Ohne Pestizide könnte die Landwirtschaft nicht genug Nahrung für die Welt produzieren. Heißt es. Also wird schnellstmöglich gespritzt, was erlaubt ist  – ohne, dass langfristige Folgen abzusehen sind. In den aktuellen Debatten über das Unkrautgift Glyphosat oder die Insektenvernichter Neonicotinoide stehen sich Befürworter und Gegner dieser Stoffe unversöhnlich gegenüber. Dabei ließe sich aus der Geschichte lernen: Kaum ein Stoff hat besser gezeigt, wie riskant der exzessive Umgang mit Pestiziden ist wie Chlordecon.

Das Gift ist ein Musterbeispiel dafür, wie Behörden und die Lobby der Landwirtschaft mit falschen Entscheidungen die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürgern bedrohen, weil der Profit der Ernte über alles gestellt wird.

Galt Chlordecon in den Siebzigerjahren noch als Retter für die Bananenplantagen auf den französischen Antillen, ist es heute der Feind. So befreite Chlordecon einst die Stauden von Rüsselkäfern, die sich in Scharen über die Bananen hermachten, sich in die Früchte bohrten und sie faulen ließen. Doch fest steht auch: Die heute als krebserregend eigestufte PCB-Verbindung hat für Jahrhunderte Gewässer und Böden verseucht sowie Nahrungsmittel vergiftet.

Bereits 1979 schätzte die Weltgesundheitsorganisation WHO den Stoff als "wahrscheinlich krebserregend" ein. Er gehört zum "Dreckigen Dutzend", einer Gruppe von zwölf Chemikalien, die sich im Körper anreichern, über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, in der Umwelt bestehen bleiben und über Nahrung in den Körper gelangen können. "Chlordecon ist ein monströser, bislang noch völlig unterschätzter Skandal", sagt Suzanne Dall, Agrarexpertin von Greenpeace in Frankreich. Zum ersten Mal sei ein Zusammenhang zwischen Erkrankungen wie Prostatakrebs und einem Pestizid nachgewiesen worden. "Die Bauern haben es massiv versprüht und über so große Flächen, dass die Folgen unbestreitbar sind." Erst 1993 wurde die Chemikalie verboten.

"Bewiesenermaßen krebserregend"

Noch heute, fast dreißig Jahre nach dem Verbot von Chlordecon, müssen die Antillaisen aufpassen, was sie trinken. Wenn die Kohlefilter auf der Inselgruppe ausfallen, fließt das Pestizid wieder aus dem Hahn. Zuletzt geschah das im Mai. Den gesamten Monat lang tranken die Anwohner verseuchtes Wasser, bis die Gesundheitsbehörde schließlich einschritt und Plastikwasserflaschen verteilte. Nun sollen die Kohlefilter erneuert werden.

Der aktuelle Fall zeigt einmal mehr: Chlordecon ist ein dramatisches Beispiel dafür, wie über Jahrzehnte die Schäden von Pestiziden unterschätzt wurden. Heute streiten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit darüber, ob Glyphosat krebserregend ist – die internationale Agentur für Krebsforschung IARC der WHO stuft Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" ein, während die Gesundheitsbehörden der europäischen Länder diese Krebsgefahr als nicht bewiesen ansehen. Auch die Debatte um Chlordecon war vor drei Jahrzehnten lange nicht entschieden: Die Wissenschaftler waren sich über die Schädlichkeit von Chlordecon so wenig einig wie sie es heute bei Glyphosat sind. Die Bananen wiesen weder damals noch heute Rückstände von Chlordecon auf, weswegen das Pestizid fälschlicherweise als unschädlich eingestuft wurde. Dass sich der Stoff Jahre später in Wurzelgemüsen und in Flüssen und Trinkwasser wiederfinden würde, war damals nicht klar.

Alleine die USA verboten Chlordecon bereits 1976, weil in einer ihrer Produktionsfirmen die Angestellten unter Gedächtnisstörungen, unwillkürlichen Augenbewegungen und depressiven Verstimmungen litten. Drei Jahre später dann schätzte die IARC Chlordecon als "möglicherweise krebserregend" ein. Inzwischen gilt es sogar als "bewiesenermaßen krebserregend".

Die französischen Behörden wollten bis vor wenigen Jahren die potenziellen gesundheitlichen Schäden ihrer Bürgerinnen und Bürger nicht erforschen. Erst knapp zwanzig Jahre nach dem Chlordecon-Verbot auf den Antillen bewies eine Studie des staatlichen Pariser Forschungsinstituts Inserm im Jahr 2012: Kinder, die schon während der Schwangerschaft oder auch nach der Geburt Chlordecon ausgesetzt sind – etwa durch das Trinkwasser oder verseuchte Nahrung – entwickeln sich körperlich und kognitiv schlechter als nicht belastete Kinder. Beispielsweise konnten sie sich insgesamt später Bilder merken und auch ihre motorischen Fähigkeiten, etwa kleine Dinge zu greifen und zu bedienen, entwickelten sich schlechter. Eine weitere Studie desselben Instituts bewies, dass Kinder von Müttern mit Chlordecon im Körper häufiger zu früh und unterentwickelt zur Welt kommen.