Was sie entdeckte, gilt als nobelpreisverdächtig. Es wird das Leben vieler verändern. 2011 veröffentlichte Emmanuelle Charpentier erste bahnbrechende Grundlagen zur Crispr/Cas9-Methode, mit denen sie eine Genschere entwickelte. Damit lässt sich Erbgut ausschneiden, verändern und wieder in ein Lebewesen einbauen. Schon heute ist die Methode das meistgenutzte Gentechnik-Werkzeug der Welt. ZEIT ONLINE hat die Mikrobiologin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin getroffen, an dem sie seit drei Jahren als Direktorin forscht.

ZEIT ONLINE: Frau Charpentier, noch einmal für alle: Was haben Sie genau entdeckt?

Emmanuelle Charpentier: Dass Bakterien der Art Streptococcus pyogenes eine Art Superkraft besitzen. Diese Keime, die bei Menschen zum Beispiel zu Scharlach oder Halsentzündungen führen, können sich gegen Angriffe von Viren zu Wehr setzen. Und zwar, indem sie ein Stück des fremden Erbguts in ihren DNA-Strang einfügen. Bei einem erneuten Virenangriff erkennt das Bakterium das virale Erbgut und kann es gezielt zerschneiden.

Crispr - So funktioniert das neue Universalwerkzeug der Gentechnik Günstig, leicht zu handhaben und enorm effektiv: Crispr revolutioniert die Gentechnik. Das Erbgut aller Lebewesen lässt sich damit beliebig formen, wie das Video zeigt.

ZEIT ONLINE: Zack, fertig, Attacke abgewehrt! Konkret haben Sie die Mechanismen beschrieben, die Bakterien für ihre Abwehr nutzen und 2011 im Fachjournal Nature als erste gezeigt, dass das nur dank eines Zwischenschrittes aus Ribonukleinsäure, also RNA, funktioniert. Der ganze Mechanismus ist heute als Crispr/Cas9 (siehe Video) bekannt – all diese Abkürzung zu erklären, würde hier jetzt zu weit führen …

Charpentier: … das Wichtigste ist: Genetiker können nach demselben Prinzip das Erbgut aller möglichen Organismen präzise und günstig verändern. So lassen sich Defekte im genetischen Code reparieren oder Eigenschaften einbauen. All das geht jetzt ganz einfach, egal ob in Pflanzen, Tieren oder Menschen.

ZEIT ONLINE: Und Forscherinnen und Forscher tun das längst. Hunderte Labors weltweit arbeiten mit Crispr/Cas9, seitdem in Zusammenarbeit mit Jennifer Doudna von der Uni Berkeley 2012 die nächste entscheidende Forschungsarbeit im Magazin Science erschien. Eine echte Revolution in der Biotechnologie. Seitdem sind Sie und ihre Mitstreiterin Stars, nicht nur in der Gentechnik-Szene. 

Charpentier: Ja, dass ich einmal so im Rampenlicht stehen würde, hätte ich nicht gedacht. Und das ist auch nichts, wofür man als Wissenschaftlerin unbedingt geschaffen ist. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Neben all den fantastischen Chancen und der großen Anerkennung, die ich bekomme, habe ich aber auch die Schattenseiten eines solchen Erfolgs schon kennengelernt.

ZEIT ONLINE: Sie meinen den Patentstreit, den Sie und Jennifer Doudna derzeit vor US-Gerichten gegen eine andere Arbeitsgruppe ausfechten. Feng Zhang vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) hatte – nachdem Ihr Artikel erschienen war – mit dem Genetiker George Church aus Harvard erstmals Crispr/Cas9 an Zellen von Mäusen und Menschen angewandt. Darauf hat er jetzt Patentrechte bekommen. Doudna und Sie gehen bisher leer aus, obwohl Sie so wichtige Grundlagenforschung beschrieben haben.

Charpentier: In der Wissenschaft sind Patentstreitigkeiten bei bahnbrechenden Entdeckungen gar nicht so ungewöhnlich. Wir werden sehen, wie es am Ende ausgeht. Juristisch gesehen ist das ein sehr komplexes Thema.

ZEIT ONLINE: … und es geht um extrem viel Geld. Noch wichtiger als das ist aber eigentlich, dass sich mit Crispr/Cas9 vielleicht Erbkrankheiten heilen lassen. Jedenfalls solche, die auf nur einem einzigen mutieren, also einem "kaputten" Gen beruhen. Sie haben mal erzählt, wie viele Zuschriften von unheilbar kranken Menschen oder deren Angehörigen Sie bekommen. Sie alle hoffen, dass Sie für sie noch rechtzeitig die rettende Gentherapie finden. Was entgegnen Sie ihnen?

Manche Leute wären bereit, an jeder noch so riskanten Studie teilzunehmen, wenn es nur einen Schimmer Hoffnung für sie gäbe.
Emmanuelle Charpentier, Erfinderin der Crispr-Genschere

Charpentier: Es ist sehr schwer, diese oft sehr verzweifelten Mails und Briefe zu lesen. Dabei wird dir klar: Manche Leute wären bereit, an jeder noch so riskanten Studie teilzunehmen, wenn es nur einen Schimmer Hoffnung für sie gäbe. In der Regel erkläre ich den Menschen, dass ich eine Wissenschaftlerin bin, die nur die Grundlagen erforscht, in der Hoffnung, dass meine Ergebnisse eines Tages zu Therapien führen könnten. Mit diesem Ansatz sind wir in meinem Labor dann auch auf die Crispr/Cas9-Technologie gekommen. Es gibt nur wenige Einzelfälle, in denen Mediziner schon erwägen, Gentherapien auf Basis von Crispr auszuprobieren. Für die allermeisten ist das noch keine Option.

ZEIT ONLINE: Und es wäre noch zu gefährlich. Einige Kritikerinnen und Kritiker lehnen die Methode vollständig ab. Sie fürchten, eine solche Genschere, mit der sich das Erbgut – auch von Menschen – beliebig verändern lässt, könnte zu einer Welt aus Designerbabys führen, in der wir unwiderruflich in unsere Evolution eingreifen. Was entgegnen Sie ihnen?

Charpentier: Würde jemand tatsächlich menschliche Embryonen mit Crispr/Cas9 modifizieren, sie Frauen einpflanzen und diese Babys austragen lassen – dann wäre das in der Tat ein gefährlicher Eingriff in die Keimbahn des Menschen. Bei der Veränderung des menschlichen Erbguts in embryonalen Zellen dient die Technologie zu Forschungszwecken. Es geht darum, die frühesten Mechanismen des Lebens zu verstehen. Ich habe die Reaktionen auf unsere Forschung und die Berichte darüber bisher als überwiegend positiv wahrgenommen, mit dem Fokus auf die Chancen.

"Ich konzentriere mich auf die Grundlagenforschung"

ZEIT ONLINE: Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat jetzt ein Urteil gefällt, das in eine andere Richtung geht – und relativ überraschend kam. Die Richterinnen und Richter entschieden: Mit Crispr/Cas9 erzeugte Tiere und Pflanzen gelten genauso als "genetisch verändert" wie mit bisheriger Gentechnik erzeugte. Die so veränderten Organismen fallen damit unter die  GVO-Richtlinie 2001/18/EG, auch wenn das Ergebnis naturidentisch ist. Was bedeutet das Urteil für die Forschung mit diesem Universalwerkzeug der Gentechnik?

Charpentier: Seit wir die Crispr/Cas9-Technologie erfunden haben, wünsche ich mir, dass sie eines Tages als Werkzeug eingesetzt werden kann, um Menschen zu helfen. Sei es bei der Entwicklung von Therapien gegen schwerwiegende genetische Krankheiten oder aber in der Landwirtschaft, wo wir vor vielen Herausforderungen stehen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Klimawandel und der rasant wachsenden Bevölkerung.

Ich kann mir vorstellen, dass die Entscheidung des EuGH unter Wissenschaftlern und in der Biotechbranche mit einer gewissen Enttäuschung aufgenommen wurde. Ich glaube aber nicht, dass das Urteil auf die Forschung mit Crispr im Allgemeinen eine bedeutende Auswirkung haben wird. Der EuGH mag entschieden haben, dass alles, was gentechnisch verändert wird, unter die Richtlinie fällt. In anderen Regionen, in denen die Regularien weniger streng sind – etwa in den USA oder in Asien – werden die Anwendungen aber trotzdem weiterentwickelt.  

ZEIT ONLINE: Welche Folgen hat das Urteil für die Regulierung, die Kontrolle und die Nutzung von mit Crispr/Cas9 erzeugten Organismen? Könnten Sie das an einem Beispiel erläutern?

Charpentier: Prinzipiell fallen nun alle Organismen, die gentechnisch verändert wurden, unter die GVO-Richtlinie – die Methode ist dabei irrelevant. Das heißt, sie alle unterliegen derselben strengen Risikobewertung im Hinblick auf die Umwelt, bevor die Organismen für die Landwirtschaft zugelassen werden. Selbst dann, wenn – wie es im Fall von Crispr möglich ist – gar kein fremdes Erbgut in sie eingeschleust wurde. Damit wird es für die Agrarindustrie natürlich schwieriger und teurer, Crispr etwa für die Pflanzenzüchtung zu nutzen.

ZEIT ONLINE: Ist das Urteil Ihrer Ansicht nach richtig?

Charpentier: Ich glaube, es ist eine verpasste Gelegenheit. Vor einigen Wochen haben sich selbst führende Köpfe der Grünen für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Gentechnik ausgesprochen – insbesondere im Hinblick auf Crispr. Die Technologie ist viel genauer als bisherige Verfahren und sehr sicher. Und sie könnte eines Tages dazu beitragen, dass Pflanzenarten entstehen, die resistenter gegen bestimmte Krankheiten sind oder in Regionen angebaut werden können, die sonst zu trocken oder zu feucht sind. Denkt man an den Klimawandel und die rasant wachsende Weltbevölkerung, stecken in der Technologie viele Chancen.

ZEIT ONLINE: Ändert sich durch dieses Urteil auch etwas an der Forschung hier in Berlin, wo Sie für die Max-Planck-Gesellschaft ein neues Institut aufbauen?

Charpentier:  Nicht wirklich. Ich konzentriere mich ja sowieso auf die Grundlagenforschung. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Das neue Institut, das ich gerade aufbaue, wird weiterhin grundlegende Prozesse von Infektion und Immunität untersuchen, in Bakterien, aber auch in Viren. Ich freue mich sehr auf ein belebtes Forschungsumfeld mit jungen motivierten Wissenschaftlern.  

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