"Jedes zehnte vegan ernährte Kind ist zu klein", titelten daraufhin einige Medien. "Aber die Studie wurde teilweise überinterpretiert", sagt Ute Alexy von der Universität Bonn, die als Ernährungswissenschaftlerin beteiligt war. Ja, es könne passieren, dass ein vegan ernährtes Kind kleiner ist als andere Kinder im gleichen Alter. "Wir können aber noch nicht sagen, woran das liegt und welche Auswirkungen es haben kann", sagt die Ernährungswissenschaftlerin, "dafür fehlen uns noch zu viele Informationen." Mit gerade mal 300 Teilnehmern handelt es sich um eine kleine Studie, der Untersuchungszeitraum von drei Tagen war zudem äußerst kurz.

So könnte die kleinere Körpergröße ebenso mit der Größe der Eltern zusammenhängen, oder damit, dass das Kind länger gestillt und zu wenig zugefüttert wurde – diese Gründe hatten sich in einigen der früheren Studien als Ursache gezeigt. Mit den derzeitigen Daten lasse sich das nicht ausschließen, "wir erhoffen uns in einer Folgestudie Antworten darauf", sagt Alexy. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat sie in Auftrag gegeben, 2020 sollen erste Ergebnisse vorliegen.

Was allerdings ebenfalls nicht unerwähnt bleiben darf: Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet lässt sich der Schluss ziehen, dass es durchaus möglich ist, sein Kind vegan zu ernähren. Schließlich haben sich neun von zehn der untersuchten Kinder normal entwickelt; zumindest was Gewicht und Körpergröße anbelangt. Laut Alexys Team kann eine vegane Ernährung bei Kleinkindern daher durchaus funktionieren – solange bestimmte Nahrungsergänzungsmittel hinzukommen. Diese seien "unabdingbar" und auf eine ausreichende Zufuhr von kritischen Nährstoffen, insbesondere Vitamin B12, sei zu achten, sagt Alexy. 

Ob vegan oder vegetarisch: erst mal zum Kinderarzt

Welche Ergänzungsmittel Eltern jedoch in welchen Maßen wann verabreichen sollten, kommt ganz auf das Kind an. Als unerlässlich gilt daher ein ärztliches Beratungsgespräch.

"Eine vegane Ernährung ist immer ein zusätzliches Risiko", sagt Berthold Koletzko von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Der Kinderarzt arbeitet im Kinderspital der Uniklinik München und hat selbst miterlebt, was eine falsche Ernährung bei Kindern verursachen kann. "Rund die Hälfte der Kinder mit Vitamin-B12-Mangel behält lebenslange neurologische Schäden zurück", sagt Koletzko. Das Vitamin nehmen Menschen über Nahrungsmittel tierischen Ursprungs zu sich oder eben als Ergänzungsmittel. "Viele denken, Letztere wären ungesund, 'alles nur Chemie', heißt es", sagt Koletzko. Dabei würde vergessen: "Der ganze Körper ist Chemie." Das zugeführte Vitamin B12 sei genau wie das, was wir über die Nahrung aufnehmen. Nur eben synthetisch hergestellt. In einem Beratungsgespräch ließen sich solche Dinge ausführlich erklären und damit Falschinformationen vorbeugen.

"Im Internet wird verbreitet, dass es Pflanzen gibt, die genügend Vitamin B12 liefern, aber das stimmt nicht", sagt Koletzko. Nur in der vegetarischen Ernährungsweise, in der tierische Lebensmittel wie Ei und Milch erlaubt sind, sei es möglich, sein Kind ohne Ergänzungsmittel zu ernähren.

Neben Vitamin B12 müssen Eltern auf andere Nährstoffe achten, die rein pflanzlich ernährten Kindern häufiger fehlen als anderen. Dazu zählen beispielsweise Eisen, Kalzium und Zink (siehe Infobox oben). Nur wenn mögliche Mängel untersucht und ausgeglichen werden, ist die vegane Ernährung relativ risikoarm für das Kind möglich.