Schnell noch ein Multivitaminpräparat in den Einkaufswagen und dann ab zur Kasse: Nahrungsergänzungsmittel sind zu einem Lifestyle-Produkt geworden, das es längst in der Drogerie und im Supermarkt gibt. Eine Tablette soll oftmals all das enthalten, was der Körper an Vitaminen oder Mineralien braucht. Das Wichtigste von Gemüse und Obst zusammengepresst zu einem unkomplizierten Garanten für die Gesundheit. Derartiges versprechen zumindest einige Hersteller von Vitaminpräparaten und anderen Nahrungsergänzungsmitteln. Und laut Statistik scheinen ihnen eine Menge Deutsche zu glauben: 165 Millionen Packungen mit Nahrungsergänzungsmitteln werden pro Jahr verkauft, rund 30 Prozent der Erwachsenen in Deutschland nehmen regelmäßig Präparate, die Vitamine oder Mineralstoffe enthalten. Am besten verkauft sich hierzulande Magnesium, gefolgt von Kalzium und Eisen. Aber was bringen die Pillen? Oder schaden sie gar?

Zunächst einmal ist es richtig, dass der menschliche Körper regelmäßig Mineralstoffe wie Magnesium oder Kalzium und Vitamine braucht. Ein handfester Mangel kann neben Krämpfen und Muskelzuckungen auch zu Müdigkeit, Magen-Darm-Beschwerden und Herz-Rhythmus-Störungen führen. Nur: "Zu einem Mangel kommt es in Deutschland normalerweise erst gar nicht", sagt Christian Sina, Direktor des Instituts für Ernährungsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck. Auch wer nicht täglich Obst oder Gemüse isst, nimmt meist ausreichend Vitamine, Spurenelemente und Mineralien über die Nahrung zu sich. 

Nahrungsergänzungsmittel können niemals Obst oder Gemüse ersetzen.
Christian Sina, Ernährungsmediziner

Erst eine besonders mikronährstoffarme und einseitige Ernährung – Tiefkühlpizza und Toastbrot mit Nutella zum Beispiel – über einen längeren Zeitraum kann zu Mangelerscheinungen führen, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken. Aber selbst wenn es so weit kommt, helfen die Pillen nicht weiter: "Solche Mängel lassen sich kaum durch Nahrungsergänzungsmittel verhindern, denn die können niemals Obst oder Gemüse ersetzen", sagt Sina. Der Grund: Es geht nicht um einzelne Vitamine oder Mineralstoffe. "In vielen Gemüsesorten gibt es mehr als 400 Inhaltsstoffe, die für den Körper wichtig sind. Vitamine machen da nur einen kleinen Teil aus", sagt Sina. Auch sekundäre Pflanzenstoffe, Ballaststoffe, Mineralstoffe und Spurenelemente sind für den Körper von Bedeutung – und viele von ihnen lassen sich gar nicht in Nahrungsergänzungsmitteln "verpacken". 

Kein Nutzen in großen Studien

Alles sinnlos also mit den bunten Pillen? Nicht ganz. Schließlich enthalten Nahrungsergänzungsmittel zumindest einen Bruchteil der für den Körper wichtigen Substanzen. Die nächste Schwierigkeit aber: Kommen die überhaupt im Körper an, um dort ihre Wirkung zu entfalten? Denn ob und zu welchen Teilen die Substanzen im Magen-Darm-Trakt aufgenommen werden, hängt von vielen Dingen ab. Vom Präparat etwa, aber auch davon, wie alt man ist, was man vor und nach dem Einnehmen der Tablette isst und trinkt. So können fettreiche Speisen die Kalzium- und Magnesiumaufnahme im Magen-Darm-Trakt behindern, während sie wiederum die Aufnahme von fettlöslichen Vitaminen fördern.

Trotzdem haben Forscher in den vergangenen Jahren Hunderte von Studien durchgeführt, ob Nahrungsergänzungs- und Vitaminpillen einen positiven Effekt auf die Gesundheit haben (z. B. PLoS One: Anders & Schroeter, 2017 oder: JAMA: Rizos et al., 2012) Eine Aufgabe, die alles andere als leicht ist, unter anderem, weil eindeutige Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge wegen der vielen Einflüsse auf Krankheit und Gesundheit kaum zu ermitteln sind. Und weil die Ernährung ohnehin sehr schwer zu kontrollieren ist. Zusammengenommen ist das Ergebnis dann auch ernüchternd: Die Mehrzahl der Studien zeigt, dass die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln nicht gleichzusetzen ist mit der Zufuhr entsprechender Substanzen auf natürlichem Wege, also etwa in Obst oder Gemüse. Einen Zusatznutzen fand man in größeren Studien gar nicht. Die Konsequenz: "Wir wissen inzwischen, dass man die Substanzen aus Nahrungsergänzungsmitteln nicht gleichsetzen sollte mit den natürlich vorkommenden Substanzen", sagt Christian Sina.