Im Skandal um gepanschte Krebsmedikamente hat das Landgericht Essen einen 48-jährigen Apotheker zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass in der Apotheke des Angeklagten aus Bottrop Infusionslösungen getreckt, bei den Krankenkassen aber voll abgerechnet wurden. Mit den Einnahmen soll der Angeklagte seinen aufwendigen Lebensstil finanziert haben.

Die Staatsanwaltschaft hatte ursprünglich 13,5 Jahre Haft für den Apotheker wegen des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz und Betrugs gefordert. Indem er bei der Herstellung von Krebsmedikamenten die volle Wirkstoffdosis abgerechnet, aber nur eine geringere Dosis verwendet habe, habe sich der Angeklagte auf Kosten von Menschen bereichert, die um ihr Leben bangten, sagte Staatsanwalt Rudolf Jakubowski. Insgesamt hat der Apotheker die Krankenkassen um mehr als 50 Millionen Euro geprellt. "Und das zur Fortsetzung seines luxuriösen Lebensstils – zum Beispiel zum Bau einer Villa mit Wasserrutsche", sagte der Staatsanwalt.

Zahl der betroffenen Patienten weiterhin unklar

Beim Verfahren am Landgericht Essen blieben allerdings wichtige Fragen offen. Es konnte etwa nicht geklärt werden, wie viele Patienten unterdosierte Chemotherapien bekommen haben. Anfänglich war die Staatsanwaltschaft von mehr als 1.000 betroffenen Patienten ausgegangen. Die Verteidiger des Apothekers zweifelten die Indizien an und forderten einen Freispruch. Dem Apotheker könne nicht nachgewiesen werden, dass er ein Serienbetrüger sei, argumentierten seine Anwälte. Außerdem sei die Analyse der sichergestellten Arzneien anzuzweifeln. "Es ist nichts bewiesen", sagte Verteidiger Ulf Reuker in seinem Plädoyer. Der Angeklagte selbst wollte sich im Prozess nicht zu den Vorwürfen äußern.

Zwei Mitarbeiter des Apothekers hatten den Medikamentenskandal aufgedeckt. Hierfür waren sie Ende 2017 mit dem Deutschen Whistleblower-Preis ausgezeichnet worden. Mehrere andere ehemalige Mitarbeiter hatten vor Gericht keine Aussagen gemacht.

Unangemeldete Kontrollen in Krebsapotheken

Auch politisch wurden durch den Fall Konsequenzen gezogen. So erließ Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) 2017 neue Transparenzregeln. Nun werden in den spezialisierten Krebsapotheken unangemeldete Inspektionen durchgeführt, um das Personal und die Herstellung von Infusionsarzneimitteln zu kontrollieren.

Dennoch zeigte sich die Deutsche Stiftung Patientenschutz in Dortmund zum Ende des Prozesses ernüchtert. "Noch immer haben Bund und Länder keine ausreichenden Konsequenzen gezogen", sagte Vorstand Eugen Brysch. Dabei gehe es laut Brysch um die Sicherheit von Hunderttausenden Patienten, die durch eine Krebstherapie auf ein Weiterleben hofften.