Trugwahrnehmungen, das Gefühl, dass einem Gedanken von außen eingegeben werden oder dass sie abreißen, und Verfolgungswahn: Die Schizophrenie ist eine schwere psychische Störung. Zwar ist weniger als ein Prozent der Bevölkerung betroffen, die meisten aber müssen ein Leben lang damit zurechtkommen, auch wenn Medikamente die Symptome oft entscheidend lindern. 

Was eine Schizophrenie auslöst, darüber ist sich die Wissenschaft noch uneinig. Natürlich gibt es Risikogene, die vererbt werden. Aber bei Weitem nicht jeder, der die fraglichen Gene in sich trägt, wird krank. Ein internationales Forscherteam rund um den Mediziner Gianluca Ursini liefert nun wichtige Ergebnisse dafür, warum manche Menschen, die Risikogene haben, erkranken und andere nicht. Und sie stützen damit eine These, die schon länger kursiert: dass neben den Genen der Verlauf der Schwangerschaft eine sehr wichtige Rolle spielt. In ihrer Studie analysierten die Mediziner das genetische Material von 2.885 Gesunden und Schizophreniekranken aus Italien, den USA, Deutschland und Japan. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie heute im Magazin Nature Medicine (Ursini et al., 2018). 

Das Risiko erhöht sich um das Fünffache

Zunächst stellten die Mediziner fest, dass das Risiko für ein Kind, im Laufe seines Lebens an Schizophrenie zu erkranken, um das Fünffache erhöht war, wenn es Komplikationen während der Schwangerschaft gegeben hatte und ein genetisches Risiko vorhanden war. Beispiele für solche Komplikationen während der Schwangerschaft sind Präeklampsie oder ein verzögertes Wachstum, verursacht durch Stress, Virusinfektionen und Alkohol- oder Nikotinkonsum der Mutter während der Schwangerschaft.

Aber wie genau wirken sich die Gene und die Schwangerschaftskomplikationen auf die Entwicklung des Kindes aus, dessen Gehirn später eine Schizophrenie entwickelt? Eine entscheidende Rolle scheint die Plazenta zu spielen – der Mutterkuchen, der an den Blutkreislauf der Mutter und des Kindes angeschlossen ist und das ungeborene Kind während der Schwangerschaft mit Nahrung und Sauerstoff versorgt. Ein Fötus werde bereits im Mutterleib auf das spätere Leben vorbereitet, "indem wesentliche physiologische Systeme an die vorherrschenden Umweltbedingungen angepasst werden", erklärt Florian Rakers vom Universitätsklinikum Jena. Rakers war zwar nicht an der Studie beteiligt, forscht jedoch zur Hirnentwicklung während der Schwangerschaft. Stress könne die Entwicklung eines Kindes beeinflussen, weil er über die Plazenta bewirkt, dass beim ungeborenen Kind die Genexpression verändert wird. Bestimmte Gene werden aktiver, also häufiger aus dem Erbgut abgelesen und in Proteine umgewandelt. Hier treffen sich also Gene und Umwelteinflüsse und beeinflussen so die Hirnentwicklung.

Auch Thomas Mühleisen und Sven Cichon – beide forschen zu ähnlichen neurowissenschaftlichen Fragen am Forschungszentrum Jülich – sind beeindruckt von den Studienergebnissen: "Aus epidemiologischen Studien ist bereits seit Längerem bekannt, dass Schwangerschaftskomplikationen das Risiko des Kindes erhöhen, später im Leben an Schizophrenie zu erkranken." Diese Studie aber gehe einen Schritt weiter und zeige, wie genau genetische und umweltbedingte Risikofaktoren zusammenwirken, um eine Schizophrenie auszulösen. Es handele sich um eine exzellente Studie zu einer schon sehr lange diskutierten Fragestellung der Schizophrenieforschung, sagten sie dem Science Media Center.

Studie liefert Hinweise für Geschlechtsunterschiede

Das zweite zentrale Ergebnis der Studie nähert sich einem weiteren Rätsel der Schizophrenieforschung, nämlich der Frage, warum Männer häufiger an Schizophrenie erkranken als Frauen. Ursini und seine Kollegen konnten zeigen, dass Risikogene bei männlichen Schizophreniepatienten stärker aktiviert sind als bei weiblichen. Auch das sei richtungsweisend, sagt Florian Rakers. Er mahnt aber auch zur Vorsicht: "Eine genomweite Analyse lässt per se keine sicheren Rückschlüsse auf Kausalität zu." Der Zusammenhang zwischen Stress und verstärkt abgelesenen Risikogenen sei nicht mit Sicherheit belegt, auch wenn viele Hinweise dafür sprächen.