Robert Ranisch ist Leiter der Forschungsstelle "Ethik der Genom-Editierung" am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Tübingen. Als Wissenschaftler untersucht er normative Fragen an den Schnittstellen von Technologie, Gesellschaft und Politik.

Die Geburt von Louise Joy Brown war eine mediale Sensation. Über Wochen drängten sich Journalisten vor dem Hospital im britischen Oldham und belagerten das Mädchen und ihre Eltern. Monatelang versuchten die Browns die Welt davon zu überzeugen, dass ihre lebhafte Tochter ein ganz normales Kind sei. Nur dass Louise bereits als Baby einen Heiratsantrag erhielt sowie unzählige Hassbotschaften. Denn sie war das erste Kind weltweit, das nach einer In-vitro-Fertilisation (IVF) geboren wurde. 40 Jahre ist das her.

Der Gynäkologe Patrick Steptoe und der Physiologe Robert Edwards sind ihre medizinischen Väter. Mit dem von ihnen entwickelten Verfahren zur Zeugung außerhalb des Mutterleibs verhalfen sie den Browns nach einem Jahrzehnt des unerfüllten Kinderwunsches zu einer Familie. Für Steptoe und Edwards war Louise damit ein Zeichen der Hoffnung. Die Titelseiten über das "Baby des Jahrhunderts" gaben Millionen unfruchtbaren Paaren schließlich den handfesten Beleg, dass auch ihr Kinderwunsch einmal in Erfüllung gehen könnte. Wohl aus diesem Grund schlug Steptoe als Mittelname Joy vor.

Doch wie kein Mensch zuvor war Louise zugleich Projektionsfläche für Ängste. Für viele war sie Zeugnis der medizinischen Grenzüberschreitung – der Mensch hatte sich zum Schöpfer erhoben. Bis heute gilt die IVF für die katholische Kirche schlichtweg als unsittlich. Sie würde der Fortpflanzung ihrer Würde berauben, lautet die Begründung.

Die Hoffnung auf gesunde Kinder treibt die Forschung voran

Gleichzeitig ist die IVF weltweit Routine. 2010 erhielt Edwards für seine Arbeit den Nobelpreis für Medizin. Steptoe verstarb bereits 1988. Ihrem Schaffen verdanken nicht nur schätzungsweise acht Millionen Kinder ihre Leben, die auf Louise folgten. Edwards und Steptoe haben auch die Grundlage für laufende Entwicklungen in der Fortpflanzungsmedizin gelegt.

War es damals noch das Versprechen, den Kinderwunsch zu erfüllen, ist es heute die Hoffnung auf ein gesundes Kind, welche die Forschung vorantreibt. Um die Weitergabe von schweren Krankheiten zu vermeiden, wurde mittlerweile das Erbgut von drei Personen für die Zeugung im Labor genutzt (Reproductive BioMedicine Online: Zhang et al., 2017). Die Genom-Editierung durch Crispr hat noch umfassenderes Potenzial: Zumindest theoretisch kann damit jeder Gendefekt korrigiert werden, den Eltern an ihre Nachkommen vererben. Eine solche Keimbahntherapie hätte nach Ansicht mancher einen Vorzug gegenüber der nunmehr auch in Deutschland erlaubten Präimplantationsdiagnostik, weil Embryonen nicht verworfen werden müssten. Womöglich ließen sich dank der Genscheren Mutationen im Genom bereits im frühesten Stadium des menschlichen Lebens korrigieren.

Gerade einmal drei Jahre sind seit dem ersten Keimbahnexperiment in chinesischen Laboren vergangen (Protein & Cell: Liang et al., 2015). Noch besteht Einigkeit unter Experten, dass die Crispr-Genscheren nicht präzise genug arbeiten, um die veränderten Embryonen in den Mutterleib zu übertragen. Die jüngeren Experimente – mittlerweile auch in den USA und Europa – deuten allerdings an: In wenigen Jahren könnte das Crispr-Verfahren präzisiert werden, sodass Forscherteams es in die Anwendung bringen wollen (The New England Journal of Medicine: Church, 2017).

Hierfür spricht auch ein schneller Stimmungswandel in Teilen der Forschungsgemeinschaft. Während im Ausgang der kontroversen chinesischen Experimente noch ein internationales Moratorium erwogen wurde, sprachen sich die US-amerikanischen Wissenschaftsakademien letztes Jahr für die bedingte Zulässigkeit der Keimbahntherapie aus. Der britische Ethikrat veröffentlichte jüngst einen umfassenden Report, der sich dieser Meinung anschloss. Noch dieses Jahr wird vom Deutschen Ethikrat eine Stellungnahme erwartet. Folgt er der bisherigen Empfehlung wird er sich nicht für eine Lockerung des Verbots von Keimbahnveränderungen aussprechen und für eine internationale Regulierung werben. Aufgrund starker Unterschiede in den nationalen Gesetzgebungen würde dies allerdings kaum Aussichten auf Erfolg haben. Für viele Experten scheint es keine Frage mehr, ob die Keimbahntherapie eingesetzt wird, sondern vielmehr wann (Nature Biotechnology: Bosley et al., 2015).

Angesichts der möglichen Revolution in der Fortpflanzungsmedizin lohnt der Blick auf den Fall Louise Brown. Augenfällig ist zunächst, dass die neuen Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin damals wie heute Tendenzen einer Skandalisierung aufweisen. Die düsteren Szenarien, die sich mit dem ersten Retortenbaby verbanden, liegen nicht weit entfernt von gegenwärtigen Ängsten vor einem Designerbaby. Dabei ist die Geschichte der IVF ein lehrreiches Beispiel für Technikgewöhnung: Mit Louise als lebendigem Beweis erfolgreicher Forschung änderte sich binnen weniger Jahre die öffentliche Meinung. Glaubt man dem deutschen IVF-Register, sitzt durchschnittlich in jeder größeren Schulklasse ein Kind, welches nicht im Mutterleib gezeugt wurde. Niemand nimmt daran Anstoß.