Unser Erbgut hat erheblichen Einfluss darauf, wie intelligent wir sind.  Unterschiede in der Intelligenz sind zu mindestens 50 Prozent, vermutlich sogar zu 80 oder 90 Prozent, auf Gene zurückzuführen – darüber ist sich die Wissenschaft heute weitgehend einig. Trotzdem ist das, was wir von Geburt an mitbekommen, nicht allein bestimmend. Vieles im späteren Leben beeinflusst, wie sich unser Gehirn entwickelt, was wir dazulernen und wie gut sich die angeborene Intelligenz entfalten kann.

Bei der Frage, wo im Genom die Intelligenz sitzt, tappen Forscher dagegen noch im Dunkeln. Eine neue Studie identifizierte nun so viele genetische Variationen wie nie zuvor, die mit Bildungserrungenschaften in Zusammenhang zu stehen scheinen.

Die Studie, die im Magazin Nature Genetics erschienen ist (Lee et al., 2018), bestätigt den Einfluss des Erbguts auf die Intelligenz und den Bildungserfolg. Anhand von mehr als einer Million Menschen betrachteten die Forscherinnen und Forscher die Zusammenhänge zwischen der schulischen Laufbahn und der genetischen Variation. Das Ergebnis: Es sind 1.271 genetische Variationen, sogenannte SNP, die etwas damit zu tun haben, wie lange wir die Schulbank drücken und damit auch, welchen Bildungsabschluss wir mit größerer Wahrscheinlichkeit erreichen.

SNP, gesprochen Snips (Single Nucleotide Polymorphisms) sind Positionen im Genom, an denen alternativ zwei verschiedene Basen auftauchen können. Sie legen unsere genetische Individualität fest. Häufig sind die Veränderungen bedeutungslos, wenn sie in nichtkodierenden Genabschnitten liegen. Manchmal können Varianten in bestimmten Genen jedoch auch das Risiko für Erkrankungen erhöhen. In der aktuellen Studie wurden mehr als 1.200 solcher Snips identifiziert, die unter anderem die Entwicklung des Gehirns und die Signalübertragung zwischen Nervenzellen steuern. Wie genau die Gene und schließlich auch deren Variationen die Entwicklung des Gehirns und der Nervenverbindungen beeinflussen, ist hingegen nicht geklärt.

Dass es einen Zusammenhang zwischen genetischen Variationen und schulischen Errungenschaften gibt, war bereits in früheren Studien (Social Forces: Branigan et al., 2013; Nature: Okbay et al., 2016) gezeigt worden. Neu ist nun, dass er anhand einer extrem großen Probandengruppe noch genauer belegt werden konnte. In einem weiteren Schritt ermittelten die Forscherinnen und Forscher anschließend einen Wert, den polygenic score, der aussagen soll, wie viel Einfluss genau besteht. Auf dessen Grundlage berechnete das Team, dass es in etwa elf bis 13 Prozent genetische Varianten sind, die beeinflussen, welchen schulischen Abschluss ein Mensch schafft. Welche kognitiven Leistungen jemand erbringen könne, hänge zu sieben bis zehn Prozent mit den Genvarianten zusammen.

Genomweite Assoziationsstudien (GWAS) wie die vorliegende Studie durchsuchen das Erbgut systematisch nach Einflussfaktoren und prüfen, ob diese in Zusammenhang mit einem bestimmten Merkmal stehen. Besonders häufig wird das Analyseverfahren verwendet, um genetische Faktoren zu identifizieren, die das Risiko für eine Krankheit erhöhen. Aber auch andere Merkmale, wie Intelligenz oder schulische Errungenschaften, können untersucht werden. Das Ziel der GWAS ist es, eine bestimmte Ausprägung eines Gens zu identifizieren, die gleichzeitig mit einem Merkmal auftritt.

"Man vergleicht Übereinstimmungen zwischen Menschen im Phänotyp, also in beobachtbaren Merkmalen, mit Übereinstimmungen in den Genvariationen", sagte Elsbeth Stern, Professorin für empirische Lehr- und Lernforschung und Leiterin des Instituts für Verhaltensforschung der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich in einem Interview mit Wissenschaftsjournalisten vom deutschen Science Media Center (SMC). "Bezogen auf die Intelligenz heißt das: In welchen Teilen des Genoms zeigen sich Übereinstimmungen zwischen Menschen mit einem hohen IQ, aber Abweichungen bei Menschen mit einem niedrigeren IQ?"

Die aktuellen Untersuchungen können laut den Autorinnen und Autoren genauer als zuvor vorhersagen, welchen Bildungserfolg Kinder haben werden. Aber es gilt dennoch: "Natürlich ist die Genetik nicht alleine für den erreichten Bildungsstand verantwortlich." Das sagt Markus Nöthen, Direktor des Instituts für Humangenetik und Professor für Genetische Medizin in Bonn dem SMC. "Die Umgebung spielt eine große Rolle. Wahrscheinlich sind genetische und Umgebungseinflüsse aber eng verwoben."