Impfungen retten Leben. Sie sind sicher und wirksam. Doch es kursieren Lügen und Halbwahrheiten, die Eltern verunsichern. Es wird etwa behauptet: Die Wirksamkeit von Impfungen wäre nie belegt worden. Es lebe gesünder, wer ungeimpft sei. Auch heißt es, bestimmte Impfstoffe würden Allergien fördern oder gar Autismus auslösen. All das stimmt nicht und ist längst widerlegt.

Es sind wenige, die den Schutz vor gefährlichen Infektionskrankheiten wie Masern, Diphtherie oder Rotaviren in Frage stellen. Doch Bücher und Filme geben ihnen immer wieder aufs Neue eine Plattform, um Falschinformationen zu wiederholen. Ein aktuelles Buch, das zu Diskussionen führt, ist: "Eingeimpft – Familie mit Nebenwirkungen" von Autor und Filmemacher David Sieveking, das am 20. August erscheint. Der dazugehörige Dokumentarfilm läuft ab dem 13. September in Deutschlands Kinos.

Welche Schwächen der Film hat, welche Auswirkungen er haben und welche Maßnahmen zur Maserneliminierung beitragen könnten, erklärt Cornelia Betsch, die an der Universität Erfurt zu Gesundheitskommunikation mit Schwerpunkt Impfentscheidung forscht.

Cornelia Betsch ist studierte Psychologin, die unter anderem zu Risikowahrnehmung und -kommunikation am Beispiel der Impfentscheidung forscht. Seit 2017 hat sie die Heisenberg-Professur für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt inne. © Marco Borggreve

ZEIT ONLINE: Als David Sievekings Freundin schwanger wurde, stellte sich heraus: Er ist für Impfungen, sie dagegen. Daraufhin begann er, zu recherchieren – und hat nicht nur ein Buch über seine Suche nach Sinn und Risiko von Impfungen geschrieben. Einen Dokumentarfilm gibt es gleich dazu. Was halten Sie von dem Werk?

Cornelia Betsch: Die dargestellte Situation kommt zumindest häufig vor: Der eine Partner will impfen, der andere nicht. Damit wirbt der Film. Schade ist, dass er Paaren auf der Suche nach Antworten nicht helfen wird. Denn er wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet.

Verstehen Sie mich nicht falsch, Skeptizismus ist wichtig. So funktioniert Wissenschaft: Einer behauptet mal was anderes, bringt vielleicht Evidenz dafür, mehr Menschen machen mit und prüfen, was an der These dran ist.

Doch das Prinzip des Films ist ein anderes, er ist geleitet von impfskeptischen Büchern: Rausgepickt sind einzelne Wissenschaftler, die mit ihrer Meinung gegen den Konsens gehen, die gesamte Beweislage wird dann aber nicht angeschaut. So beantworte ich keine Fragen, so arbeiten Verschwörungstheoretiker.

ZEIT ONLINE: Verstärkt der Film damit Ängste vor Impfungen?

Betsch: Nicht zwingend, aber er könnte Zweifel säen. Und die sind der beste Nährboden für Verschwörungstheorien (Vaccine: Kata, 2012 & Nature: Oreskes & Conway, 2010). Wenn ich zweifle, treffe ich zudem keine Entscheidung, impfe also auch nicht. Indirekt kann der Film damit einen negativen Effekt haben.

"Was die Medien immer hören wollen, ist: 'Das sind die Akademikereltern'"

ZEIT ONLINE: Gibt es überhaupt den typischen Impfgegner in Deutschland? Oder anders gefragt: Was sind das für Eltern, die sich darüber Gedanken machen, ob Impfungen überhaupt sinnvoll sind und meinen, selbst am besten eine Auswahl treffen zu können?

Betsch: Die Frage ist problematisch. Was die Medien immer hören wollen, ist: "Das sind die Akademikereltern". Das ärgert mich. Letztlich ist es doch so, dass alle Eltern in der Regel das Beste für ihr Kind wollen. Es wird aus vielen Gründen nicht geimpft. Der Fokus liegt dabei zumeist auf fehlendem Vertrauen – aber da steckt noch viel mehr dahinter.

ZEIT ONLINE: Was sind die anderen Gründe?

Betsch: Insgesamt sind es fünf typische Gründe, die wir in der Forschung die 5C nennen: confidence, complacency, constraints, calculation sowie collective responsibility. Also zunächst fehlendes Vertrauen in die Sicherheit von Impfungen. Dann das nicht wahrgenommene Krankheitsrisiko: Weil wir viele Krankheiten dank Impfungen nicht mehr kennen, empfinden wir sie nicht als Bedrohung. Außerdem ist es mitunter recht aufwendig, sich in einem vollen Alltag impfen zu lassen. Ein weiterer Grund ist das Bedürfnis, aktiv selbst Informationen zu suchen, was oft zu mehr Falschwissen führt. Und zu guter Letzt ist da noch die Motivation, auszunutzen, dass ich geschützt bin, wenn genügend andere geimpft sind.

"Impfungen sind immer eine Risikoabwägung"

ZEIT ONLINE: Die Impfquoten in Deutschland sind im Durchschnitt gar nicht mal schlecht – nicht ausreichend, aber eben auch nicht katastrophal. Reden wir hier also nicht eigentlich von einer sehr kleinen Gruppe, die sich mit Impfungen schwer tut?

Betsch: Das ist auch so ein Phänomen: Es werden anlässlich des Films wieder Debatten stattfinden, in denen ein Impfzweifler einem Befürworter gegenübersitzt, was suggeriert, das Verhältnis wäre 50:50. Das verunsichert den Zuschauer (Science Communication: Dixon & Clarke, 2013). In der echten Welt beträgt es nämlich 5:95. Es gibt zwei bis fünf Prozent Impfgegner in der Bevölkerung, der Rest hat besagte andere Gründe (BZgA: Infektionsschutz, 2016). Über ihre Zweifel sollte man sich dennoch Gedanken machen.

ZEIT ONLINE: Wiegen wir es doch gegeneinander auf: Welche Risiken bergen die Krankheiten, welche die Impfung?

Betsch: Impfungen sind immer eine Risikoabwägung. Es ist die Aufgabe der Ständigen Impfkommission (Stiko), eine Nutzen-Risiko-Bewertung für jede Impfung vorzunehmen. Bei dem, was empfohlen ist – das lässt sich pauschal sagen –, sind die Risiken des Wirkstoffs immer geringer als die Risiken der Krankheit. Wer beispielsweise die Grippe hat, liegt ja nicht nur schlapp im Bett. Betroffene können eine Sepsis bekommen oder ab einem bestimmten Alter ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko haben (New England Journal of Medicine: Kwong et al., 2018 & Heart: MacIntyre et al., 2016). Im Fall der Masern wiederum hat man nach einer Erkrankung für zwei Jahre ein geschwächtes Immunsystem (Science: Mina et al., 2015). Diese positiven Effekte, die Impfungen für das Individuum und die Gesellschaft haben, und mögliche negative Effekte bezieht die Stiko mit ein, wenn sie abwägt, ob eine Impfung empfehlenswert ist.

ZEIT ONLINE: Mancher vertritt allerdings die Auffassung, die genannten Institutionen könnten nicht im Interesse der Gesundheitsvorsorge handeln. Ein besonders schlimmer Vorwurf: Sie arbeiten im Interesse von Pharmakonzernen. Woher kommt diese unbegründete Sorge?

Betsch: Wir sind gut darin, Betrug zu wittern – selbst wenn es dafür keinen Grund gibt (PloS one: Van Lier, Revlin & De Neys, 2013). Institutionen sind also in der Bringschuld. Die Stiko arbeitet sehr transparent, man kann alles auf der Webseite nachlesen, und folgt dabei internationalen Vorgaben. Ich lasse meine Kinder nach den Stiko-Empfehlungen impfen, weil ich die Kommission für ein sehr vertrauensvolles Gremium halte.

Das gezeigte Paar im Film aber will alles selbst erfahren. Am Anfang geht es um Tetanus. "Lassen wir lieber", heißt es. Dann hat das Kind jedoch eine Wunde und sie sagen: "Besser impfen wir doch." Die Impfung gegen Masern verweigern sie, bis es einen Ausbruch in Berlin gibt. So geht es weiter. Dass das Vertrauen in die Organisationen so gering ist und man meint, man müsse die Suche alleine machen, ist besonders traurig.

Die Stiko und andere Gremien haben sich ja schließlich schon mal um all ihre Fragen gekümmert; viel ausgewogener und besser, als die Protagonisten es können. Das ist Kunst, was Herr Sieveking gemacht hat, kein wissenschaftlicher Informationsfilm. Damit befriedigt er das Bedürfnis vieler Ratsuchenden nicht.

"Wir haben kein Gefühl mehr für die Risiken von Krankheiten"

ZEIT ONLINE: Zur Aufgabe der Stiko gehört auch, einige Impfungen nicht zu empfehlen…

Betsch: Genau. Die Zoster-Impfung wurde länger geprüft beispielsweise. Und im Fall von HPV war die Impfung erst für Mädchen empfohlen und ist es erst seit diesem Jahr aufgrund der aktuellen Datenlage auch für Jungen.

ZEIT ONLINE: Nun gibt es Einzelfälle, in denen eine Impfung zu einem äußerst seltenen Impfschaden geführt hat. Ist damit nicht alles hinfällig, was wir eben besprochen haben? Wie fängt man das Gefühl auf, dass dies auch die eigenen Kinder treffen könnte?

Betsch: Das ist eine schwierige Situation. Nochmal: Impfungen sind eine Abwägung von Risiken. Nun fällt es uns aber schwer, diese Risiken richtig einzuschätzen – erst recht, wenn man als verunsicherter Vater oder Mutter eine weitreichende Entscheidung für das Kind treffen muss. Dadurch, dass die Impfraten so hoch sind, haben wir in vielen Fällen kein Gefühl mehr für die Risiken von Krankheiten. Diphtherie hieß früher "Der Würgeengel der Kinder" – das wissen wir heute nicht mehr. Das ist gut, aber für die Impfquoten eher schlecht.

Hinzukommt, dass unser Gefühl unsere Handlungen bestimmt, und nicht das, was wir wissen. Wenn ich mich also nun hauptamtlich – wie im Film die Mutter – mit Schreckensgeschichten beschäftige, kann ich mich da sehr gut reinsteigern. Was mich letztlich nicht klüger macht, sondern nur noch unsicherer.

Wenn Gegner nur die Studien rauspicken, die zu ihrer These passen, dann verzerren sie bewusst das Bild.
Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation

ZEIT ONLINE: Wie hätte der Dokumentarfilm mit dem Thema umgehen sollen?

Betsch: Wovon Wissenschaftler so träumen: filmgewordene, systematische Reviews, die interessant aufbereitet sind. Nehmen wir mal Masern und Autismus. Hier ist mittlerweile weitgehend auch unter Laien bekannt, dass es keinen Zusammenhang gibt. Trotzdem gibt es Studien, die einen positiven Zusammenhang zeigen. Wie das sein kann, könnte so ein Film mal erklären. Aus statistischen Gründen wird es immer mal seltene Ausreißer-Studien mit einem positiven oder negativen Effekt geben. Die allermeisten Studien zeigen aber keinen Zusammenhang, und wenn man alles zusammennimmt, ist der Effekt gleich Null.

Wenn Gegner nur die Studien rauspicken, die zu ihrer These passen, dann verzerren sie bewusst das Bild. Darum müsste sich mal jemand kümmern: Wie entstehen die Mythen? Wie entsteht der wissenschaftliche Konsens? Und was sagen die Wissenschaftlerinnen und Forscher, die sich einig sind, eigentlich zu den abweichenden Meinungen?

ZEIT ONLINE: Das klingt kompliziert und so, als würde es viel abverlangen, statt einfach die gewünschte Antwort zu liefern.

Betsch: Die einfache Antwort gibt es ja schon: die Impfempfehlung. Dafür haben Expertinnen und Experten tage-, wochen-, monatelang über Daten gebrütet, zigtausend wissenschaftliche Studien ausgewertet, nach methodischer Güte bewertet, die Zahlen miteinander verglichen und und und… Aber manche wollen es trotzdem komplizierter.

"Menschen mit einem hohen Bedürfnis Informationen zu suchen, haben mehr Zweifel"

ZEIT ONLINE: Stimmt es, dass Eltern umso unsicherer sind, je mehr sie sich über Impfungen informieren?

Betsch:Das finden wir in Studien, ja. Die Menschen mit einem hohen Bedürfnis Informationen zu suchen, haben mehr Zweifel, mehr Falschwissen und sind seltener geimpft. Buchläden stehen da dem Internet mit schlechten Publikationen übrigens in nichts nach.

ZEIT ONLINE: Wo finden Eltern und solche, die es werden wollen, denn gut aufbereitete, verständliche Informationen?

Betsch: In Ruhe mit dem Arzt zu sprechen, ist ein guter Ansatz. Außerdem ist die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) eine gute Quelle. Auf der Seite impfen-info.de haben wir mit der BZgA beispielsweise eine Entscheidungshilfe für Impfungen erarbeitet. Damit lässt sich ein Arztbesuch gut vorbereiten. Es ist in Deutschland erlaubt, sich frei für eine Impfung zu entscheiden. Wir zeigen auf der Seite deshalb auch, was es bedeutet, wenn man sich dagegen entscheidet.

Impfpflicht? "Gesetzlich schwer möglich"

ZEIT ONLINE: Der Nationale Aktionsplan sieht vor, Masern und Röteln bis 2020 zu eliminieren. Was muss dafür geschehen?

Betsch: Um die Krankheiten zu verbannen ist es entscheidend, Hürden wie Stress, Zeitnot oder Aufwand abzubauen. Eine Studie hat zum Beispiel ergeben, dass Eltern sagten: "Alltagsstress hält mich davon ab, mich impfen zu lassen." Dieser Faktor kommt bei der Film-Familie nur am Rande vor, und zwar als der Vater nach Afrika reist und dort verwundert feststellt, dass die Frauen lange und beschwerliche Anfahrten zum Arzt auf sich nehmen, um ihre Kinder impfen zu lassen – es wird also kein Aufwand gescheut.

Deutschlandweit aber spielt der Stress eine Rolle. Warum muss man erst auf Rezept einen Impfstoff in der Apotheke abholen, gut kühlen und dann wieder zum Arzt? Es wäre sehr viel einfacher, wenn Impfungen in Schulen und Kindergärten grundsätzlich angeboten werden würden. Oder Impfen im Apotheken: Während der Grippesaison will doch eigentlich niemand ins Wartezimmer voll verschnupfter Kranker. Wir könnten diesbezüglich deutlich kreativer werden.

ZEIT ONLINE: Warum nicht gleich eine Impfpflicht einführen?

Betsch: Das ist gesetzlich schwer möglich. Oft wird davon gesprochen, nur teilweise zu verpflichten. Daten zeigen allerdings, dass etwas kritische Leute die freiwilligen Impfungen dann aus Trotz nicht wahrnehmen. Wer die Wahl zwischen einer Umwelt mit oder ohne Impfpflicht hat, nimmt lieber die freie Umgebung – das ändert sich nur zeitweise, wenn die Impfquote stark sinkt. Wenn wir impfen einfacher machen, ist eine Impfpflicht unnötig. 

Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e. V. hat eine Informationsseite zu Buch und Film angelegt. Sie finden dort unter anderem Rezensionen von Eingeimpft sowie Fakten über die Wirksamkeit und Sicherheit von Impfungen.

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