Sollten wir die Sommerzeit also abschaffen? Und auf die langen Abende im sommerlichen Biergarten verzichten? Dagegen gibt es einen Vorschlag der Netzkommentatoren, den einige Politikerinnen und Ökonomen teilen: einfach das ganze Jahr über Sommerzeit. Gute Idee? Nicht wirklich. Denn das hieße zum Beispiel für Kiel im hohen Norden, dass dort im Winter die Sonne erst um 9.40 Uhr aufginge. Für Menschen in Frühschicht ein Horror. Wenn man lange vor Sonnenaufgang aufstehen muss, dann wirkt sich das immer auf die Wachheit, die Stimmung und die Gesundheit aus. Je früher, umso deutlicher, weil dann die Sonne erst lange nach dem Aufstehen als Zeitgeber wirken kann. Schon das halbe Jahr Sommerzeit überfordert das chronobiologische System mancher Menschen so, dass sie durchweg im sozialen Jetlag leben. Das ist umso wahrscheinlicher, je weiter westlich jemand in unserer Zeitzone wohnt (Current Biology: Roenneberg et al, 2007; pdf), weil dort die Sonne, relativ zur Uhrzeit, später aufgeht.

Ein Land hat es trotzdem versucht. In Russland blieb man ab Herbst 2011 einfach bei der Sommerzeit, die Uhren gingen dauerhaft um eine Stunde vor, bis zum Herbst 2014. Da kehrte man zur Normalzeit zurück, diesmal ganzjährig. Gerade eben hat eine russische Arbeitsgruppe um Mikhail Borisenkov (Biologic Rhythm Research: 2017) untersucht, wie sich diese Zeitsysteme auf die Schlafgesundheit von knapp 8.000 Mädchen, Jungen und Teenager auswirkten. Demnach litten in den Jahren der Dauersommerzeit erheblich mehr Jugendliche unter sozialem Jetlag als zuvor, sie waren müder und schliefen weniger regelmäßig. Außerdem zeigten sie mehr Symptome der Winterdepression, die direkt mit zu wenig Sonnenlicht zusammenhängt. Am besten war die kontinuierliche Normalzeit, die seit 2014 gilt. Das bestätigt im empirischen Großversuch, was nahezu alle Schlafforscherinnen und -forscher fordern: Sommerzeit abschaffen (zum Beispiel Psychological Science: Barnes & Drake, 2015).

Die Frühjahrsmüdigkeit gibt es eigentlich nicht

Und wie steht es um die Frühjahrsmüdigkeit? Oder ein Vitamin- oder und Hormonmangel? Einige Hormone, etwa Melatonin und Cortisol, haben tatsächlich leichte Jahreszeitenrhythmen. Es kann müde machen, wenn man zu viel oder zu wenig von ihnen hat. Doch weniger davon hat man allenfalls im Winter, nicht dann, wenn der Winter endet. Lediglich für Vitamin D, das eigentlich ein Hormon ist, könnte besonders das Frühjahr kritisch sein. Menschen können Vitamin D zwar eine Weile speichern, doch neues bilden sie nur, wenn genug Sonnenlicht die Haut erreicht. Wenn also am Ende des Winters die Vitamin-D-Speicher leer sind, die Sonne nördlich der Alpen aber noch zu schwach, dann kann es zu einem Mangel kommen. Und manche Medizinerinnen und Mediziner glauben, dass ein solcher Mangel müde macht (Scandinavian Journal of Primary Health Care: Knutson et al., 2010; Medicine: Nowak et al., 2016).

Doch das ist nicht die Frühjahrsmüdigkeit, über die sich Nutzer in Foren austauschen und gegen die sie Tipps und Tricks sammeln. Was sagt die Wissenschaft zu diesem Phänomen? Genau genommen: nichts. Internationale und deutschsprachige medizinische und psychologische Datenbanken fördern nahezu nichts Brauchbares zutage, was systematisch mit Müdigkeit im Frühjahr zu tun haben könnte. Das Stichwort "Frühjahrsmüdigkeit" selbst taucht in den Datenbanken nur dreimal auf: einmal 1946 und einmal 1984. Das dritte Mal erscheint die Frühjahrsmüdigkeit dann in einem spanischen Medizinjournal für Hausärzte von 2013 (Atención Primaria: Cerecedo Pérez et al., 2013) – es dient als Beispiel für Fake-Krankheiten. Die allgemeine Müdigkeit in der Woche nach Beginn der Sommerzeit hat nur einen Grund: die Umstellung der Uhren.