Dieser Artikel ist Teil der Serie Global Drug Survey, in der ZEIT ONLINE über Drogen im Alltag berichtet. Zudem veröffentlichen wir exklusiv Ergebnisse der gleichnamigen weltweit größten Drogenumfrage.

Bitte nicht schon wieder, mögen Sie denken. Natürlich, jeder weiß, dass Alkohol ungesund ist, ebenso wie zu viel Fleisch, Zucker, Fett oder Salz. Alles schon gehört. Muss man also ständig an die Gefahren von Alkohol erinnern? Es gibt gute Gründe dafür: Keine andere Droge schadet dem Einzelnen und der Gesellschaft in Deutschland mehr. 2014 starben 14.000 Menschen direkt an Alkoholerkrankungen. Das sind fast 40 Männer und Frauen jeden Tag, mehr als viermal so viele wie nach Unfällen im Straßenverkehr (Journal of Health Monitoring: Rommel et al., RKI, 2016 und Destatis, 2018). Und im vergangenen Jahr wurde fast ein Drittel (29 Prozent) aller aufgeklärten Straftaten von gefährlicher und schwerer Körperverletzung alkoholisiert begangen (PKS, 2018).

In Deutschland haben mehr als 2,5 Millionen Kinder Eltern, die Alkohol missbrauchen oder abhängig davon sind. Mütter und Väter weiterer vier Millionen Kinder trinken in riskanten Mengen (Robert Koch Institut, Manz et al., 2016 als Pdf-Datei). Jedes dritte Kind aus suchtbelasteten Familien wird regelmäßig geschlagen oder bekommt Gewalt zu Hause mit (Wenn Eltern zu viel trinken: Zobel Hersg., 2001). Weit vor allen anderen Substanzen, auch den verbotenen, ist Alkohol somit die schädlichste Droge überhaupt (The Lancet: Nutt et al., 2010).

Das alles hält die wenigsten davon ab, das Feierabendbier oder ein Gläschen Wein zu genießen. Muss es auch nicht, schließlich trinkt nicht jede oder jeder zu viel oder verantwortungslos. Zum Nachdenken anregen darf der Konsum aber schon. Zusammen mit dem unabhängigen Global Drug Survey hat ZEIT ONLINE seine Leserinnen und Leser nach ihren Trinkgewohnheiten gefragt. 38.000 von ihnen haben uns geantwortet.

Sieben Alkohol-Etiketten im Test

Wir wollten wissen: Welche Gefahren von Alkohol sind Ihnen überhaupt bekannt? Und anschließend: Könnten Warn- oder Gesundheitshinweise auf Bier, Wein und Schnaps Sie dazu bewegen, weniger zu trinken? Sieben Etiketten haben wir Ihnen vorgelegt. Bewusst waren darunter negativ formulierte ("Alkohol ist schlecht") und positiv formulierte ("Weniger Alkohol ist gut"). Fangen wir mit den schlechten Nachrichten an:

Alkohol und Gewalt? Den wenigsten Umfrageteilnehmenden war diese Information neu. Zwar findet nur ein Fünftel (24 Prozent): "Das lässt mich vielleicht oder auf jeden Fall darüber nachdenken, weniger zu trinken." Und doch bewerteten die Hälfte die Botschaft als persönlich relevant bis sehr relevant (zusammen 50 Prozent). Das verwundert wenig, fast jede und jeder dürfte schon mal erlebt haben, dass Alkohol Menschen aggressiv machen kann. Die Antworten legen nahe, dass intuitiv konkrete Gefahren mehr gefürchtet sind als langfristige Gesundheitsfolgen. Die lassen sich leichter verdrängen.

Da ist es wieder: Ein Gläschen Wein am Abend ist doch gesund, oder? Stimmt nicht. Nur 13 Prozent stimmte dies nachdenklich, ob sie weniger trinken sollten. Mythen halten sich oft hartnäckig. Einzelne Studien suggerieren oft einen positiven Effekt für geringe Mengen an Alkohol, auch in Zusammenhang mit bösartigen Erkrankungen. Doch: Ob Eier, Butter, Rindfleisch oder Wein – alles, was wir essen oder trinken, schützt vor Krebs, begünstigt ihn oder hat gar beide Effekte. Wovon das abhängt? Allein davon, welche Studie man heranzieht (American Journal of Clinical Nutrition: Schoenfeld & Ioannidis, 2013).

Meist hilft nur der Vergleich einer ganzen Reihe von Studien, um herauszufinden, was der Wahrheit am nächsten kommt. Zuletzt stellten Forschende nach einer Analyse von 87 Studien fest: Wer wenig Alkohol trinkt, stirbt zwar nicht früher als andere, er lebt aber auch nicht länger. Der so gern verbreitete positive Effekt ist ein Irrglaube (Journal of Studies on Alcohol an Drugs: Stockwell et al., 2016).

Was als gesichert gilt: Alkohol macht krank, auch wenn das fast ein Drittel der Befragten nicht wusste. Beeinflussen solche Negativbotschaften, ob jemand weniger trinken möchte? Die deutliche Mehrheit der Umfrageteilnehmenden sagt Nein. Gerade der letzte Warnhinweis zu den Herzkreislauferkrankungen ließ nicht mal jeden zehnten (8 Prozent) in Erwägung ziehen, häufiger auf Alkohol als bisher zu verzichten.

Dass angsteinflößende Etiketten sogar den gegenteiligen Effekt haben, zeigen die Erfahrungen mit Fotos auf Zigarettenschachteln. Bilder von verfaulten Zähnen, geschwärzten Lungenflügeln oder blutig gehusteten Taschentüchern werden von Rauchenden gerne ignoriert oder mit bunten Hüllen verdeckt. Vor allem Schockinformationen scheinen nur sehr selten dazu zu führen, dass Menschen weniger rauchen oder aufhören (Health Psychology Review: Kok et al., 2018).

Was aber ist mit positiven Aufdrucken? Solche Gesundheitshinweise hat der Global Drug Survey Befragten ebenfalls gezeigt: 

Es stimmt: Alkohol kann Krebs in der Mundhöhle, im Rachen, im Kehlkopf, in der Speiseröhre, der Leber, im Enddarm und bei Frauen in der Brust auslösen (International Agency for Research on Cancer, 2012). Das war den meisten Befragten nicht bewusst. Ein Fünftel (24 Prozent) bezweifelte gar die Wahrheit der Information. Trotzdem schätzten die meisten die Wirkung dieses Etiketts, weniger zu trinken, am höchsten ein. 40 Prozent würden deshalb vielleicht oder bestimmt darüber nachdenken.

Weniger ist bei Alkohol immer besser, selbst wenn Frauen und Männer sehr regelmäßig und viel konsumieren. Nur 7 Prozent zweifelten daran, allerdings empfanden ebenso wenige diese Information für sie persönlich als sehr relevant. Ein Fünftel überlegte danach immerhin, weniger zu trinken.

Diese offizielle Empfehlung, die auch in Deutschland gilt, ist laut der Befragten zwar glaubhaft. Aber sie überzeugte nur 22 Prozent, die eigenen Trinkgewohnheiten zu überdenken.

Auf dem letzten Etikett in der Befragung fand sich ein Vergleich von Alkohol und Fastfood:

Hier scheiden sich ein wenig die Geister der deutschen Umfrageteilnehmenden: 48 Prozent hielten diesen Hinweis zwar für kaum bis gar nicht für sie persönlich relevant. Andererseits gaben 28 Prozent an, Burger, Fritten und Alkohol stimme sie vielleicht oder ganz sicher nachdenklich, ob sie nicht auf das ein oder andere Bier oder Glas Wein verzichten sollten.

Warnhinweise schaden nicht, aber bringen sie was?

Auf vielen Alkoholprodukten in Europa gibt es schon jetzt die Info, dass Schwangere mit jedem Tropfen Alkohol ihrem Ungeborenen schaden. Zudem sind die Risiken von Alkohol hinterm Steuer bekannt. Oder zumindest, dass wer trinkt und Auto fährt, bestraft werden kann. Es ist wichtig, diese Informationen zu verbreiten. Sicher ist aber auch: Etiketten werden den Konsum wohl nur bedingt einschränken, wie die aktuellen Umfrageergebnisse zeigen.

Alkohol ist nicht wegzudenken. Wir stoßen mit ihm auf Erfolge an, Bier macht gesellig, Wein wird genossen. Die Droge lässt uns den Alltag vergessen, hilft, locker zu werden. Wer nicht trinkt, gilt als schwanger oder bekommt blöde Sprüche zu hören, blickt in rollende Augen. Um etwas zu verändern, dürften vor allem nur höhere Preise, noch niedrigere Promillegrenzen und ein Werbeverbot helfen. Das sagen Experten. Bier, Wein und Schnaps sollten zudem nicht ständig und überall zu kaufen sein.

Wie sich Drogen sicherer nehmen lassen, welche Risiken jeder kennen sollte und welchen Einfluss verschiedene Substanzen auf die Gesundheit, die Psyche, die Gesellschaft und unser Zusammenleben haben: Auf zeit.de/drogen finden Sie alle Reportagen, Hintergrundstücke und Tipps im Umgang mit Drogen, auch für Alkohol:

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Alkohol? Gibt es überall, fast jeder trinkt. Meist mehr, als einem gut tut. Sieben Tipps, wie sie die schlimmsten Folgen vermeiden können.

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Alkohol-Tipps

Das sind unsere Quellen

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ZEIT ONLINE arbeitet mit dem Global Drug Survey zusammen, der weltweit größten Umfrage unter Drogennutzern. Mehr als 70.000 Alkoholtrinker gaben an, wie sie negative Folgen zu verringern versuchen. Zusammen mit Suchtexperten sind daraus Tipps zum Konsum entstanden.

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#1 – Besser sein lassen ...

... machen aber nur die wenigsten.

Keine Droge gehört so selbstverständlich dazu wie Alkohol. Selbst Jugendliche kommen trotz Verbot leicht an Bier, Wein und Schnaps. 1,3 Millionen Deutsche sind abhängig, 9,5 Millionen übertreiben es meist, 74.000 sterben jährlich an den Folgen.

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Der männliche Körper verträgt Alkohol besser. Er hat prozentual mehr Muskelzellen. Deshalb wird mehr Wasser gebunden als im weiblichen Körper. Trinkt ein Mann die gleiche Menge wie eine Frau, verdünnt sich der Alkohol stärker. Allerdings: Männer neigen deutlich häufiger zum Rauschtrinken.

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