Ja, diese Welt ist komplex. So komplex, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, das meiste nicht verstehen. Der Autor dieses Textes übrigens auch nicht. Kaum jemand weiß, wie die Ampelschaltung zu verändern ist, damit der Verkehr in Großstädten besser fließt. Unklar ist für den Großteil, was bei der Statik einer Brücke zu bedenken ist, um einen Einsturz zu verhindern. Und unverstanden ist für die meisten, wie mithilfe der Gentechnik neue Pflanzen entstehen. Ein Grund zur Sorge? Ehrlich gesagt nicht. Denn wir leben in einer Welt, in der es genügend hochspezialisierte Menschen gibt, die genau das können und die unser Leben damit deutlich einfacher machen: Informatiker, Ingenieurinnen, Genetiker und Forscherinnen anderer Disziplinen. Kurz: die Wissenschaft.

Nun wird genau dieses Prinzip allerdings gern infrage gestellt. Aktuelles Beispiel aus Deutschland: das Thema Impfen. Hier werden vehement eigene Meinungen vertreten, inklusive vermeintlichem Insiderwissen und fragwürdigen Quellen. Diese werden hier bewusst nicht explizit genannt, weil wissenschaftlich erwiesen ist, dass die Mythen dadurch eher gestärkt werden. Anlass für die erneute Debatte ist das Buch Eingeimpft, in dem der Filmemacher David Sieveking sich in pseudoaufklärerischer Manier daranmacht, zu verstehen, welche Impfung für seine Kinder denn nun gut sind und welche nicht. Er reist um die Welt, spricht mit verschiedenen Experten und entwickelt am Ende seinen ganz persönlichen "Impfplan".

Hunderttausende Probanden gegen die Recherche eines Fachfremden

Was vorbildlich klingt, ist äußerst problematisch. Denn es gibt bereits einen Impfplan. Er ist das Produkt langjähriger, intensiver, objektiver Auswertungen der Ständigen Impfkommission des Robert Koch-Instituts. In ihr sitzen 18 Expertinnen und Experten, elf davon Professoren, die sich seit Jahren mit Impfungen auseinandersetzen. Sie prüfen, ob es eine Impfung gegen einen bestimmten Erreger braucht, stellen alle brauchbaren Studien zusammen – oft Dutzende mit Hunderttausenden Probanden – und analysieren diese. Im Zweifelsfall lassen sie aufwendige Modellierungen anfertigen und bewerten diese. Nur die Impfungen, die sinnvoll, das heißt wirksam und sicher sowie wirklich notwendig sind, werden empfohlen. Wenn ein Stiko-Mitglied selbst an der Entwicklung eines Impfstoffes beteiligt war, darf es übrigens nicht abstimmen.

Im Gegensatz dazu recherchierte David Sieveking als Fachfremder ein paar Monate für einen Film. Was ihm – und vielen anderen – dabei passiert: Er findet Studien, die interessant sein mögen. Aber er ordnet sie falsch ein, weil ihm der Überblick fehlt. Er sucht Experten, die keine wirklichen Experten sind. Er überschätzt die Effekte einzelner Studien und zieht deshalb falsche Schlüsse. Seine Erkenntnisse verhalten sich zu denen der Stiko deshalb in etwa so, wie ein Groschenroman zur Schiller-Gesamtausgabe.