Für manche Menschen sind die Tabletten ein Wunder. Erst bereitet ihnen nichts mehr Freude, alles scheint ihnen egal, ein düsterer Schatten liegt auf ihrer Seele, vielleicht denken sie gar an Selbstmord. Und dann beginnen sie diese Tabletten zu schlucken: Antidepressiva, genauer Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), wie sie von Medizinerinnen und Medizinern nüchtern genannt werden. Und bald nach der Einnahme hellt sich die Stimmung auf. Nicht selten normalisiert sich die psychische Verfassung vollends. Antidepressiva gehören zu den erfolgreichsten und am umfassendsten eingesetzten Mitteln in der Medizin. Citalopram war 2016 mit 290 Millionen Tagesdosen (Arznei-Vordnungsreport: Schwabe et al., 2017) das am häufigsten verordnete Psychopharmakon in Deutschland. Im Schnitt schlucken knapp eine Million Deutsche es täglich.

Medikamente wie Citalopram greifen in den Hirnstoffwechsel ein und verändern das Erleben. Dass sie neben ihren heilsamen Wirkungen auch Nebenwirkungen haben, überrascht deswegen nicht. Anfangs kann es unter anderem zu Schlaflosigkeit, Zittern und vermehrtem Schwitzen kommen. Das legt sich aber in der Regel nach ein paar Tagen Einnahme wieder. Wer ein SSRI gut verträgt, der kann es problemlos auch länger nehmen. Doch genau hier beginnt die tückische Gefahr: Im Laufe der Zeit kann aus der anfänglichen Hilfe ein Problem werden. Denn werden SSRIs über längere Zeit eingenommen, kann es zu Schwierigkeiten kommen, wenn sie wieder abgesetzt werden. Immer deutlicher zeigt sich, dass viele Menschen Schwierigkeiten haben, von den Tabletten loszukommen, dass Antidepressiva eine Form der Abhängigkeit auslösen können.

Bis zu drei Viertel aller Patienten könnten Entzugssyndrome haben

Eine, die das erlebt hat, ist Josephine E.* Sie wurde im Alter von 14 Jahren wegen einer Essstörung und depressiven Episoden mit SSRIs behandelt. Nach einigen Monaten war sie nach eigener Meinung und dem Urteil der Ärzte zufolge stabil genug, um die Medikamente abzusetzen. Sie versuchte es – und schaffte es nicht. Als sie die Dosis reduzierte, setzte ihr zuerst ständige Übelkeit zu, sie musste sich mehrmals am Tag übergeben und hatte gleichzeitig Durchfall. In der Nacht hatte sie Probleme zu schlafen, stundenlang lag sie wach, geplagt von Unruhe und Schwindel. Sechs Mal versuchte sie, die Dosis zu reduzieren – jedes Mal waren die direkt einsetzenden Beschwerden zu stark und sie tat das einzige, was ihr wirklich half: Sie nahm die SSRIs wieder ein. Schon nach Stunden gingen die Symptome zurück, nach zwei Tagen waren sie ganz verschwunden.

In der Wissenschaft nennt man das, was Josephine erlebt hat, ein SSRI-Absetzungssyndrom (englisch: SSRI Discontinuation Syndrome). Die Symptome reichen – neben den typischen Symptomen, die Josephine erlebt hat – von Kopfschmerzen über grippeähnliche Symptome bis hin zu Taubheit in den Extremitäten (American Family Physician: Warner et al., 2006). Ging man lange Zeit von Einzelfällen aus, so zeigen jüngere Studien, welche Ausmaße das Absetzungssyndrom möglicherweise annimmt. Eine neuere Studie fand bei drei Viertel aller Patienten, die SSRIs nahmen, Symptome (Patient Prefer Adherence: Cartwright et al., 2016).

Doch wie viele der Beschwerden auf ein Absetzungssyndrom zurückzuführen sind, lässt sich mitunter schwer ermitteln. Der Grund: Nicht immer lässt sich einwandfrei sagen, ob die Patientinnen Schwierigkeiten haben, von ihren Tabletten loszukommen, oder ob die Depression nach Absetzen der Medikamente zurückkommt. Der beste Hinweis darauf, dass es sich wirklich um einen Entzug handelt, ist, dass die Symptome kurz nach dem Absetzen auftreten und dann bei der Wiedereinnahme des Medikaments rasch verschwinden.

Das Gleichgewicht zwischen Wirkung und Nebenwirkung wiederherstellen

Grundsätzlich ist aber davon auszugehen, dass Ärzte noch immer unterschätzen, wie oft Menschen nicht gut von ihren Antidepressiva loskommen. "Selbst wenn nur zehn Prozent aller Patienten von dem Absetzungssyndrom betroffen sind, dann sind das in Deutschland immer noch enorm viele Menschen", sagt Gerhard Gründer, Leiter der Abteilung Molekulares Neuroimaging am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Und auch die Worte, die der Psychologe Giovanni Fava von der italienischen Universität Bologna zusammen mit Kolleginnen und Kollegen in einer viel beachteten Übersichtsarbeit zum Thema fand, sind deutlich (Psychotherapy and Psychosomatics, 2015): "Ärzte sollten SSRI auf die Liste derjenigen Medikamente setzen, die Entzugserscheinungen beim Absetzen hervorrufen."

Dabei kann es bei allen Arten von Antidepressiva Absetzungsyndrome geben, am häufigsten scheint es aber Patienten zu treffen, die ein SSRI nehmen. Man vermutet inzwischen, dass die SSRIs, wenn sie über eine längere Zeit eingenommen werden, etwas im Körper verändern, was dann zu den Beschwerden beim Absetzen führt. Nur was genau ist das, was die SSRIs da machen? Der Hauptwirkungsmechanismus von SSRIs gegen die Depression, so nehmen Forscher an, besteht in einer Blockade von sogenannten Serotonin-Transportern in Nervenzellen im Gehirn. Serotonin ist ein Botenstoff, er wird von Nervenzellen ausgeschüttet und anschließend über die Transporter wieder aufgenommen. Werden die Transporter blockiert, bleibt das Serotonin länger im sogenannten synaptischen Spalt, der zwischen zwei Nervenzellenden liegt, und kann dort weiterwirken. SSRIs verstärken also die Wirkung des körpereigenen Serotonins. Mittel- und langfristig, so stellt man sich vor, werden durch das vermehrte Angebot aber Serotonin-Rezeptoren, also diejenigen Moleküle, an denen Serotonin bindet und wirkt, herunterreguliert. Vereinfacht gesagt bedeutet das: Die Empfindlichkeit des Körpers gegenüber dem Botenstoff Serotonin verringert sich.

Wie genau SSRIs wirken, ist weitestgehend unklar

Da Serotonin ein verbreiteter Botenstoff im Körper ist, kann es entsprechend vielfältige Folgen haben, wenn durch das Absetzen des SSRIs die Serotoninkonzentration außerhalb der Nervenzelle sinkt. "Doch das ist alles nur Spekulation. Alles deutet darauf hin, dass die Hemmung der Serotonin-Transporter nur ein Teil der komplexen und vielfältigen Wirkung von SSRIs ist", sagt Gründer. Wie genau SSRIs darüber hinaus wirken könnten, ist noch weitestgehend unklar. Man wisse auch nicht viel darüber, wie es von dem molekularen Mechanismus an der Nervenzelle zur Wirkung auf die Stimmung komme, sagt Gründer. "Im Grunde schluckt man mit einem SSRI also eine Blackbox."

Damit sind die SSRI aber nicht allein. Bei vielen sicheren und nebenwirkungsarmen Medikamenten ist nur ein Teil der Wirkungsmechanismen im Körper bekannt und verstanden. Das allein ist also nicht schlimm. Und: Die SSRI helfen in diesem Moment Millionen Menschen weltweit, ihre Depression in den Griff zu bekommen. "Die SSRI sind ein wesentlicher Bestandteil der Therapie von Depressionen und Angststörungen, und das zu Recht. Sie wirken bei vielen Patienten einfach gut. Die SSRI zu verbannen, wäre daher falsch", sagt Gründer.

Doch angesichts der neuen Erkenntnisse über die Häufigkeit der Probleme beim Absetzen kann es laut Gründer keine Option sein, so weiterzumachen wie bisher. Noch immer herrscht unter vielen Hausärzten eine gewisse Sorglosigkeit, wenn es darum geht, SSRIs zu verschreiben. Oft erhalten die Patienten schon bei leichten depressiven Symptomen – oft auf eigenen Wunsch – SSRIs, die sie dann über Monate oder Jahre einnehmen. "Manche Menschen werden aus Bequemlichkeit gewissermaßen mit diesen Medikamenten geparkt, weil es schwierig ist, die Einnahme zu stoppen", schrieb Tony Kendrick, Professor für medizinische Versorgung an der britischen University of Southampton, kürzlich in einem viel beachteten Artikel in der New York Times. Letztlich geht es also darum, die Arzneimittel künftig verantwortungsvoller und gezielter zu verschreiben. Und so das Gleichgewicht zwischen Wirkung und Nebenwirkung wiederherzustellen.

* Name von der Redaktion geändert

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den ursprünglichen Titel des Textes leicht geändert, um keine falschen Assoziationen in Zusammenhang mit Antidepressiva zu wecken.