Alles beginnt mit einem unscheinbaren Kribbeln in Dirk Spechts Schulter, mit Schmerzen, die im Liegen kommen, anschwellen, und irgendwann auch im Stehen, im Sitzen, beim Gehen, beim Laufen und Arbeiten nicht mehr verschwinden.

Der Daumen wird taub, der Oberarm schwächelt. Schon ein halbes Jahr später kommt auch der Physiotherapeut nicht mehr gegen den Schmerz an. Die Spritzen, die die Nervenwurzel in der Halswirbelsäule beruhigen sollen, versagen. Jetzt ist Specht sich sicher: "Ohne eine Operation an der Wirbelsäule halte ich das nicht mehr aus!" Eine künstliche Bandscheibe, die die alte ersetzt, soll den Schmerz ein für alle Mal vertreiben.

Genau das aber tut sie nicht. Drei Monate nach der Operation ist der Daumen wieder taub, nur ein halbes Jahr später kommt der Schmerz wieder. Und nur eineinhalb Jahre nach dem Eingriff ist sein Zustand schlimmer denn je. Spechts eigentlicher Leidensweg beginnt. Er irrt von Chirurg zu Chirurg und fragt die immer gleichen Fragen: "Warum hat die Operation nicht geholfen?", "Ist etwas schiefgegangen?" – Und vor allem: "Was soll ich jetzt tun?" Die Antworten verwirren ihn.

Die Medizin ist eine unscharfe Wissenschaft

Einige Mediziner befürchten, dass er mit den Schmerzen wird leben müssen, andere sind für eine zweite Operation. Wie genau die aber ablaufen soll, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Die Ärzte können sich nicht einigen, ob der Operateur von vorne, hinten oder der Seite an den Nervenkanal gelangen soll, in dem die Nervenwurzel klemmt. Wie gefährlich es ist, mit der Knochenfräse so nah am Rückenmark zu arbeiten. Und ob die erst vor Kurzem eingesetzte künstliche Bandscheibe wieder herausgeholt werden kann.

"Ich dachte, chirurgische Methoden sind besser kontrolliert als Medikamente. Immerhin handelt es sich oftmals um gefährliche Eingriffe. Ich dachte, Chirurgen wissen, was sie tun." Der Wirtschaftsjournalist und Medienmanager Specht, der am Tegernsee lebt, ist geschockt. Zwar ist die Medizin noch immer eine unscharfe Wissenschaft, nicht für jeden Patienten wird man eine individuelle Therapie finden, die auch noch wissenschaftlich fundiert ist.

Spechts Erfahrung zeigt aber trotzdem ein grundlegendes Problem: Über viele Eingriffe, Werkzeuge und OP-Implantate gibt es bis heute zu wenige wissenschaftliche Daten. Während weltweit jährlich mehr als 230 Millionen Operationen durchgeführt werden und eine Million Menschen an einem Eingriff stirbt (The Lancet: Weiser et al., 2008), basiert nur ein Viertel aller chirurgischen Maßnahmen auf den Erfahrungen aus randomisiert-kontrollierten Studien (British Journal of Surgery: Howes et al., 1997), also Studien der höchsten wissenschaftlichen Güte. Und nur ein sehr geringer Anteil aller medizinischen Studien kommt aus der Chirurgie (American Journal of Epidemiology: Hasbrouck et al., 2003). In Zeiten, in denen sich die Medizin als Wissenschaft versteht und nach immer mehr Evidenz strebt, ist das zu wenig.  

Machen Chirurgen also schlechte Arbeit? Nein, gerade Deutschland ist international für die Kunstfertigkeit seiner Chirurginnen und Chirurgen bekannt. Von der minimalinvasiven Blinddarm-OP bis zur mitwachsenden Herzklappe gingen viele bahnbrechende Neuerungen von deutschen Ärzten aus. Was der Mangel an wissenschaftlichen Daten stattdessen bedeutet: Chirurgen wissen oftmals nicht mit Sicherheit, welcher Eingriff der Beste ist. Und das, obwohl die Zahl vieler Eingriffe seit Jahren steigt (Ärzteblatt: Niethart et al., 2013). Sie müssen sich auf ihre Erfahrung verlassen, auch wenn sie das gar nicht wollen. Und es wirft eine wichtige Frage auf: Was muss sich ändern?

Der Grund für Dirk Spechts Probleme: Seine Halswirbelsäule ist abgenutzt, die Wirbelkörper haben knöcherne Äste gebildet, die Bandscheiben sind porös und flach. Wahrscheinlich sind die vielen Stunden schuld, die er mit gebeugtem Nacken auf dem Sattel seines Rennrads saß. Die Folge: Die seitlich aus dem Rückenmark austretende Nervenwurzel wird von den Verknöcherungen zusammengedrückt. Sie entzündet sich, schwillt an und wird deswegen weiter gequetscht. Dieser Teufelskreis verursacht Schmerzen, Gefühlsstörungen und Lähmungen. Jedes Jahr erkranken mehr als 65.000 Deutsche neu an der Erkrankung, die auch Specht hat (Deutsche Gesellschaft für Neurologie, 2017).

Wann soll man operieren? Und wann besser nicht?

Die meisten benötigen keine Operation. Es reicht aus, wenn sie regelmäßig Krankengymnastik machen oder Schmerzmittel und Spritzen bekommen, die betäuben und antientzündlich wirken, sodass sich die Nervenwurzeln beruhigen. Erst wenn der Nerv ernsthaften Schaden zu nehmen droht, kommt die Neurochirurgin oder der Neurochirurg ins Spiel. Doch bis heute weiß man nicht genau, wem es besser hilft, wenn sie oder er früh operiert wird, und bei wem man lieber so lange wie möglich warten sollte (Current reviews in Musculosceletal Pain: Iyer & Kim, 2016).

Das kommt in der Chirurgie immer häufiger vor. Ob und wann welcher Eingriff – ob Schilddrüsen-Operation oder Bandscheibenersatz – medizinisch angezeigt ist, ist oft unklar, weil es nicht genügend kontrollierte klinische Studien gibt, in denen Patientinnen und Patienten ohne und mit OP verglichen wurden. Die Qualität der Indikationsstellung, sagt Edmund Neugebauer, "ist in der Chirurgie bei vielen Eingriffen noch immer stark optimierbar". Neugebauer ist Dekan der Medizinischen Hochschule Brandenburg und Leiter des Instituts für Forschung in der Operativen Medizin in Witten/Herdecke. Er versucht der Chirurgie seit Jahren wissenschaftliche Standards einzuhauchen. "Die Zeiten haben sich verändert", sagt er. "Heute wollen wir Evidenz sehen, goldene Hände allein reichen nicht." Lange Zeit sei die Chirurgie eine reine Erfahrungswissenschaft gewesen, erzählt er. Von klinischen Studien hätten viele Chirurgen lange nichts wissen wollen.