ZEIT ONLINE: Wieso leiden wir, wenn draußen 35 Grad herrschen und die Sonne brennt?

Erika Baum: Unser Körper produziert ja immer Wärme: Sie entsteht bei allen chemischen Stoffwechselprozessen, aber auch während der Muskelarbeit. Da wir keine wechselwarmen Lebewesen sind, die sich der Außentemperatur anpassen, sondern eine in etwa stabile Körpertemperatur zum Überleben brauchen, müssen wir uns bei zu großer Hitze abkühlen. Je heißer und feuchter es ist, desto schwieriger fällt das dem Körper. Die Folge: Wir haben Probleme zu schlafen, fühlen uns schlapp, bekommen Kopfschmerzen oder können uns nicht konzentrieren.

Erika Baum ist die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) und emeritierte Professorin der Philipps-Universität Marburg. Sie arbeitete 36 Jahre lang als Hausärztin im hessischen Biebertal. © Philipps-Universität Marburg

ZEIT ONLINE: Wie genau kühlt der Körper sich ab?

Baum: Der einfachste Mechanismus ist, die Gefäße weit zu stellen. An den Armen, an den Beinen und am Kopf treten die Venen hervor. Der Körper schickt das Blut an die Oberfläche. Dort wird es abgekühlt und geht dann zum Herzen zurück.

ZEIT ONLINE: Das bringt aber auch Probleme mit sich.

Baum: Ja, wenn sich die Gefäße erweitern, sinkt der Gefäßwiderstand und der Blutdruck fällt. Diesen Effekt kompensiert das Herz, indem es etwas schneller schlägt. Außerdem müssen die nun weiteren Gefäße ja gefüllt werden. Flüssigkeit aus dem Blut wird in der Peripherie ins Gewebe gedrückt. Um das auszugleichen, müssen wir mehr trinken. Trotzdem gibt es Verteilungsprobleme. Gerade wenn wir stehen, versackt das Blut in den Beinen. Dann kommt mitunter nicht genug im Kopf und damit im Gehirn an und uns wird schwindelig. Im Extremfall können wir sogar das Bewusstsein verlieren.

ZEIT ONLINE: Und was ist mit dem Schwitzen?

Baum: Schwitzen dient ebenfalls der Abkühlung. Wenn Schweiß verdunstet, entzieht das der Umgebung Wärme. Das nennt sich Verdunstungskälte. Das geht natürlich nur, wenn die Luft nicht vollständig mit Wasser gesättigt ist. Je trockener es ist, desto effektiver ist also das Schwitzen. Deshalb leiden viele Menschen kurz vor einem Gewitter auch besonders stark. Die Temperaturen sind noch immer hoch, aber die Luftfeuchtigkeit nimmt zu. Bei so einem Wetter lässt sich die Körpertemperatur durch Verdunsten nur noch schwer senken. Andererseits empfinden wir einen Luftzug oder Fahrtwind deshalb als angenehm, weil dabei mehr Schweiß verdunsten kann.

ZEIT ONLINE: Nun schwitzen wir ja nicht nur Wasser aus, sondern auch Elektrolyte, vor allem Salz. Kann das gefährlich werden?

Baum: Ja, und zwar gerade für ältere Menschen. Wenn sie zusätzlich gegen altersbedingten Bluthochdruck Entwässerungstabletten nehmen, kann es zu einem Natriummangel kommen. Und der führt schlimmstenfalls bis zur Verwirrtheit. Im Allgemeinen gilt: Je mehr Menschen schwitzen, desto mehr Salz brauchen sie. Eigentlich sollte man sich nicht zu salzreich ernähren. Wer aber momentan Kreislaufprobleme hat, der darf bewusst ein bisschen salziger essen. Wenn Sie einen Salzhunger haben, dürfen Sie ruhig drauf hören.