Ein Hauptgrund für den Anstieg der Todesfälle durch Drogen in Nordamerika ist das Aufkommen von Fentanyl, einem synthetischen Opioid. Es ist bis zu 50 Mal höher konzentriert als Heroin. Dem ehernen Gesetz der Prohibition folgend, welches besagt, dass illegale Substanzen konzentrierter werden, je mehr die Strafverfolgung zunimmt, bevorzugen Drogendealer Fentanyl. Auch weil es leichter herzustellen und zu transportieren ist als Heroin. Tatsache ist jedoch, dass die meisten Akteure am unteren Ende der Kette des Drogenhandels wenig Ahnung von der Potenz – und damit von der Tödlichkeit – dessen haben, was sie da verkaufen.

Statt höhere Strafen zu fordern, sollte sich die US-Regierung auf Maßnahmen konzentrieren, die die Zahl der Überdosis-Todesfälle verringern und die öffentliche Gesundheit verbessern. Wenn Opioid-Substitutionstherapien, kombiniert mit sozialer Integration und anderen Unterstützungsprogrammen, in den Vereinigten Staaten breiter verfügbar wären, könnten viele Leben gerettet werden, wie es in Westeuropa der Fall war, als es in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren mit seinen eigenen Heroin- und HIV-Epidemien konfrontiert war. In der Schweiz beispielsweise werden Patientinnen und Patienten, die auf eine andere Behandlung ihres Drogenkonsums nicht angesprochen haben, täglich in einem permanenten medizinischen Dienst mit Diamorphin versorgt. Durch dieses Programm mit medizinischem Heroin bekannter Stärke gab es in den 25 Jahren seit Bestehen keine Todesfälle mehr.

Andere Maßnahmen zur Schadensminimierung wie Nadel- und Spritzenaustauschprogramme und sichere Konsumeinrichtungen haben sich in Ländern, in denen sie eingeführt wurden, als wirksam erwiesen. Mittlerweile gibt es rund 100 solcher Einrichtungen in 66 Städten in neun Ländern: Keine davon hat einen Tod durch Überdosis zu vermelden.

Diese Dienste werden jedoch nicht so genutzt oder funktionieren so gut, wie sie könnten, wenn Drogenkonsum und -besitz weiterhin kriminalisiert werden. Menschen, die Drogen konsumieren, werden nicht die Unterstützung und Dienste aufsuchen, die ihr Leben retten könnten, wenn sie fürchten, dabei verhaftet zu werden. Wenn die US-Regierung wirklich das Leben ihrer Bürgerinnen und Bürger retten will, sollte sie den Krieg gegen Drogen nicht neu entfachen. Stattdessen sollte sie sich darauf konzentrieren, die gegenwärtige Krise vor allem als eine der öffentlichen Gesundheit zu behandeln.

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