Insgeheim haben seine Kommilitonen ihn immer ein wenig beneidet. Wie er schrieb, welche Musik er hörte, wie er flirten konnte. Steff, der eigentlich anders heißt, hatte im Studium einen Ruf als Hedonist, Künstler, Partykenner. Tauchte er in einem Club auf, hieß es: Jetzt kann der Abend ja nur noch gut werden.

Seitdem hat er einiges durchlebt: Abgebrochenes Philosophiestudium, Trennung, Hartz IV, drei Zwangseinweisungen in die Psychiatrie. Steff ist jetzt 35, er wirkt gesetzter, formuliert aber noch immer so charmant wie früher, wenn er von den Erlebnissen der vergangenen Jahre erzählt.

Vor acht Jahren haben Ärzte eine Bipolare Störung bei ihm festgestellt, auch manisch-depressive Erkrankung genannt. Die Diagnose teilt er mit etwa einem Prozent der deutschen Bevölkerung. Zählt man die etwas milderen Formen aus dem bipolaren Spektrum mit dazu, sind es ungefähr drei Prozent. Die Störung ist kompliziert, weil die Betroffenen in ihren manischen Phasen nur selten einsehen, dass etwas schief läuft. So auch Steff.

Ich habe öffentlich onaniert, damit die anderen von mir ablassen
Steff, ein Psychiatriepatient

Seinen ersten Schub erlebte er im Dezember 2010. Er schlief kaum, spürte dafür jede Menge kreative Energie, Selbstsicherheit, Kontaktfreudigkeit. "Irgendwann verlierst du die Kontrolle. Du driftest in Sphären ab, wo du keinen Boden unter den Füßen mehr hast", sagt Steff. Er besorgte sich soziologische Fachliteratur, wollte die zwischenmenschlichen Dynamiken seines Wohnorts in einem umfassenden Onlinelexikon festhalten. "Ich habe dann roten Lack geklaut, meine Hände eingetaucht und mein ganzes Zimmer vollgeschmiert, um Energie zu erzeugen", erzählt er. Auch in seinem Umfeld häuften sich die Probleme: In einer befreundeten WG verstopfte er das Klo mit Handtüchern, seiner damaligen Freundin machte er spontan einen Heiratsantrag.

Steffs Bekannte erkannten ihn oft nicht mehr wieder. Einmal habe Steff seine Brille zertreten, weil er dachte, er brauche sie jetzt nicht mehr, erinnert sich ein langjähriger Freund. "Viele waren krass besorgt, einige waren belustigt", erzählt er weiter, schließlich sei in einer vernetzten Kleinstadt so ein Verhalten unterhaltsam. "Steff war wie ein ekliger Sokrates auf Speed, der nicht aufhört zu reden", sagt der Freund.

Vier Wochen verbrachte Steff auf einer geschlossenen Suchtstation. Dort durfte er nicht mal allein spazierengehen. © Thomas Victor für ZEIT ONLINE

Als Steff sich als Auserwählter fühlte, der von einem Virus gejagt wird, haben ihn seine Freunde in einer Einkaufspassage eingesammelt. "Ich habe in aller Öffentlichkeit onaniert, damit die anderen von mir ablassen", erinnert sich Steff. Von da an sei alles sehr schnell gegangen: Polizei, Rettungsdienst, Aufnahme in die Psychiatrie. Weil Steff zuvor viel gekifft hatte, schlug der Drogentest an und Steff wurde mit Verdacht auf drogeninduzierte Psychose in eine geschlossene Suchtstation gebracht. Nach richterlicher Anordnung verbrachte er die nächsten vier Wochen dort (siehe Infobox).

Inwiefern das gerechtfertigt war, lässt sich im Nachhinein nur schwer beurteilen. Doch die Tür zur Station war erst einmal zu, allein in Begleitung eines Pflegers durfte er vereinzelt spazieren gehen. Gelegentlich kamen Freunde oder seine Eltern zu Besuch, sonst hatte er nichts zu tun, das Handy musste er die meiste Zeit über abgeben. "Ich entwickelte einen regelrechten Putzwahn", erzählt Steff. Von einer Pflegerin habe er sich einen Wischeimer geliehen und den Raucherraum blitzeblank geputzt, um seine überschüssige Energie loszuwerden.

Ob er auch freiwillig in die Klinik gegangen wäre, falls ihm Freunde gut zugeredet hätten? Er schüttelt den Kopf: "Zu dieser Zeit hätte ich so einen Ratschlag einfach abgetan. Wenn du nur noch deinen eigenen Film fährst, lässt du so etwas nicht mehr an dich heran."