Dieser Gastbeitrag ist Teil der Serie "Global Drug Survey", in der ZEIT ONLINE über Drogen im Alltag berichtet. Dazu haben wir gerade exklusiv Ergebnisse der gleichnamigen weltweit größten Drogenumfrage veröffentlicht. An dieser Stelle argumentieren der Suchtexperte Heino Stöver und der Journalist Dietmar Jazbinsek in der Debatte um die E-Zigarette.

Haben wir keine anderen Sorgen als Tabak, auch wenn heute Weltnichtrauchertrag ist? Ist Rauchen überhaupt noch ein Thema und falls ja: Kann die E-Zigarette die qualmende Bevölkerung retten? Um diese Fragen zu beantworten, hilft ein Blick in die Statistik: Vor einem Vierteljahrhundert rauchten laut Mikrozensus 28,8 Prozent der Deutschen im Alter von 15 Jahren aufwärts, 2013 waren es immer noch 24,5 Prozent und vergangenes Jahr kam eine Umfrage der Universität Düsseldorf mit einer anderen Methodik auf einen Raucheranteil von 28,3 Prozent (Deutsches Ärzteblatt: Kotz & Böckmann & Kastaun, 2018). Die Zahl der Zigarettenraucher hat sich also wenig verändert, wohl aber ihre Zusammensetzung: Während sich die große Mehrheit der Gymnasiallehrer das Rauchen abgewöhnt hat, greifen acht von zehn Möbelpackern immer noch zur Zigarette, sobald sie eine Pause machen. Geringverdienende und Langzeitarbeitslose – sie sind der Tabakindustrie als Kundschaft weiter treu bis in den Tod (Tabakatlas Deutschland: DKFZ, 2015).

Der Sozialwissenschaftler Heino Stöver ist Mitbegründer und war Vorstand des Vereins für akzeptierende Drogenarbeit sowie in gleicher Funktion bis 2017 tätig an der Universität Bremen im Informations- und Forschungszentrum für Alkohol, Tabak, Drogen, Medikamente und Sucht. Stöver ist derzeit geschäftsführender Direktor des Instituts für Suchtforschung der Frankfurt University of Applied Sciences. © privat

Global gesehen sind die Aussichten der Branche blendend: Mit der Weltbevölkerung wächst die absolute Zahl potenzieller Raucherinnen und Raucher und mit dem ökonomischen Aufschwung in den Schwellenländern steigt die kaufkräftige Nachfrage nach Tabakprodukten. Deutschland gehört zu den größten Zigarettenexporteuren der Welt und verdient kräftig mit an der Globalisierung der Krebssterblichkeit. Einer Schätzung der Weltgesundheitsorganisation zufolge sterben jedes Jahr sechs Millionen Menschen an Erkrankungen, die mit Rauchen in Verbindung stehen, Tendenz steigend (Report on the Global Tobacco Epidemic: WHO, 2013). Erst vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, welche Zäsur das Jahr 2003 bedeuten könnte.

Die Dampfer – eine Grassroots-Bewegung

In jenem Jahr meldete ein auf Ginsengpflanzen spezialisierter Pharmazeut namens Hon Lik das Patent für eine elektrische Alternative zur herkömmlichen Zigarette an. Nach der Markteinführung in China trat die E-Zigarette ihren Siegeszug um die Welt an und schon bald zeichnete sich ab, dass die neue Variante des Nikotinkonsums zur folgenreichsten chinesischen Innovation seit der Erfindung des Porzellans werden könnte. Aus dem Erfahrungsaustausch der Nutzenden ging die weltweite Dampferszene hervor, die Merkmale einer Onlinecommunity, einer Subkultur und einer sozialen Gruppierung in sich vereint – eine Grassroots-Bewegung.

Dietmar Jazbinsek hat in Bielefeld und Paris Soziologie studiert, war danach Mitarbeiter im Berliner Forschungsverbund Public Health und am Wissenschaftszentrum Berlin. Als freier Journalist beschäftigt er sich vor allem mit dem Einfluss des Lobbyismus auf die Präventionspolitik. Jazbinsek ist Stipendiat der Dieter Mennekes-Umweltstiftung. © privat

Das Engagement der Konsumierenden trug maßgeblich dazu bei, die Gerätesicherheit und das Geschmackserlebnis zu verbessern. Was ihr Entwöhnungspotenzial betrifft, sind heutige Varianten der E-Zigarette mit auffüllbaren Tanks und regelbarer Spannung wesentlich leistungsfähiger als die der ersten Generation. Und es gibt keinen ernst zu nehmenden Experten, keine Forscherin auf dem Gebiet der Tabakkontrolle, die bestreiten, dass mit dem Dampfen ein wesentlich geringeres Gesundheitsrisiko verbunden ist als mit dem Rauchen gewöhnlicher Zigaretten.

Heftig gestritten wird jedoch darüber, wie man das Restrisiko des E-Zigaretten-Konsums bewerten soll. Im Verlauf der Debatte fällt auf: Je ausgereifter die Technik wird, umso wüster werden die Anfeindungen. Die E-Zigarette sei ein trojanischer Trick der Tabakindustrie, vermuten Skeptikerinnen und Skeptiker. Was stimmt: Die Zigarettenhersteller haben schon seit Jahren Pläne für elektrisch betriebene und damit weniger schädliche Inhalatoren in den Schubladen, sie wurden jedoch nur zögerlich verfolgt. Das Kerngeschäft mit Tabakprodukten sollte nicht gefährdet werden (Die E-Zigarette: Stöver (Hrsg.) et al., 2016). Erst als sich abzeichnete, dass mit den Start-up-Unternehmen der E-Zigaretten-Szene eine ernstzunehmende Konkurrenz entstand, stiegen die Großkonzerne in das Geschäft ein.

Tabakkonzerne fabulieren von der "rauchfreien Zukunft"

Seit 2012 bemühen sie sich nun mit aller Macht, den neuen Markt unter Kontrolle zu bekommen, indem sie andere E-Zigaretten-Marken aufkaufen oder eigene herausbringen. Imperial Brands etwa übernahm 2013 die Firma von Hon Lik und erwarb dabei auch eine Reihe wichtiger Patente. In der Folgezeit überzog der Mutterkonzern von Reemtsma andere E-Zigaretten-Anbieter mit Patentklagen, was wiederum den Tabakkonzern Philip Morris dazu veranlasst haben dürfte, verstärkt auf Heat-not-burn-Geräte zu setzen.

Mit dieser Hybridtechnologie aus Zigarette und E-Zigarette wird Tabak nur erhitzt und nicht verbrannt. Seit zwei Jahren vertreibt der Marlboro-Konzern einen solchen Tabakerhitzer unter dem Markennamen Iqos in Deutschland. Im Unterschied zur E-Zigarette gibt es bislang nur wenige unabhängige Studien zum Risikopotenzial dieser Geräte. Einer aktuellen Untersuchung des Bundesinstituts für Risikobewertung zufolge liegt die Schadstoffbelastung der Iqos-Emissionen um 80 bis 99 Prozent unter der des Zigarettenrauchs (Archives of Toxicology:, Mallock et al., 2018). Diese Werte wurden zwar im sterilen Setting eines maschinellen Abrauch-Versuchs gemessen und nicht unter Alltagsbedingungen, wo Tabakkrümel vor sich hin kokeln können, wenn die Nutzenden das Iqos-Gerät nicht gründlich genug reinigen. Selbst wenn sie sich als teurer Flop erweisen sollte, wäre das für Philip Morris nicht unbedingt von Nachteil, sofern frustrierte Iqos-Käufer danach wieder zur Marlboro greifen. Die Manager des Weltmarktführers fabulieren zwar gerne über eine "rauchfreie Zukunft". Am Ende zählt aber natürlich die Gewinnmarge der Gegenwart.