Auf einer Liste der abgedroschensten Phrasen von Fußballkommentatoren dürfte eine nicht fehlen: "Wir haben hier die Zeitlupe, diesen Luxus hat der Schiedsrichter nicht." Zwar hört man sie seit der Einführung des Videobeweises seltener. Nun aber stellt sich heraus, dass sie – zumindest wenn es um die Bestrafung eines Foulspiels geht – schon immer falsch gewesen sein könnte. Vielleicht ist die Zeitlupe kein "Luxus", sondern greift auf ganze andere Art und Weise ins Spiel ein, als lange gedacht.

Bei der Fußball-WM in Russland wird der Videobeweis erstmals bei einem solchen Turnier zum Einsatz kommen. Die Video-Schiedsrichter sollen in vier Spielsituationen eingreifen können: bei einem Tor, bei einer Abseitssituation, wenn der Schiedsrichter aus Versehen den falschen Spieler bestraft. Und bei einer Roten Karte. Zwischen diesen Situationen aber gibt es einen Unterschied. Ob der Ball die Torlinie überquert hat oder der Stürmer im Moment des Passes im Abseits stand, sind objektive Entscheidungen: Die Antwort heißt ja oder nein. Bei der Roten Karte ist das anders. In vielen Fällen zücken die Unparteiischen sie aufgrund eines Foulspiels.

Begutachten Video-Schiedsrichter solche Situationen noch einmal in Zeitlupe, müssen sie zweierlei subjektiv bewerten. Erstens: War es ein Foul? Zweitens: Geschah es aus Absicht? Dabei führt die Zeitlupe offenbar dazu, dass Schiedsrichter strenger urteilen, wie Wissenschaftler im Fachblatt Cognitive Research: Principles and Implications (Spitz et al., 2018) schreiben.

88 Schiedsrichter, 60 Spielszenen – ein einzigartiges Experiment

Dafür unterzogen Jochim Spitz und seine Kollegen von der belgischen Universität Leuven 88 europäische Top-Schiedsrichter einem bisher einzigartigen Experiment. Sie zeigten den Unparteiischen 60 Spielszenen, in denen ein Spieler einen anderen foulte. Eine Hälfte der Schiris bekam die Szenen in Echtzeit gezeigt, die andere in Zeitlupe. Dann sollten sie entscheiden: Würden sie das Spiel weiterlaufen lassen, auf Foul entscheiden, oder gar Gelb oder Rot zücken? Vorher mussten Referenzwerte für jede Situation festgelegt werden. Dafür beurteilten zwei erfahrene Ex-Schiedsrichter die Spielsituationen nach den FIFA-Regeln. Sie durften die Aktionen mehrfach anschauen und kannten auch die Entscheidungen, die die Unparteiischen in der Realität getroffen hatten.

Anders die Schiedsrichter, die an dem Versuch teilnahmen: Sie durften die Szenen nur ein einziges Mal sehen und mussten sich danach innerhalb von zehn Sekunden entscheiden. Dabei lagen diejenigen, die die Situationen in Echtzeit anschauten, und die Zeitlupen-Gruppe gleichauf, was die Entscheidung Foul/ kein Foul anbelangte. In etwa 60 Prozent der Fälle stimmten sie mit der Referenz überein.

Die Zeitlupe verändert die Wahrnehmung

Unterschiede gab es allerdings in der Art der Bestrafung. So bewerteten Schiedsrichter, die die Fouls in Zeitlupe gesehen hatten, Situationen deutlich strenger als die Teilnehmer aus der Echtzeit-Gruppe. Die Zeitlupen-Gucker gaben seltener Gelbe oder gar keine Karten, stattdessen griffen sie öfter zu Rot.

Die Forscher erklären sich den Befund damit, dass sich die Zeitwahrnehmung durch eine Zeitlupe verändert. Sehen die Schiedsrichter eine Szene langsamer, schreiben sie dem foulenden Spieler unterbewusst zu, mehr Zeit für seine Entscheidung gehabt zu haben, zur Grätsche anzusetzen. Das verleite die Unparteiischen dazu, den Spielern Absicht zu unterstellen – mit der Konsequenz einer härteren Bestrafung.

Das Phänomen ist bereits aus einem anderen Kontext bekannt. Auch in Gerichtssälen wird immer wieder Zeitlupe eingesetzt, etwa Aufnahmen von Überwachungskameras. Wissenschaftler konnten zeigen, dass Menschen den Tätern häufiger Vorsatz unterstellten, wenn sie die Szenen in Zeitlupe und nicht in Echtzeit sahen. Jurys, denen nur die Zeitlupe vorgespielt wurde, verhängten im Experiment viermal so oft das Urteil Mord wie solche, die beide Versionen gesehen hatten.

Spitz' Studie ist erst die zweite Arbeit, die den Einfluss der Zeitlupe auf die Entscheidung bei Fouls untersucht. Vor einem Jahr prüfte Spitz mit seinen Kollegen, welchen Einfluss die Zeitlupentechnik bei Eckbällen hat. Durch das Gewusel im Strafraum ist es dabei für Referees oft schwer, den Überblick darüber zu behalten, wer zuerst drängelt und schiebt. Durch die Zeitlupe konnten sie häufiger richtig entscheiden, ob ein Foul vorlag oder nicht und von wem es ausging.