Wer stationär psychiatrisch behandelt wird, sollte in Bayern künftig der Polizei gemeldet, dessen Daten fünf Jahre gespeichert werden. So sah es der Entwurf (hier nachzulesen) für ein erneuertes Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz (BayPsychKHG) vor. Auf Druck von Fachleuten und der Öffentlichkeit will Bayerns Staatsregierung bei der Einschränkung der Freiheit von Menschen in Therapie – und es geht hier nicht um Straffällige – nun doch nicht ganz so weit gehen. Patientendaten sollen nicht gespeichert werden. Und polizeilich registriert werden soll nur, wer zwangsweise untergebracht wurde oder nachweislich eine Gefahr für andere darstellt, so die abgeschwächten Pläne.

Doch ändern diese Nachbesserungen etwas an dem Signal, das von diesem Gesetz ausgeht? Es trägt nach Ansicht vieler Ärztinnen und Ärzte weiterhin zur Stigmatisierung Betroffener bei. Der Medizinhistoriker Florian Bruns vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg warnt vor dem Wiederaufleben alter Ressentiments gegenüber psychisch Kranken: Aus Angst und Unverstand wurden diese über Jahrhunderte hinweg geächtet, verfolgt und sogar ermordet. Ein Gastbeitrag.

Es mag zunächst paradox klingen, doch die Geschichte der Ausgrenzung und Stigmatisierung psychisch kranker Menschen fällt historisch zusammen mit dem Beginn der Aufklärung im frühen 18. Jahrhundert. Schaut man genauer hin, so erscheint dieser Umstand nicht allzu verwunderlich: Das Zeitalter der Vernunft definierte sich zum nicht geringen Teil über die Abgrenzung zur Unvernunft. Und in wem wäre diese Unvernunft offensichtlicher zu erblicken gewesen als im geisteskranken Widerpart des rational denkenden Menschen? Das von Kant entworfene Ideal des zur Selbstgesetzgebung fähigen Menschen benötigte immer auch sein Gegenstück, nämlich Frauen, Kinder, Geisteskranke oder sogenannte Wilde, die nicht als vernunftbegabte Wesen, und daher auch nicht ohne Weiteres als Träger menschlicher Würde galten.

Florian Bruns ist Arzt und Historiker. Er lehrt und forscht zur Medizinethik und dem Nationalsozialismus. © privat

Im Mittelalter war der Umgang mit Seelenstörungen, sofern diese medizinisch überhaupt als solche erkannt und klassifiziert wurden, durch eine gewisse Ambivalenz gekennzeichnet. Wer die Toleranz der bäuerlich geprägten Lebenswelt aufgrund seines Verhaltens sprengte, sah sich mehreren möglichen Schicksalen ausgesetzt, in denen weder der Staat noch die Medizin eine Rolle spielten. Vielleicht durfte der "irre" oder "toll" Gewordene als geduldeter Sonderling am Rande der Gemeinschaft weiterleben, mit etwas Glück wurde er sogar ehrfürchtig als Unberührbarer oder Heiliger geachtet. Vielleicht musste er sein Dasein aber auch in der Verwahrung eines klösterlichen Hospitals fristen. Als brutalste Konsequenz drohte ihm die Ächtung oder, insbesondere den Frauen, die Verbrennung auf dem Scheiterhaufen.

Zucht und Ordnung als Reaktion auf Erkrankungen

Im absolutistischen Staat der Frühen Neuzeit wurde den kirchlich-karitativen Einrichtungen die Kompetenz in der sogenannten Irrenfürsorge mehr und mehr entzogen. Die staatliche Obrigkeit übernahm die soziale Kontrolle ihrer Untertanen, die im Falle von auffallender psychischer Andersartigkeit mit erheblichen Repressionen rechnen mussten. Der Ordnungsgedanke war fortan das Leitmotiv im Umgang mit sozial abweichendem Verhalten. Immer häufiger wurden nun Zucht- und Arbeitshäuser zu Aufenthaltsorten der psychisch Kranken. Dort trafen sie auf Bettler, Obdachlose und Kriminelle. An Behandlung war in einer solchen Umgebung natürlich nicht zu denken, sie war auch nicht vorgesehen. Vielmehr stand die Isolierung dieser Menschen, die Unterbringung – fern von anderen – im Vordergrund. Durch sie sollte der öffentliche Raum von unerwünschten Elementen freigehalten werden. Zur Unterbringung boten sich außerhalb der Städte gelegene ehemalige Pesthäuser an, die im 17. Jahrhundert häufig leer standen.

Die Irren sind keine Schuldigen, die man bestrafen muss, sondern Kranke, die alle Rücksicht verdienen, die wir leidenden Menschen gegenüber schuldig sind.
Philippe Pinel, Pariser Psychiater (1745–1826)

Aus dieser elenden Lage, so der halb legendäre Gründungsmythos der Psychiatrie, wurden die Geisteskranken durch den Pariser Arzt Philippe Pinel befreit. Im Zuge der Französischen Revolution beendete der Direktor des Hospitals Bicêtre 1793 die Epoche der Gefängnispsychiatrie, in der viele psychisch Kranke buchstäblich in Ketten lagen, mit den Worten: "Die Irren sind keine Schuldigen, die man bestrafen muss, sondern Kranke, die alle Rücksicht verdienen, die wir leidenden Menschen gegenüber schuldig sind."

In der Folgezeit etablierte sich die Psychiatrie zunehmend als medizinisches Fachgebiet, das erstmals den Anspruch erhob, psychisch Kranke zu therapieren, von ihrem Leiden zu befreien oder dies erträglicher zu machen.

Trotz vielfältiger Bestrebungen, den Umgang mit Patientinnen und Patienten zu humanisieren, beherrschte der autoritäre Ansatz, der oft mit Freiheitsentzug und körperlichen Zwangsmaßnahmen verbunden war, noch jahrzehntelang den Anstaltsalltag. Auch an der Stigmatisierung der Betroffenen änderte sich wenig. Mit ihren letztlich unerklärlichen Symptomen fielen sie aus der gesellschaftlichen Konformität und erzeugten Argwohn und Misstrauen. Nicht umsonst wurden die im späten 19. Jahrhundert vermehrt gebauten Anstalten außerhalb der Städte in ländlicher Abgeschiedenheit und festungsähnlicher Architektur errichtet. Diese Isolation bewirkte, dass auch die letzten noch bestehenden Sozialkontakte der Insassen abbrachen.