Dieser Artikel ist Teil der Serie Global Drug Survey, in der ZEIT ONLINE über Drogen im Alltag berichtet. Dazu haben wir gerade exklusiv Ergebnisse der gleichnamigen weltweit größten Drogenumfrage veröffentlicht.

Mittags klebt sich Samuel* einen in LSD getränkten Papierfitzel ans Zahnfleisch. Dann wartet er darauf, dass die Droge zu wirken beginnt. Auf einem Tisch liegen Säfte und Früchte, Laptop und Musikboxen stehen bereit. Über dem Fernseher hängt ein indisches Mandala-Tuch, weil bunte Muster auf LSD angenehmer anzuschauen sind als eine schwarze triste Mattscheibe. Und Samuel gegenüber sitzt Tom*. Der Drogenberater wird als Tripsitter in den kommenden acht Stunden dafür sorgen, dass Samuel sich gut fühlt.

Wie die aktuellen Ergebnisse des Global Drug Survey zeigen, ist eine Begleitperson für Menschen, die LSD nehmen, schon heute nichts Ungewöhnliches – wenn auch kein offizieller Job. Knapp mehr als die Hälfte der Befragten hat in der Drogenumfrage angegeben, den Stoff in Anwesenheit eines Tripsitters genommen zu haben. Meistens handelte es sich dabei um Freunde, deutlich seltener um gut geschulte Begleiter wie Tom.

Aus einer hübschen Vase werden "Himmel und Landmassen"

Mit seinem Schützling hat Tom sich darauf geeinigt, dass Samuel mit einer leicht dosierten "Pappe" einsteigt. So nennen sich die kleinen Löschpapierstückchen, auf die die LSD-Lösung aufgetropft wird (siehe Infobox unten). Obwohl sich damit eher milde Effekte einstellen werden und Angstzustände weniger wahrscheinlich sind, weist Tom Samuel auf die Risiken hin. LSD kann verborgene psychische Störungen hervorbringen. Der innere Zustand und das Umfeld beeinflussen maßgeblich, wie sich die Droge auswirkt.

"Kannst du mir meine Brille reichen? Das Tuch fängt an, sich zu bewegen", sagt Samuel nach knapp zehn Minuten. Tom reicht sie ihm und antwortet grinsend: "Genieß es." Fasziniert starrt Samuel auf das Mandala. Richtig beschreiben könne er nicht, was er gerade sehe, die Art der Bewegungen seien vollkommen unüblich und auch eine Vase, die neben dem Tuch steht, beeindruckt ihn nachhaltig. Für das nüchterne Auge ist sie oben ocker, unten blau. Hübsch, aber nicht symbolträchtig. Samuel hingegen sieht in seinem Rausch "Himmel und Landmassen, die sich gegeneinander verschieben".

Von da an scheint das ganze Zimmer für Samuel zum Leben zu erwachen. Er beschreibt, wie sich Wellen über den Boden ausbreiten und eine Kinderzeichnung an der Wand zu einem Waldboden voller Wurzeln und herumkriechenden Tieren verformt. "Ich habe das Gefühl, das Zimmer atmet", sagt er und fährt mit seiner Hand durch die Luft. "Meine Hand zieht Schweife. Oh Mann, ist das krass." Dann schaut er herüber und kann kaum aufhören zu lachen: "Ich seh dein Gesicht als grüne Pixel."

Bevor Samuel und Tom sich für die Drogenreise trafen, hatten sie sich wochenlang vorbereitet. Nicht nur musste ein Ort gefunden werden – letztlich die Wohnung einer Freundin –, Samuel wollte den Menschen genau kennenlernen, der seine Reise auf LSD überwachen sollte. Zudem legte er Regeln für die Berichterstattung fest: Familie, Freunde, Bekannte – niemand dürfe ihn erkennen, deshalb sind detailliertere Beschreibungen seiner Person tabu. "Ich will selbst entscheiden, ob Menschen aus meinem Umfeld anschließend davon erfahren."

Ich will wissen, wie Musik dann klingt.
Samuel, der erstmals LSD probiert

Tom wiederum hat in einem intensiven Vorgespräch mit Samuel geklärt, was dieser sich von der LSD-Erfahrung verspricht. "Ich habe es noch nie ausprobiert, aber mich reizt das schon lange", erzählte Samuel. "Ich möchte wissen, was ich sehe, wenn ich LSD genommen habe und ich will wissen, wie Musik dann klingt." Für den Tag des Rauschs hat er eine Liste von Bands erstellt, die er währenddessen hören möchte. Tom hat die Musik besorgt und Samuel ist beruhigt: Auf Tom kann er sich verlassen

Wie der Global Drug Survey zeigt, sind viele Menschen vor ihrer ersten Erfahrung mit LSD sehr aufgeregt (67,9 Prozent) und haben auch ein wenig Angst davor (59,8 Prozent). 86,2 Prozent haben sich zuvor mit den Auswirkungen auseinandergesetzt, 49 Prozent haben sich intensiv damit beschäftigt.

*Name von der Redaktion geändert

"Ich will wissen, wie Musik dann klingt"

Auch Samuel hat sich vorab informiert, überrascht ist er trotzdem. Etwa als seine Haut plötzlich durchsichtig erscheint. "Es sieht aus, als hätte ich einen Röntgenblick", sagt er. "Ich kann sehen, wie sich mein Blut durch die Adern bewegt. Und an der Hand habe ich eine kleine Wunde, die ich mir neulich noch aufgekratzt habe. Die stört jetzt das Bild." Tom erklärt, dass dies ein typischer Effekt wäre, den viele LSD-Reisende erleben. Man könnte ihn auch dazu benutzen, Situationen oder Beziehungen zu Personen vor dem inneren Auge zu durchleuchten und dadurch zu tieferen Erkenntnissen zu kommen.

Nach gut drei Stunden auf dem Sofa steht Samuel auf, um sich Wasser zu holen und auf die Toilette zu gehen. Als er sich erhebt, taumelt er und Tom warnt: "Nicht zu schnell aufstehen, sonst wird dir schwindelig."

LSD hat moderate körperliche Auswirkungen. Möglich sind ein mulmiges Gefühl im Bauch, Hautkribbeln und Schwindelgefühle. Blutdruck, Puls, Körpertemperatur können ansteigen, die Atmung kann beschleunigen. Aber vor allem ist das Wirkspektrum psychisch. Töne, Farben und Gefühle erscheinen verändert und mitunter intensiver. Gegenstände verformen sich und erscheinen größer oder kleiner im Verhältnis zum Raum. Es können sich auch synästhetische Effekte einstellen, sodass Farben mit einem Geschmack einhergehen oder Töne gefühlt werden können. Oft steigt die Kreativität und die Fantasie wird lebhafter.

Als Samuel von der Toilette zurückkommt, betrachtet er noch eine Weile seine Hände, dann folgt eine lange Ruhephase, in der er zusammengekauert auf der Couch liegt. Später beschreibt er diese Phase als besonders intensiv: Die optischen Effekte hätten abgenommen, dafür hätte er ein starkes Kribbeln am ganzen Körper gespürt, das im Rhythmus der Musik stärker und schwächer wurde.

Erschöpft, aber zufrieden

Nach ungefähr sechs Stunden klingt Samuels Reise langsam aus. Tom schlägt vor, rauszugehen: "Ein bisschen Menschenkino ist jetzt vielleicht spannend." Sie setzen sich draußen vor ein Café nahe der Wohnung und Samuel beschreibt, worüber er in den vergangenen Stunden nachgedacht hat. Er erzählt von seiner Familie und Erinnerungen an Urlaube, als er noch ein Kind war.

Gegen Abend gehen die beiden zurück in die Wohnung. Samuel, Tom und die Bekannte, die ihr Wohnzimmer zur Verfügung gestellt hat, besprechen gemeinsam die Erlebnisse des Tages. Samuel ist erschöpft, aber zufrieden. Tom ebenfalls.

Als sich Samuel zwei Monate später zurückerinnert, ist er noch immer froh, Tom an seiner Seite gehabt zu haben. "Er konnte viele Gefühle, die ich auf der Reise hatte, gut nachempfinden und perfekt in Worte fassen", sagt er. Das habe ihm Sicherheit gegeben. "Die Erfahrung war nicht lebensverändernd, aber wenn ich durch Berlin laufe und zum Beispiel die ganze Streetart sehe, frage ich mich oft: Wie würde dieses Bild wohl auf LSD aussehen?" Seine letzte Erfahrung mit LSD war das nicht, davon ist Samuel überzeugt. Das nächste Mal möchte er die illegale Droge mit Freunden nehmen, draußen in der Natur.

Seit 2014 unterstützt ZEIT ONLINE die weltweit größte wissenschaftliche Online-Umfrage zu Drogen – den Global Drug Survey. Jedes Jahr fragen wir unsere Nutzerinnen und Nutzer anonym: Was nehmen Sie, warum und mit welchen für Sie spürbaren Folgen? Ziel: Die Wissenschaft bei der Erforschung der Gesundheitsfolgen zu unterstützen und über einen bewussten und sichereren Drogenkonsum aufzuklären. Die Auswertung der aktuellen Umfrage wird im Mai veröffentlicht.

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