Klaffende Zahnlücken, schiefe Schneidezähne oder ein Überbiss: Wer als Kind ein verformtes Gebiss hat, bekommt meist eine Zahnspange. Mehr als eine Milliarde Euro kosten diese kieferorthopädischen Behandlungen die deutschen Krankenkassen jedes Jahr zusammen. Und das, obwohl nicht einmal ganz klar ist, wie erfolgreich so eine Behandlung ist, bemängelte kürzlich der Bundesrechnungshof (BRH).  Natürlich fragen sich, angesichts so einer Nachricht, viele Eltern: Bekommt mein Kind eine Klammer verpasst, die gar nichts bringt?

Zumindest gebe es zu wenige Studien, die den Erfolg von Zahnspangen und anderen kieferorthopädischen Maßnahmen bestätigen, heißt es in dem Bericht des BRH. Der stellt damit also nicht weniger als die Systemfrage: Sind Zahnspangen generell nötig? Warum und in welchen Fällen behandeln Kieferorthopäden junge Menschen? Und geht es dabei immer primär darum, das Gebiss vor Krankheiten wie Karies zu schützen oder doch meist nur um ein schöneres Lächeln?

Es gibt Studien, doch die sind widersprüchlich

Das erste Mal müssen sich Eltern oft schon in der Grundschule damit auseinandersetzen, ob ihr Kind eine Zahnspange bekommen soll. Schon im Alter ab sechs oder sieben Jahren wird vielen Kindern die erste lose Klammer verordnet. Sie soll Zahnlücken schließen oder den Kiefer für die bleibenden Zähne weiten. Die vermeintlich kinderfreundlichen Spangen lassen sich einfach rein- und rausnehmen, sie glitzern, sind knallbunt oder mit Motiven bedruckt. Das gefällt vielen Kindern. Aber nur so lange, bis sie die Spange regelmäßig tragen sollen. Der Grund: Die losen Spangen haben einen Körper aus Plastik, der oft große Teile des Gaumens oder Unterkiefers bedeckt. Deshalb stören sie beim Essen, beim Spielen und vor allem beim Sprechen. Statt der empfohlenen 16 Stunden tragen die Patientinnen und Patienten ihre Spangen daher oft nur, während sie schlafen. Der Effekt der Behandlung ist dann überschaubar.

Je früher, desto besser? Nicht wirklich

Auf eine lose Klammer folgt deshalb oft noch eine feste. Mit ihr kann sich die Behandlung über mehrere Jahre ziehen. Das Überraschende: Nicht immer hat diese Kombination aus einer Kinderklammer vor der teils quälenden Zeit als Schüler mit fester Spange wirklich einen medizinischen Mehrwert. Britische Forscher analysierten beispielsweise mehr als 100 Studien, die sich damit beschäftigen, ob hervorstehende Schneidezähne besser gerichtet werden, wenn die Behandlung schon im Alter von sieben bis neun Jahren beginnt. Das Ergebnis: Eine frühe Behandlung, auf die eine erneute Behandlung im jungen Erwachsenenalter folgt, ist nicht effektiver als eine Behandlung, die erst im jungen Erwachsenenalter beginnt, also wenn die bleibenden Zähne die Milchzähne bereits abgelöst haben (The Cochrane Library: Harrison et al., 2007). Auch die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung empfiehlt eine Zahnspangenbehandlung in der Regel erst zwischen dem 10. und 13. Lebensjahr. Denn bis dahin wachsen die bleibenden Zähne, die sich im Gegensatz zu Milchzähnen dauerhaft umformen lassen.

Der Berufsverband der Deutschen Kieferorthopäden hingegen empfiehlt Kinderärzten, bereits drei, fünf und sieben Jahre alte Kinder auf mögliche Zahnfehlstellungen zu untersuchen und gegebenenfalls zum Facharzt zu überweisen. Henning Madsen, selbst Kieferorthopäde, sieht das kritisch. In einem offenen Brief an den Berufsverband kritisiert er, dass diese frühen Screening-Untersuchungen keinen wissenschaftlich nachgewiesenen Nutzen hätten. Es sei nicht belegt, dass sie wirklich Krankheiten vorbeugen könnten. 

Je stärker die Fehlstellung, desto eher wird behandelt

Ob die Krankenkasse eine Behandlung bezahlt, regeln die Kieferorthopädischen Indikationsgruppen (KIG). Diese legen fest, wie schwer eine Fehlstellung ist. Kategorie eins ist eine leichte Ausprägung einer Fehlstellung und Kategorie fünf die stärkstmögliche. Ein Beispiel: Ragen die oberen Schneidezähne mehr als sechs Millimeter vor die unteren, liegt die Fehlstellung in Kategorie vier. Ist das Kind nicht älter als 18 Jahre, übernimmt die Gesetzliche Krankenkasse die Kosten für die Behandlung von Fehlstellungen der Kategorien drei bis fünf (siehe Kasten). 

Starke Fehlstellungen sollen deshalb korrigiert werden, weil sie später zu zahnmedizinischen Problemen führen können: Ragen die Zähne zum Beispiel schief übereinander, kann das Karies begünstigen, weil manche Stellen mit der Zahnbürste unerreichbar sind (Journal of International Oral Health: Gaikwad et al., 2014). Und bei einem starken Überbiss schlagen sich Kinder oder Erwachsene schneller die Zähne aus, wenn sie hinfallen (Dental Traumatology: Shulman & Peterson, 2004). Auch Schmerzen beim Kauen oder Beißen sowie Schwierigkeiten beim Sprechen oder Atmen können gute Gründe für eine Behandlung sein.