Wer in einer psychiatrischen Klinik behandelt wird, soll in Bayern künftig der Polizei gemeldet, die Daten fünf Jahre gespeichert werden. Alarmiert und besorgt haben Medizinerinnen und Mediziner, Betroffenenverbände, die Opposition im Landtag und viele Bürgerinnen und Bürger in sozialen Netzwerken auf Bayerns Pläne zur Verschärfung seines Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetzes (Bay-PsychKHG) reagiert (ZEIT ONLINE berichtete). Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin, erklärt, welches Signal dieser Gesetzentwurf weit über Bayern hinaus an Erkrankte und Angehörige sowie die Öffentlichkeit sendet.

ZEIT ONLINE: Herr Heinz, was würde das Gesetz in der Praxis für Ihre Arbeit bedeuten, würde es in ähnlicher Art in Berlin eingeführt?

Andreas Heinz: Es würde bedeuten, dass sich die Art des Umgangs mit Patientinnen und Patienten aus der psychiatrischen Forensik, also dort wo psychisch kranke Straftäter behandelt und untergebracht werden, auf die Allgemeinpsychiatrie überträgt. Also auf einen Bereich, in dem wir Menschen helfen wollen, die nicht wegen Straftaten verurteilt worden sind. Viele Passagen des Entwurfs wurden quasi aus Gesetzen für den Maßregelvollzug übernommen.

ZEIT ONLINE: Was heißt das genau?

Heinz: Ein straffällig gewordener Mensch kommt dann in eine forensische Klinik, wenn ein Gericht nach Anhörung von medizinischen Gutachten zur der Überzeugung kommt, dass diese Person eine schwere psychische Erkrankung hat, die sie schuldunfähig macht oder die Schuld mindert – eben eine Art Ersatz für eine Gefängnisstrafe. Dort gelten natürlich sehr strenge Regeln. Nur sind solche jetzt auch in dem Gesetzesentwurf vorgesehen, der für alle anderen Nicht-Straftäter gelten soll, die in eine Klinik gehen.

ZEIT ONLINE: Welche Patientinnen und Patienten werden überhaupt gegen ihren Willen in eine allgemein psychiatrische Einrichtung gebracht?

Heinz: Zu uns kommen oft Menschen, die sich zwar fremd- und selbstgefährdend verhalten, aber meist keine Straftaten begehen. Selbstgefährdung besteht etwa, wenn jemand in einer schweren Depression davon überzeugt ist, nicht mehr weiterleben zu wollen. Zum Schutz der betroffenen Person wird er oder sie dann zu uns gebracht. Bei einer Fremdgefährdung geht es ganz oft um relativ harmlose Dinge: Etwa dreht jemand die Musik zu laut auf, um seine halluzinierten Stimmen zu übertönen, dann klopfen Nachbarn oder Polizisten an die Tür und versuchen, sich Zutritt zu verschaffen. Schließlich schlägt die Person in einer Rangelei jemanden und wird dann zu uns gebracht.

ZEIT ONLINE: Das heißt, selbst- oder fremdgefährdend bedeutet nicht unbedingt, dass man vor diesen Menschen Angst haben muss?

Heinz: Es gibt natürlich auch extreme Fälle: Wir hatten beispielsweise mal einen Patienten, der mit einer Scherbe einen Pfleger angriff, weil er davon überzeugt war, dass das seine Krankheit heilen würde. Aber in der Regel sind auch das Taten im Rahmen einer Psychose, aus der man die Patientinnen oder Patienten mit einer üblichen Behandlung herausholen kann. Deshalb liegen die Liegezeiten in Kliniken auch bei durchschnittlich drei Wochen und nicht bei mehreren Jahren, wie es eben bei einer Gefängnisstrafe oder in einer forensischen Klinik üblich ist. Diese Menschen wie Straftäter zu behandeln, ist weder sinnvoll für deren Heilungsprozess noch für die Gesellschaft. Psychisch Kranke werden so erstens noch stärker stigmatisierend behandelt als ohnehin schon. Zweitens wird die bloße Androhung, dass man polizeilich gemeldet wird, dass die persönlichen Daten erfasst werden und, dass man mit strengen Freiheitseinschränkungen, was Besuch und mitgebrachte Dinge angeht, rechnen muss, Menschen davon abhalten, sich psychiatrische Hilfe zu holen. Dadurch ist das Gesetz extrem gefährlich.

ZEIT ONLINE: Wie erleben Sie die Stigmatisierung bisher?

Heinz: Das war immer schon ein riesiges Problem. Psychische Erkrankungen werden häufig nicht ernst genommen. Den Erkrankten selbst wird oft die Schuld für ihr Verhalten, ihre Probleme, ihre Eigenarten zugeschoben. Zur Zeit des Nationalsozialismus sind psychisch Kranke gegen ihren Willen sterilisiert oder sogar ermordet worden. Das ist noch gar nicht so lange her. Die Angst, so eine Erkrankung zu benennen, ist deshalb oft noch tief verwurzelt – bei denen, die krank sind, und auch in den Familien. Deshalb werden Beschwerden oft versteckt. Auch heute noch kommen viele Patienten viel zu spät in Behandlung, gerade bei schweren psychischen Erkrankungen erhalten die Betroffenen oft erst fünf oder zehn Jahre zu spät eine angemessene Therapie.

ZEIT ONLINE: Aber hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht viel getan, was das Bewusstsein für psychische Leiden angeht?

Heinz: Aufklärungskampagnen haben schon für einen gewissen Abbau von Vorurteilen, etwa gegenüber Depressionen, gesorgt. Aber in vielen anderen Bereichen – bei schizophrenen Psychosen oder Suchterkrankungen – gibt es noch sehr viel Stigma. Das wirkt sich auch auf die Behandlung aus. Noch weniger Menschen würden sich im Ernstfall Hilfe suchen, wenn immer dieses Wissen da wäre, dass man zum Beispiel nach einem Suizidversuch über fünf Jahre in einer öffentlichen Datei erfasst würde.