Als die Rollen des grauen Fliegers im August 2014 auf der Landebahn des Hamburger Flughafens aufsetzten, war das oft tödliche Virus so nah wie nie zuvor. Ebola in Deutschland, das war plötzlich real und es machte Menschen Angst. An Bord war ein Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der sich angesteckt hatte und am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf behandelt wurde. Ausgeflogen hatte ihn die WHO aus Westafrika, wo die schlimmste Ebola-Epidemie aller Zeiten am Ende mehr als 11.000 Menschen töten und Staaten an den Rand des Zusammenbruchs bringen würde.

Nur einige Wochen ist es her, dass ein mulmiges Gefühl zurückkehrte. Anfang Mai vermeldete das Gesundheitsministerium der Demokratischen Republik Kongo zwei Ebola-Fälle; die Zahl der Infizierten stieg rasch, das Virus erreichte eine Großstadt. Doch dann hörten die Meldungen auf. Genauso schnell, wie das Virus kam, scheint es nun wieder zu verschwinden. 28 Menschen sind bislang am Ebola-Virus gestorben, bei 38 wurde das Virus nachgewiesen, dazu kommen 23 Verdachtsfälle. Aber inzwischen gibt es seit fast drei Wochen keinen neuen bestätigten Fall.

Wieso ist dieses Mal alles anders? War es gar der neue Impfstoff, der eine erneute Epidemie verhindert hat? Was genau ist Ebola eigentlich für ein Virus? Und wie geht es jetzt weiter? ZEIT ONLINE beantwortet diese Fragen.

Woher kam das Virus?

Der aktuelle Ausbruch scheint von einer Beerdigung in Bikoro ausgegangen zu sein, einer Marktstadt im Nordwesten der Demokratischen Republik Kongo. Am 8. Mai bestätigte das Gesundheitsministerium des Landes die ersten zwei Fälle. Bikoro liegt rund hundert Kilometer südlich der Provinzhauptstadt Mbandaka und hat, wie viele ländliche Gegenden in Zentralafrika, kaum gut ausgestattete medizinische Einrichtungen. Das Gesundheitszentrum, an das sich die Ebola-Kranken wandten, hat nicht einmal rund um die Uhr fließend Wasser und Strom.

Der neueste Ebola-Ausbruch

Im Westen der Demokratischen Republik Kongo sind rund 50 Fälle der Viruserkrankung aufgetreten.

Unruhig wurden die Weltgesundheitsorganisation und ihre Partner, als am 16. Mai ein Fall aus der Millionenstadt Mbandaka gemeldet wurde. Anders als in ländlichen Gebieten breitet sich das Virus in Städten oft rasant aus. Und Mbandaka ist nicht irgendeine Stadt, sondern ein Verkehrsknotenpunkt. Sie liegt am Kongo-Fluss, über den man die Elf-Millionen-Metropole Kinshasa erreichen kann und hat einen nationalen Flughafen. Auch Brazzaville, die Hauptstadt der Republik Kongo, und Bangui, die Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, sind nicht weit.

Mbandaka ist nicht die erste Großstadt im Kongo, in der das Virus schon einmal auftrat. 1995 gab es in der Stadt Kikwit Ebola-Tote (Emerging Infectious Diseases: Sanchez et al., 1995). Auch bei diesem Ausbruch gab es deutlich mehr Opfer als derzeit.

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Wie hält man Ebola auf?

Die wichtigste Maßnahme, um einen Ebola-Ausbruch einzudämmen, ist es, Infizierte und alle, mit denen sie zu tun hatten, unverzüglich ausfindig zu machen. Das ist Detektivarbeit, vor allem wenn Menschen in dicht bewaldeten oder schwer zugänglichen Regionen gesucht werden, wie dieses Mal. Beim neuesten Ausbruch verfasste das kongolesische Gesundheitsministerium schnell eine Liste von 628 Personen, die mit den 56 Infizierten Kontakt hatten. Diese Liste wurde mit jedem weiteren Verdachtsfall erweitert, zuletzt fanden sich mehr als 1.700 Menschen auf ihr wieder.

Sind die Kontaktpersonen gefunden, dann sollten Mediziner und Ärztinnen sie in einem Krankenhaus isolieren und dort untersuchen und falls nötig behandeln. Noch immer gibt es allerdings keine zugelassene Therapie, die die Viruserkrankung selbst behandelt. Die einzige Möglichkeit ist es, den Flüssigkeits-, Elektrolyt- und Glukosehaushalt der Patientinnen und Patienten stabil zu halten und zusätzlich auftretende bakterielle Infekte zu behandeln.

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Gibt es mittlerweile einen Impfstoff?

Ja. Bereits am 16. Mai erreichten Ladungen eines experimentellen Ebola-Impfstoffs per Flugzeug den Kongo, gekühlt auf Temperaturen von minus 60 bis minus 80 Grad Celsius. Sie sollen helfen, den Ausbruch einzudämmen. Für viele Forscherinnen und Wissenschaftler ist der Impfstoff eine große Hoffnung. Er wird allen verabreicht, die Kontakt zu Patientinnen und Patienten hatten, die nachweislich an Ebola erkrankt sind. In einem Ringverfahren werden diese Menschen bestimmt: Wer lebte in den vergangenen 21 Tagen in einem Haushalt, in dem jemand erkrankt ist? Wer besuchte einen Ebola-Kranken in der Klinik? Wer kam potentiell in Kontakt mit den Körperflüssigkeiten eines bereits Erkrankten? Neben Freunden und Familie der Erkrankten werden also auch Gesundheitsarbeiter und Ärztinnen geimpft. Geimpft wird im Übrigen nur, wer der Impfung zustimmt, wie die WHO auf Anfrage mitteilt. "Täglich können nur zwischen 30 bis 50 Menschen geimpft werden, da die Impfung mit dem experimentellen Impfstoff unter Studienbedingungen durchgeführt werden muss", erklärt Iza Ciglenecki, Einsatzleiterin von Ärzte ohne Grenzen vor Ort. Das bedeutet, dass alle Geimpften streng überwacht werden müssen, denn der Impfstoff ist noch nicht zugelassen. Inzwischen wurden mehr als 3.000 Menschen im Kongo geimpft.

Der Impfstoff, der aktuell verwendet wird, heißt rVSV-ZEBOV. Im Rahmen einer Studie wurde er bereits am Ende der Westafrika-Epidemie in Guinea eingesetzt: In einem zweistufigen Verfahren impfte man eine Gruppe von Kontaktpersonen sofort, eine zweite Gruppe zeitversetzt nach drei Wochen. Wer zuerst und wer später geimpft wurde, bestimmte der Zufall. In der ersten Gruppe traten in den zehn Tagen nach der Impfung keine weiteren Ebola-Erkrankungen auf. Von den später Geimpften erkrankten hingegen 23 Personen (Lancet: Henao-Restrepo et al., 2017). Für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind das sehr vielversprechende Ergebnisse, womöglich ist der Impfstoff sehr wirksam. Von einer hundertprozentigen Wirksamkeit zu sprechen, wie manche Medien es taten, ist bei der geringen Probandenzahl allerdings viel zu früh.

Die Vakzine besteht aus abgeschwächten Rhabdoviren, zu denen auch der Tollwut-Erreger zählt. In deren Erbgut haben Forscher ein Protein des Zaire-Ebola-Virus eingeschleust. Die Impfung mit dem Virus löst eine Immunantwort beim Menschen aus sowie die Produktion von Antikörpern, die es braucht, um eine Erkrankung zu bekämpfen (Philosophical Transactions B: Lambe et al., 2017 und Lancet: Huttner et al., 2018).

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Was sind die Lehren aus dem Ebola-Ausbruch von 2014?

Vor allem zeigte sich, wie verheerend sich die schlechte Koordination der nationalen Behörden und der internationalen Organisationen auswirkte, aber auch die mangelnde finanzielle Unterstützung. Das Virus brachte die Staaten Guinea, Liberia und Sierra Leone und ihre Gesundheitssysteme an den Rand des Zusammenbruchs. Das ist dieses Mal anders. "Wir sehen eine sehr schnelle und sehr aggressive Antwort", sagte Peter Jay Hotez ZEIT ONLINE im Mai. Er leitet die National School of Tropical Medicine im US-amerikanischen Houston. Sowohl WHO als auch Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen und das Rote Kreuz waren sehr schnell vor Ort. Nach der Meldung des ersten Ebola-Falls in Mbandaka verschärfte die WHO ihre Risokoeinschätzung. Jeremy Farrar, der Leiter des Wellcome Trust, der Millionen in die Erforschung des Ebola-Impfstoffs investiert hatte, erzählte ZEIT ONLINE, dass die WHO von Anfang an die Führung übernommen habe. Aber auch die Behörden im Kongo bemühten sich früh um Transparenz, baten um Hilfe und kooperierten mit den Hilfsorganisationen. Das liege in Teilen natürlich auch daran, dass die Demokratische Republik Kongo bereits viel Erfahrung mit Ebola-Ausbrüchen habe und das Gesundheitsministerium dort eine gute Arbeit leiste, sagt Fabian Leendertz, der am Robert Koch-Institut (RKI) die Arbeitsgruppe Epidemiologie hochpathogener Erreger leitet.

Ein weiterer Grund für den Erfolg der Antwort aber war die gute Finanzierung: Der Wellcome Trust sagte innerhalb von Minuten umgerechnet fast 2,3 Millionen Euro zu. Die WHO setzte umgerechnet 1,7 Millionen Euro Soforthilfe frei und der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn versprach fünf Millionen. Insgesamt, teilte Peter Salama von der WHO auf Twitter mit, seien die benötigten 56 Millionen US-Dollar (48,4 Millionen Euro) an Hilfsgeldern zusammengekommen.

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Wie lassen sich künftige Ausbrüche verhindern?

Wie bereits 2014 in Westafrika trifft auch jetzt in der Demokratischen Republik Kongo ein tödliches Virus auf ein eher schwaches Gesundheitssystem. Eines, in dem es zu wenige Ärzte und Gesundheitsmitarbeiterinnen gibt, in dem Menschen lange Wege zurücklegen müssen, um medizinische Hilfe zu bekommen, für die sie sich dann womöglich auch noch verschulden müssen. Hinzu kommen unzuverlässige Meldesysteme, zu wenige Labore und Medikamente, die zur Verfügung stehen. Das sind gute Bedingungen für ein Virus wie Ebola. Wer Epidemien deshalb langfristig vorbeugen will, muss das Gesundheitswesen der betroffenen Länder stärken. Das dauert mitunter Jahre und dafür bedarf es langfristiger Investitionen (Lancet: Gostin und Friedman, 2015).

Mindestens genauso wichtig wie eine umfassende biomedizinische Versorgung sind aber kulturelle Aspekte. An den Ausbruchsorten prallen oft traditionelle Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit auf medizinische Notwendigkeiten. Ein Beispiel: Bei den traditionellen Bestattungsritualen im Kongo ist es üblich, die Toten zu berühren und sie zu waschen. Aber genau das sollte man bei einem Menschen, der an Ebola gestorben ist, auf keinen Fall tun. Denn bei Verstorbenen ist die Viruskonzentration im Körper noch immer hoch, sie sind weiterhin ansteckend. Die WHO gab deshalb bereits 2014 eine 17-seitige Anleitung zur sicheren und würdevollen Bestattung von Ebola-Toten heraus. Zentral ist es dabei, die Familie des Verstorbenen früh einzubeziehen und gleichzeitig mit Priestern das Bestattungsritual zu planen. Dafür bildet die WHO vor Ort gezielt und mit Hilfe von Anthropologen Teams aus, die die Arbeit der Gesundheitsbehörden erklären.

Das Vertrauen in den Gesundheitssektor und den Staat ist gering und die Kommunikation findet nicht auf Augenhöhe statt.
Ruth Kutalek, Medizinanthropologin

Früh mit Bürgermeistern und religiösen Führern zusammenzuarbeiten sei auch deshalb wichtig, weil "das Vertrauen in den Gesundheitssektor und den Staat gering ist und die Kommunikation häufig nicht auf Augenhöhe stattfindet", erklärt Ruth Kutalek, Medizinanthropologin am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien. Nur indem man das Vertrauen stärke, könne man auch verhindern, dass Patienten allein oder mithilfe ihrer Familie medizinische Einrichtungen verlassen. Denn das kann für die Ausbreitung des Ebola-Virus kritisch sein. Eine Studie (BMJ Glob Health: Jalloh et al., 2014) zum vergangenen Ebola-Ausbruch in Sierra Leone bestätigt, wie wichtig es ist, das Wissen, die Einstellungen und die Praktiken der Gemeinschaften vor Ort zu kennen.

Es könnte aber noch eine weitere Strategie helfen, um Epidemien vorzubeugen: Menschen sollten ihren Umgang mit der Natur hinterfragen. Denn wer Wälder rodet und die Umwelt zerstört, treibt wilde Tiere aus ihren Schutzräumen. Und wenn diese Tiere Krankheiten übertragen, erhöht sich mit jedem gefällten Baum die Gefahr, dass Krankheiten auf den Menschen überspringen. Das sehen Forscherinnen und Forscher als einen der Gründe, warum Epidemien wie Ebola oder Zika häufiger werden. (PLoS Neglected Tropical Diseases: Bausch und Schwarz, 2014). Der Versuch, Flughund- oder Fledermauskolonien, die Ebola übertragen könnten, auszurotten, bewirkt dabei das Gegenteil. Denn je mehr Kontakt der Mensch mit wilden Tieren hat, desto wahrscheinlicher ist es, sich mit Krankheitserregern anzustecken.

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Wie geht es jetzt weiter?

Noch ist der aktuelle Ausbruch nicht ausgestanden. Gerade in den dicht bewaldeten Regionen rund um Iboko könnten noch Fälle auftreten oder entdeckt werden. Deshalb fahren Gesundheitsarbeiter auf Motorrädern durch den Wald, suchen nach möglicherweise Infizierten und impfen diese im Zweifelsfall auch direkt.

Wer genau Patient Null, also der erste Infizierte des Ausbruchs, ist und wie er sich angesteckt hat, könne man noch nicht mit Sicherheit sagen, erklärt Fabian Leendertz vom RKI. Leendertz hat bei der großen Epidemie 2014 mitgeholfen, genau das zu tun. Er sagt: "Natürlich ist es am Wichtigsten, den Ausbruch einzudämmen und mögliche Infizierte zu finden." Wenn man es aber schafft, herauszufinden, wie und wo sich Patient Null infiziert habe, dann könne das helfen, mehr über das Virus zu erfahren. Darüber, wie es übertragen wird und wie man die nächste Epidemie möglicherweise verhindern kann. Denn letztlich weiß man noch immer nicht besonders viel über das Ebola-Virus.

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