Ärzte in Deutschland dürfen Patienten künftig auch ohne vorherigen persönlichen Kontakt in der Praxis ausschließlich per Telefon, SMS, E-Mail oder Online-Chat behandeln. Voraussetzung ist, dass die Mediziner die ärztliche Sorgfalt bei Diagnostik, Beratung, Therapie und Dokumentation gewährleisten und ihre Patienten über die Online-Behandlung aufklären. Außerdem muss die ausschließliche Beratung oder Behandlung über digitale Medien "im Einzelfall" medizinisch vertretbar sein.

Der Deutsche Ärztetag in Erfurt beschloss nach kontroverser Debatte mit großer Mehrheit eine entsprechende Änderung der Musterberufsordnung für Ärzte. Die Entscheidung muss nun von den regionalen Landesärztekammern umgesetzt werden. Das dürfte allerdings noch zwei Jahre dauern. Bislang waren Ärzten in Deutschland solche Fernbehandlungen nur nach einer persönlichen Untersuchung erlaubt.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) begrüßte die Entscheidung. "Damit helfen wir Ärzten und Patienten", sagte Spahn. "Patienten werden unnötige Wege und Wartezeiten erspart. Und Ärzte können die digitale Welt aktiv gestalten – anstatt dass es andere tun."

Schon zuvor hatte sich der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, dafür ausgesprochen, die Behandlung und Beratung aus der Ferne unter bestimmten Anforderungen zu ermöglichen. Das persönliche Arzt-Patienten-Verhältnis werde aber weiter "das dominierende Element in der ärztlichen Behandlung bleiben", sagte Montgomery.

Der Deutsche Hausärzteverband warnte indes davor, dass das neue Angebot "als Kostensparprogramm für Krankenkassen missverstanden" werden könne. Kritisch äußerte sich auch die Stiftung Patientenschutz. "Verlierer sind vor allem pflegebedürftige und schwerstkranke Menschen, die auf ihren Mediziner daheim hoffen", sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. "Die ausländischen Call-Center-Betreiber reiben sich vor Freude über den neuen Markt die Hände."