Naheliegende. Und so lernte er mit 17 Jahren, wie man Maschinen zum Stollenbau konzipiert, Förderanlagen montiert – und von Kollegen, wie man Heroin konsumiert. Er, der damals kaum etwas mit Drogen zu tun, bloß ein paar Mal an einem Joint gezogen hatte, zog sich von einem Tag auf den anderen Pulver mit einem Röhrchen in die Nase.

Angst vor Abhängigkeit oder Überdosierung hatte er keine. Zwar wusste Möller, was Heroin ist, hatte die Geschichten Süchtiger gehört, aber gedacht, er könne es handeln. "Das Fatale ist, dass das am Anfang möglich ist. Es war überhaupt kein Problem, mal drei Wochen nichts zu machen", erzählt er. "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass in relativ kurzer Zeit mit Körper und Geist Dinge passieren, die dich immer wieder da hinlaufen lassen." Doch genau das geschah.

Innerhalb weniger Wochen nahm er täglich sehr kleine Dosen. War an einem Morgen das Heroin aus, lief ihm die Nase und er hatte Muskelschmerzen. Erst vermutete er eine sich anbahnende Erkältung, dann wurde ihm bewusst, dass die Symptome mit dem nächsten Konsum verschwanden. "Ab dem Zeitpunkt war ich nicht mehr ehrlich. Nicht mehr ehrlich mit mir, aber auch nicht mit anderen."

Möller fing an, das Pulver zu spritzen, sonst wurde es zu teuer. Drei Monate nach dem ersten Rausch traf er sich schon deutlich seltener mit seinen Freunden. Er mied sie, um mehr Drogen für sich zu haben. "Das war der Schritt auf die andere Seite", sagt er heute. Dann geriet der Alltag außer Kontrolle. Möller hörte auf zu arbeiten und begann stattdessen, Stoff zu verkaufen, um die eigene Sucht zu finanzieren. Statt Teil der Gesellschaft zu sein, lebte er plötzlich an dessen Rand. Freunde starben an einer Überdosis, Möller selbst kam für 22 Monate in Haft, trotz Entzugskuren konnte er nicht vom Heroin lassen, lebte seine Sucht in verschiedenen Städten.

Die Substitutionstherapie veränderte sein Leben

In Bonn kam 1993 für ihn die Wende. Damals durfte er in ein Wohnprojekt, ein Pilotprojekt, für Substituierte einziehen und Möller fand einen Arzt, der ihn täglich mit legalen Heroin-Ersatzstoffen zu behandeln begann (siehe Infobox).

"Die Substitution hat mein Leben grundlegend verändert", erzählt Möller, "ich bin morgens hin, hab das Zeug getrunken, hatte nichts mehr mit Entzug zu tun, nichts mehr mit Beschaffung, bin mit meinem Geld ausgekommen, hab dafür was zu Essen geholt statt Stoff." Er bekam einen Job bei einem Verein für Junkies, Ehemalige und Substituierte und wurde fünf Jahre später Referent bei einem Verband für Drogenhilfe, wo er noch heute arbeitet.

Wie seine Kollegen verbringt Möller viel Zeit im Büro, entwickelt Projekte, schreibt E-Mails. Außerdem fährt er auf Dienstreisen, um Netzwerkarbeit zu betreiben, laufende Projekte vor Ort zu betreuen und Kongresse zu besuchen. Er sei leistungsfähig und sehr gut in der Lage, seinen Job zu machen, sagt seine Chefin. Sie kennt ihn seit acht Jahren: "Wir sind ein großes Haus, in dem viele chronisch kranke Menschen arbeiten. Ich kann daher gut sagen: Sein Leben mit seiner Opiatabhängigkeit auf Substitution ist nicht anders als das Leben anderer chronisch Erkrankter." Für sie ist Möller ein Beispiel dafür, dass "ein Leben als berufstätiger Mensch trotz Substitution, trotz Opiatabhängigkeit gut möglich ist. Wenn man die Chance dazu bekommt."

So sehr er die Arbeit genießt, so sehr freut Möller sich täglich auf den Feierabend – und auf seine Opiate. Mittlerweile darf er seine Medikamente mit nach Hause nehmen und muss nicht mehr täglich in die Praxis. Jeden Abend löst der 50-Jährige zwei  Polamidon-Tabletten mit etwas Wasser auf, zieht die Lösung in eine Spritze und setzt sich seinen Schuss. "Ich mache das immer abends, um besser schlafen zu können", sagt er. "Die Dosis hält so lange, dass ich am nächsten Morgen zur Arbeit gehen kann und bis abends keine Entzugserscheinungen habe." Die Freude am Rausch ist geblieben. Er spritzt die aufgelösten Tabletten, damit es sich noch ein wenig anfühlt wie Heroin. Und manchmal, wenn er Lust darauf hat, nimmt er Kokain.

Ich hab 'nen 40-Stunden-Job, ich hab eine Familie, ich leb mitten in der Gesellschaft.
Thomas Möller, Drogenabhängiger

Gesundheitlich geht es ihm weitestgehend gut. "Das größte Problem ist, dass ich meine Medikamente nicht oral einnehme, sondern spritze, was die Venen schädigt", sagt er. Folglich sind seine Finger und Füße schlechter mit Blut versorgt. "Sieht man ja", sagt Möller und streckt seine Hände vor. Sie sind rot und geschwollen. Außerdem altere er durch die Drogen schneller, sagt er und zuckt leicht mit den Schultern. Ansonsten habe er keine Einschränkungen. Weder körperlich noch sozial.

Mit seiner Suchtgeschichte geht er offen um. Er hat das Glück, dass sein Umfeld ihn akzeptiert. So hat Möller keine Kollegen, die ihre Taschen wegsperren, keinen Vermieter, der ihn aus der Wohnung schmeißt, keinen Arbeitgeber, der ihm kündigt. Nichts von dem, was andere Abhängige fürchten.

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Er sei abhängig, das schon, sagt Möller. Schließlich könne er den nächsten Tag nicht verbringen, ohne sich Drogen zuzuführen. Sein Körper reagiere sonst mit Entzugserscheinungen, mit Kopfschmerzen, Gliederschmerzen. Er sei abhängig, sagt Möller – aber nicht suchtkrank: "Ich hab 'nen 40-Stunden-Job, ich hab eine Familie, ich leb mitten in der Gesellschaft. Wenn ich krank wäre, wäre das nicht möglich."

Vollständig von Opiaten lassen will Möller nicht: "Ich habe ganz bewusst entschieden, nicht runterzudosieren und nicht rauszugehen", sagt er. "Mir tut das gut und ich kann damit arbeiten."

*Name von der Redaktion geändert

Wie sich Drogen sicherer nehmen lassen, welche Risiken jeder kennen sollte und welchen Einfluss verschiedene Substanzen auf die Gesundheit, die Psyche, die Gesellschaft und unser Zusammenleben haben: Auf zeit.de/drogen finden Sie alle Reportagen, Hintergrundstücke und Tipps im Umgang mit Alkohol, Cannabis und anderen Drogen.