Dieser Artikel ist Teil der Serie Global Drug Survey in der ZEIT ONLINE über Drogen im Alltag berichtet. Dazu haben wir gerade exklusiv Ergebnisse der gleichnamigen weltweit größten Drogenumfrage veröffentlicht.

Jennifer tanzte, trank Alkohol, nahm zwei Pillen Ecstasy. Dann brach sie zusammen. Rettungskräfte brachten die 30-Jährige in ein Krankenhaus, wo sie starb. Die vermutete Todesursache: Überdosis. Ecstasy zählt zu den am häufigsten konsumierten illegalen Drogen in Deutschland. Durch Jennifers Fall, über den das Magazin Der Spiegel im März berichtet hat, geriet die sehr riskante Droge jüngst wieder in den Fokus.

Ecstasy ist MDMA in Pillenform. Die Amphetamine sollen für einen künstlich unbeschwerten Abend sorgen, dazu anregen, ausgelassen zu tanzen, ohne müde zu werden. Doch wer sich Ecstasy besorgt und es nimmt, bricht nicht nur das Gesetz, sondern setzt sich erheblichen Gesundheitsgefahren aus – sowohl während des Rausches als auch längerfristig. Wegen der Risiken wäre es das Sicherste, ganz die Finger davon zu lassen. Doch die Erfahrung über Jahrzehnte hat gezeigt, dass Verbote und Warnungen nicht verhindern, dass viele junge Menschen MDMA ausprobieren oder öfter nehmen. Tun sie das ohne jegliche Vorkenntnisse, wird das besonders gefährlich. Daher sind führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überzeugt, dass die Aufklärung auch über den Konsum von illegalen Drogen wichtig ist.

Wie ist schlechter Stoff zu erkennen? Welche Risiken birgt die illegale Droge? Wie lassen diese sich mindern? Viele Konsumenten wissen es nicht. Das zeigen auch die aktuellen Ergebnisse der weltweit größten Drogenumfrage, dem Global Drug Survey 2018. Beinahe ein Drittel der rund 130.000 Befragten gab an, vor ihrem ersten Mal nur wenig oder gar nichts über die Droge gewusst zu haben. Und knapp die Hälfte nahm direkt eine ganze Pille, statt sich stückweise heranzutasten.

Das Wissen über die Gefahren von Drogen wird niemals jeden davon abhalten, sie zu konsumieren. Wer MDMA nimmt, tut das für den Rausch, und nicht, um über mögliche Schäden nachzudenken. Doch wer die illegale Droge unbedingt konsumieren möchte, sollte genau dies vorab tun. Auch die Forschenden hinter dem Global Drug Survey sind davon überzeugt, dass die Erfahrungen von Drogenkennern und -konsumentinnen dabei helfen können, den Konsum sicherer zu gestalten. Sie vermuten sogar: Wer Risiken vermeidet, hat mehr Spaß im Rausch. Deshalb haben die Experten mithilfe von Antworten aus dem Global Drug Survey wichtige Informationen für MDMA-Konsumenten zusammengestellt. Dazu gehören 14 Tipps für einen möglichst sicheren Konsum – Sie finden sie oben in der Kartengeschichte – und eine Einschätzung, wie eine möglichst risikofreie Ecstasy-Pille aussehen sollte.

Im Vergleich zu anderen Rauschmitteln gilt MDMA als sicher. Insgesamt 1.333 Tote durch Rauschgifte hat das BKA im Jahr 2016 gezählt (Bundeslagebilder Rauschgiftkriminalität: Bundeskriminalamt). Zwei der Todesfälle ließen sich allein auf Amphetaminderivate zurückführen. 16 weitere auf den Konsum von MDMA und ähnlichen Substanzen mit anderen Stoffen. Zum Vergleich: Es gab 277 Vergiftungen durch Opiate wie Heroin oder Morphin. Auch ist MDMA nicht so gefährlich wie Kokain oder Methamphetamin.

Drastische negative Wirkungen hat MDMA dennoch. Übelkeit, Unruhe, möglicherweise Angstzustände, verstärkte Depression oder Kreislaufzusammenbrüche beispielsweise sind nicht selten. Die Droge regt das Nervensystem dazu an, vermehrt Botenstoffe auszuschütten – allen voran Serotonin. Das hebt in den meisten Fällen die Stimmung, verdrängt aber Durst, Hunger oder Schmerzempfinden. Die Muskeln können verkrampfen, Herzrhythmus und Körpertemperatur sich ungewollt stark erhöhen.

Wie sieht eine möglichst risikofreie Pille aus?

Im Global Drug Survey fragten die Wissenschaftlerinnen und Forscher, ob MDMA-Erfahrene Tipps geben könnten, wie eine möglichst risikofreie Ecstasy-Pille aussehen könnte. Die Antworten:

  • Menge: Die Pille sollte zwischen 100 und 200 Milligramm MDMA enthalten. Unabhängig davon, wie groß sie ist. 88 Prozent der Befragten waren für eine Gravur, an der die genaue Dosis abgelesen werden kann.
  • Form: Groß und leicht zu teilen sollten Pillen sein. Knapp mehr als die Hälfte der Befragten war für Tabletten, die sich halbieren lassen. Etwa 40 Prozent sprach sich für Markierungen aus, um Pillen zu vierteln.
  • Aussehen: Die beliebtesten Farben sind lila, blau und rot. 62,5 Prozent sagte jedoch aus, das Aussehen sei nicht relevant.

Die Rechtslage: Freiheitsstrafe schon bei Besitz

Allein der Besitz von Ecstasy kann nach Paragraf 29 des Betäubungsmittelgesetzes unter Umständen mit einer Gefängnisstrafe enden – bis zu fünf Jahre ins Gefängnis kann kommen, wer damit handelt oder erhebliche Mengen besitzt. Auch der Entzug der Fahrerlaubnis und hohe Geldstrafen können die Folge sein, wenn man mit MDMA erwischt wird. Wer wegen eines solchen Deliktes verurteilt wurde, ist offiziell vorbestraft, was auch den Zugang zu bestimmten Berufen (Polizeiausbildung oder Jurastudium) ausschließt.

ZEIT ONLINE arbeitet mit dem Global Drug Survey zusammen. Alle Artikel zu Drogen finden Sie im Dossier "Wie gefährlich ist der Rausch?". Erste Informationen zu den gängigsten illegalen und legalen Drogen wie Alkohol und Tabak gibt es hier:

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Lesen Sie die Übersicht zum Drogen im Check – ein Glossar in einer optimierten Fassung.

Hinweis:

Am 6. Dezember 2018 hat der Presserat eine Missbilligung für diesen Artikel ausgesprochen. Wir haben daraufhin eine Zwischenüberschrift entfernt, für weitere Veränderungen am Text sehen wir keinen Anlass.

Im Folgenden dokumentieren wir die Entscheidung des Presserates im Wortlaut:

"A. Zusammenfassung des Sachverhalts

I. ZEIT Online berichtet an 18.05.2018 über die Risiken der illegalen Droge Ecstasy (MDMA) und über Empfehlungen von Wissenschaftlern, wie man den Konsum sicherer machen kann. Die Erfahrung über Jahrzehnte habe gezeigt, dass Verbote und Warnungen nicht verhindern, dass viele junge Menschen MDMA ausprobieren oder öfter nehmen. "Tun sie das ohne jegliche Vorkenntnisse, wird das besonders gefährlich. Daher sind führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überzeugt, dass die Aufklärung auch über den Konsum von illegalen Drogen wichtig ist", wird die Berichterstattung begründet.

II. Der Beschwerdeführer kritisiert: Es werde zwar klar gemacht, dass Drogenkonsum schädlich sei. Doch es gebe mehrfache Aussagen in dem Text, die das Gegenteil suggerierten bzw. den Ecstasy-Konsum extrem fahrlässig verharmlosten. Teilweise würden Straftaten empfohlen.

III. Im Rahmen der Vorprüfung kam der Presserat zu dem Schluss, dass keine Verletzung des Pressekodex vorliegt. Der Artikel ordne einwandfrei ein, dass Ecstasy illegal sei. Rechtswidrigkeit und Gefahren würden ausdrücklich und ausführlich benannt. Der Bericht berufe sich auf die unter Wissenschaftlern verbreitete Meinung, es sei besser, konkrete Handlungsempfehlungen zu geben, damit wenigstens die Risiken des Ecstasy-Konsums reduziert würden. Diese Empfehlungen fußen auf einer wissenschaftlichen Umfrage, die ZEIT Online wiedergibt, aber sich nicht zu eigen macht. Neben den Tipps für einen zwar illegalen, aber möglichst risikoarmen Konsum mache der Artikel klar, dass allein der Besitz von Ecstasy mit einer Gefängnisstrafe enden kann. Eine Verharmlosung von Drogen sei nicht zu erkennen.

IV. Der Beschwerdeführer legt am 26.07.2018 Widerspruch ein. Er kritisiert, dass die Autorin zwar von "Wissenschaftlern" schreibe, allerdings ohne einen einzigen Namen oder auch nur ein Zitat eines Wissenschaftlers zu nennen. Sie beziehe sich wiederholt auf den Global Drug Survey (GDS), den sie – so seine Vermutung – als wissenschaftliche Quelle sehe. Tatsächlich sei der GDS ein privates Unternehmen mit nicht wirklich wissenschaftlichen Interessen. Auf der Website des GDS werde zudem ausgeführt, dass es sich um "Forscher" und "Spezialisten" handele, aber nicht um Wissenschaftler. Diese Quelle als wissenschaftlich zu bezeichnen, sei unseriös (Link: https:www.globaldrugsurvey.com/about-us/).

ZEIT Online mache sich mitschuldig an der Verbreitung von gefährlichem Unsinn bezüglich des Drogenkonsums. Folgendes Zitat sei "unverantwortlicher Unsinn":

"Einen Tester wählen. Eine Person in der Gruppe ist das Versuchskaninchen – die anderen passen auf (siehe Tip#2). Sollte der Stoff verunreinigt sein oder nicht mal um MDMA handeln, ist vertrauensvoll Hilfe direkt vor Ort".

Diese Passage verstoße auch gegen Ziffer 1, denn die Bezeichnung als "Versuchskaninchen" könne kaum mit der Menschenwürde in Einklang stehen. Auch juristisch seien die "Tipps" bedenklich. Wenn mehrere Beteiligte einen "Tester" wählten, machten sie sich der Körperverletzung strafbar.

V. Der Beschwerdeausschuss entscheidet auf dieser Grundlage am 20.09.2018, ein Verfahren zu eröffnen und erbittet eine Stellungnahme bei ZEIT Online.

VI. Der von ZEIT Online beauftragte Rechtsanwalt merkt zunächst an, dass noch keine Entscheidung nach §5 der Beschwerdeordnung ergangen sei. Erst dann könne sich der Beschwerdeausschuss inhaltlich mit der Beschwerde befassen. Die Geschäftsstelle weist ihn am 06.11.2018 auf den Beschluss hin.

Der Beschwerdegegner hält die Beschwerde für unbegründet, weil sie die kritisierten Passagen grob aus dem Zusammenhang reiße.

Die gesamten Informationen, gegen die sich die Beschwerde richte, beruhten auf einer anonymen Erhebung unter MDMA-Konsumenten, die sich an dem Global Drug Survey beteiligt hätten sowie auf Äußerungen von Suchtexperten und Forschern. Der Beschwerdeführer kritisiere, dass Suchtexperten und Forscher keine Wissenschaftler seien. Dies seien sie aber doch.

Die Formulierung, die die Autoren dieser Berichterstattung für die Leser gesucht hätten, sollte leicht verständlich sein. Deshalb seien die Quellen, die für die Information ohne Bedeutung seien, auch an dieser Stelle nicht genannt worden. Ihr gehe es nicht darum, eine wissenschaftliche Analyse zu präsentieren, sondern praktische Warnungen und Hilfestellungen über Menschen zu geben, die sich mit dem Gedanken trügen, MDMA zu konsumieren. Der Beitrag verweise aber auch auf den Artikel "Und ständig lockt das High" vom 15.05.2018. Darin würden auch die wissenschaftlichen Hintergründe beschrieben: https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2018-05/global-drug-survey-drogenumfragedeutschland-drogenkonsum

Die Suchtexperten, auf die sich diese Publikation stütze, sei beispielsweise Prof. Dr. Adam Winstock und sein wissenschaftliches Team des Global Drug Survey; ferner habe die Redaktion sich auf Experten von drei Ethikkommissionen britischer und australischer Universitäten gestützt. Auch verschiedene Peer-Review-geprüfte Fachartikel würden zitiert.

Der Beschwerdegegner schreibt zudem: Die 34 Karten, auf die sich der Beschwerdeführer beziehe, und durch die sich der Leser blättern könne, beginnen mit einer Reihe von Warnungen: So würde erwähnt, dass MDMA psychisch abhängig machen könne. Es unterdrücke Müdigkeit und Durst, aktiviere die Muskulatur und erhöhe den Blutdruck, was den Kreislauf belaste; außerdem wirke es auf die Psyche – Depression und Angst könnten verstärkt werden. Außerdem heiße es weiter: "Ganz ehrlich? Gar nicht erst anfangen! Jede Droge schadet. MDMA ist keine Ausnahme. Die Partydroge sicher konsumieren? Unmöglich. Weniger schädlich geht aber schon." Und weiter: "Auf Freunde aufpassen: nicht allein konsumieren. Falls etwas schief geht, sind gute Freunde die beste Versicherung. Oft bemerken sie Veränderungen schneller als Fremde. Wenn einem Freund oder einer Freundin schwindlig oder übel wird – Hilfe holen!". Weiter verweist der Beschwerdegegner auf die Erwähnung der schwerwiegenden Folgen von zu wenig Wasser- und zu viel Alkoholkonsum während der Einnahme von MDMA (s. Anlage).

Den Autoren gehe es darum, mit der Erkenntnis umzugehen, dass MDMA-Konsum tatsächlich existiere. Der Beschwerdeführer gehe vom Standpunkt der reinen Lehre aus, die fordere, dass man Drogenkonsumenten keine Hilfestellungen geben dürfe, weil damit der Konsum gefördert werde. Die Autoren seien aber nach redaktioneller Diskussion zu dem Ergebnis gekommen, dass es MDMA-Konsum in großem Ausmaß gebe und die Konsumenten größerer Gefahr ausgesetzt seien, wenn sie grundlegende Informationen nicht erhielten. Deshalb könne es sinnvoll sein, die Konsumenten auf die Illegalität des Erwerbs und des Konsums hinzuweisen, sie aber gleichzeitig darüber zu informieren, wie die Schädlichkeit dieses Produkts minimiert werden könne. All diese Tipps könnten Leben retten.

Die Redaktion erkenne aber auch an, dass die Informationen in ihrer Publikation möglicherweise einige zögernde erst Nutzer zum Konsum verleiten könnte. Deshalb seien deutliche Warnungen von medizinischen und juristischen Konsequenzen an den Anfang der Publikation gestellt worden. Vom Konsum werde, das sei hier noch einmal betont, mit deutlichen Worten abgeraten.

Die ethische oder philosophische Frage, die hinter der Beschwerde stecke, werde seit langem diskutiert. Drogenambulanzen, Spritzenautomaten, anonyme Gesundheitsversorgung usw. unterstützen Menschen, die Illegales tun. Sie helfen aber auch, gesünder zu bleiben und möglicherweise nicht am Drogenkonsum zu sterben. Diese Frage müsse hier nicht abschließend geklärt werden. Die Auffassung des Beschwerdeführers sei durchaus diskussionswürdig und ehrenhaft. Gleichwohl dürfe die Redaktion zu dem Ergebnis kommen, dass mit diesen Informationen mehr Schaden vermieden als angerichtet werde.

Deshalb liege hier weder ein Verstoß gegen die Richtlinien Ziffer 11.6 noch gegen Ziffer 14 vor. Weit mehr als jeder vierte Deutsche habe Umfragen zufolge Erfahrungen mit illegalen Drogen. Die Zahl der Drogentoten sei in den vergangenen Jahren wieder jährlich angestiegen. Die Redaktion sei deshalb zu der Auffassung gelangt, dass der Konsum offenbar nicht durch Verbote und das Ignorieren der Öffentlichkeit unterbunden oder auch nur eingeschränkt werden könne. Aus Sicht der Redaktion mache es deshalb Sinn, auf die Gefahren hinzuweisen und Tipps für die Risikominimierung zu geben. Ein Verstoß gegen den Pressekodex liege nicht vor.

B. Erwägungen des Beschwerdeausschusses

Der Beschwerdeausschuss erkennt in der Berichterstattung eine Verletzung des in Ziffer 11, Richtlinie 11.6 festgeschriebenen Gebots, Drogen nicht zu verharmlosen. Die Redaktion hat in ihrer Stellungnahme selbst eingeräumt, dass die streitgegenständliche Berichterstattung möglicherweise einige zögernde Nutzer erst zum Konsum verleiten könnte. Der Artikel weist zwar deutlich auf die Illegalität und die Gefahren des Ecstasy-Konsums hin. Allerdings besteht trotzdem die Gefahr, dass der Text in der vorliegenden Form Userinnen und User auf die Idee bringen könnte, Ecstasy zu nehmen. Besonders die Formulierung: "Wer Risiken vermeidet, hat mehr Spaß im Rausch" verharmlost den Drogenkonsum und verstößt damit gegen Richtlinie 11.6. Zwar wird die Formulierung im Text als Vermutung der Forscher dargestellt, zuvor aber in einer Zwischenüberschrift hervorgehoben. Der Bezug auf die Wissenschaftler ist dagegen unbedenklich, da die Redaktion darlegen konnte, auf welche Quellen sich der Text stützt.

C. Ergebnis

Der Beschwerdeausschuss hält den Verstoß gegen die Ziffer 11 des Pressekodex für so schwerwiegend, dass er gemäß § 12 Beschwerdeordnung die Maßnahme der Missbilligung wählt. Nach § 15 Beschwerdeordnung besteht zwar keine Pflicht, Missbilligungen in den betroffenen Publikationsorganen abzudrucken. Als Ausdruck fairer Berichterstattung empfiehlt der Beschwerdeausschuss jedoch eine solche redaktionelle Entscheidung. Die Entscheidung über die Begründetheit der Beschwerde ergeht mit sechs Ja- und einer Nein-Stimme, die Entscheidung über die Wahl der Maßnahme ergeht mit vier Ja- und drei Nein-Stimmen."