Insgesamt sind Morgentypen gewissenhafter und zufriedener mit ihrem Leben, und sie leben weniger riskant (Chronobiology International: Adan et al., 2012). Abendtypen kommen logischerweise besser mit Nacht- und Schichtarbeit zurecht, entwickeln aber auch häufiger Diabetes und psychische Krankheiten (Chronobiology International: Fabbian et al., 2016). Sie leiden auch besonders unter dem "sozialen Jetlag". Mit diesem Begriff hat die Rönneberg-Gruppe das Phänomen auf den Punkt gebracht, wenn innere Uhr und die "soziale" Uhr, also die des Alltags, auseinanderklaffen.

Die innere Uhr tickt unterschiedlich

Nun beginnen Schule, Arbeit und andere Verpflichtungen des Alltags nicht deshalb so früh, weil die große Mehrheit der Nicht-Eulen die sozialen Rhythmen takten würde. Es liegt ganz wesentlich am Lauf der Sonne, oder, wie der Berliner Schlafmediziner Dieter Kunz von der Charité sagt: "Unser Körper hat einen Tag- und einen Nachtmodus." Und beiden liegen innere Uhren zugrunde.

Diese Tag-Nacht-Uhren brauchen meistens etwas mehr als 24 Stunden für eine "Umdrehung", und heißen zirkadian – von zirka, ungefähr, und dies, Tag. Neben Schlafen und Wachen verlaufen auch Melatoninspiegel und Körpertemperatur in diesem Rhythmus. So fällt die Körperkerntemperatur ab dem Nachmittag allmählich um mehr als ein halbes Grad Celsius. Nach etwa zwölf Stunden steigt sie wieder; das ist bei den meisten Menschen zwischen zwei und vier Uhr morgens. Das Hormon Melatonin bahnt den Schlaf an. Der Forscher Kunz präzisiert: "Melatonin ist das Signal der Dunkelheit an den Körper." Inzwischen ist bekannt, dass Abendtypen Melatonin später als andere produzieren. Ihre Körpertemperatur beginnt später zu sinken und erreicht ihren Tiefpunkt später, etwa gegen sechs Uhr morgens (Journal of Sleep Research: Baehr et al., 2000). Da man die Rhythmen von Melatonin und Temperatur nicht einfach willentlich verschieben kann wie die Schlafzeiten, zeigen sie den Chronotyp eines Menschen besonders zuverlässig an.

Der optimale Schulbeginn? Nach Sonnenaufgang!

Die zirkadianen Rhythmen von Menschen dauern weder alle gleich lang noch exakt 24 Stunden. Trotzdem sind wir nur dann langfristig gesund und schlafen gut, wenn sie parallel zueinander und synchron mit der Erdumdrehung laufen. Dafür sorgen Anstöße von außen, die in der Schlafforschung Zeitgeber genannt werden (Protein Reviews: Daan, 2010). Alles, was regelmäßig ist, dient der inneren Uhr als Zeitgeber: Aktivitäten, Mahlzeiten und bis zu einem gewissen Grad sogar die Uhrzeit.

Der stärkste Zeitgeber jedoch ist das Licht. Vor allem das der Sonne. Die geht im Westen einer Zeitzone später auf und unter als im Osten – in Würzburg etwa 20, in Köln 32 Minuten später als in Görlitz. Gleichzeitig werden die Grenzen für die Chronotypen aber nach der Uhrzeit gezogen. Die Folge: Im Westen werden einige Abendorientierte rein rechnerisch zu Abendtypen (Current Biology: Roenneberg et al., 2007, PDF), obwohl sie relativ zur Sonne eigentlich keine sind. Der optimale Schulbeginn für möglichst viele Kinder sollte sich deshalb mehr nach dem Stand der Sonne richten als nach der Uhrzeit. Die Frage, wann der Unterricht starten sollte, ist also eher eine regionale.

Ein gutes halbes Jahr lang hinkt die Sonne hierzulande der Uhrzeit eine zusätzliche Stunde hinterher: während der künstlich geschaffenen Sommerzeit. Die macht noch viel mehr moderat abendorientierte Personen, auch Jugendliche, zu Abendtypen und treibt sie so in den sozialen Jetlag. Ohne die Zeitumstellung läge der Schulbeginn nämlich auch im Sommer eine volle Sonnenstunde später.

Drinnen wird man müde

Künstliches Licht kann das, was die Sonne leistet, nicht ersetzen. Wer sich fast nur in normal beleuchteten Innenräumen aufhält, befindet sich chronobiologisch im Halbdunkel. Das schwächt das zirkadiane System zusätzlich: Zu wenig Zeit im Freien führt dazu, dass wir tagsüber gar nicht erst so wach werden, wie wir sein könnten. Abends, wenn es dunkel wird, ändert sich daran dann nicht mehr viel. So wird der Melatonin-Rhythmus geschwächt – und verschiebt sich in Richtung Abendtyp. So ein Lebensstil kann die inneren Rhythmen sogar desynchronisieren. Umgekehrt bremst die Außenbeleuchtung die Körperfunktionen, die uns eigentlich beim Einschlafen helfen sollen. Entsprechend werden Jugendliche in Großstädten häufiger zu Abendtypen als in Gegenden, in denen es nachts richtig dunkel ist (Chronobiology International: Vollmer et al., 2012).

Unter den Leuchtmitteln gibt es aber eine Ausnahme: weiße LEDs. Die Wirkung des Sonnenlichts hängt nämlich nicht an der Helligkeit allein, sondern vor allem an den kurzwelligen, blauen Anteilen des Lichtspektrums. Das Lichtspektrum weißer LEDs ist aber extrem blaulastig. Deshalb halten diese Leuchten wach und blockieren in der Folge die Ausschüttung von Melatonin, ob in der Nachtschicht, im Bad oder am Bildschirm (International Journal of Molecular Science: Wahnschaffe et al., 2013). Je später das Melatonin seine Wirkung im Kopf entfalten kann, desto stärker abendorientiert ist der Mensch. Jugendliche werden dementsprechend intensiver zum Abendtyp, je mehr Zeit sie vor dem Bildschirm verbringen (Chronobiology International: Fabbian et al., 2016).

So stimmt es, dass Jugendliche zum Eulendasein tendieren – mit allen Nachteilen für ihre Leistungen in der Schule. Doch es sind weniger, als oft behauptet wird. Außerdem ließe sich der Effekt mit ein paar Tricks abschwächen, was für alle gilt, die sich für Nachtmenschen halten: Tagsüber viel Zeit draußen verbringen, abends rechtzeitig den Rechner und den Fernseher ausmachen und das Schlafzimmer verdunkeln. Am Besten das Smartphone gar nicht erst neben das Bett legen. Würde dann auch noch die künstliche Sommerzeit abgeschafft, wären auch viele Eulen unter uns rechtzeitig im Land der Träume.