Rund 41.000 Kinder und Erwachsene haben sich allein in der ersten Hälfte dieses Jahres in Europa mit Masern infiziert, berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO). 37 von ihnen starben. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2017 gab es nur knapp 24.000 Masernfälle. Ist das nun ein alarmierender Anstieg oder ein ganz normaler Ausreißer? Das erklärt Dorothea Matysiak-Klose, Expertin für Impfprävention am Robert Koch-Institut, im Interview.

ZEIT ONLINE: Die Europa-Regionaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation Zsuzsanna Jakab warnte zu Beginn der Woche vor einem "dramatischen Anstieg" der Masernfälle und forderte die Mitgliedstaaten auf, sofort Maßnahmen zu ergreifen. Sind die neuen Zahlen wirklich so besorgniserregend?

Dorothea Matysiak-Klose: Durchaus, im ersten Halbjahr dieses Jahres sind in Europa erheblich mehr Fälle aufgetreten als sonst in dieser Dekade im Schnitt pro Jahr. Das ist wirklich besorgniserregend und frustrierend. Vor allem, wenn man bedenkt, dass wir die Masern in Kürze eliminieren wollen, also die Bevölkerung so immun machen wollen, dass jeder Masernausbruch im Keim erstickt wird.

ZEIT ONLINE: Ehrlicherweise muss man sagen, dass etwa die Hälfte aller Fälle dieses Jahr in der Ukraine auftraten. Und in der Ukraine herrscht seit 2014 Krieg. Es scheint sich also weniger um ein europäisches als um ein regionales Problem zu handeln.

Dorothea Matysiak-Klose ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Impfprävention am Robert Koch-Institut. Dort entwickelt sie unter anderem Strategien, mit denen Krankheiten wie Masern oder Röteln durch Impfungen in der Bevölkerung zurückgedrängt werden können. © Dorothea Matysiak-Klose

Matysiak-Klose: Fast immer, wenn wir einen starken Anstieg an Masernfällen sehen, handelt es sich zunächst eher um ein regionales Phänomen, welches aber schnell zu einem europäischen werden kann. Die Fälle erstrecken sich nicht homogen über ganz Europa und treffen auch nicht immer die gleichen Länder. Trotzdem: So extrem hohe Fallzahlen wie in der Ukraine sind selten.

ZEIT ONLINE: Was könnten die Gründe dafür sein?

Matysiak-Klose: Die Impfquoten, die in der Ukraine eigentlich immer recht gut waren, sind dort in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken. Das hat dazu geführt, dass in diesen Jahren die Anzahl jener, welche für den Erreger empfänglich sind, über alle Altersgruppen angestiegen ist. Fest steht: Je schlechter die Immunität in der Bevölkerung ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es einen Ausbruch gibt, wenn Masern ins Land hereingetragen werden.

ZEIT ONLINE: Sie sagen "hereingetragen" – wie kommt es überhaupt zu einem Ausbruch?

Matysiak-Klose: Masern sind hochansteckend, viel ansteckender als Ebola, die Grippe oder andere Viren, vor denen viele Menschen Angst haben. Um sich anzustecken, reicht es oft schon, sich in einem Raum zu befinden, in dem kurz zuvor eine infizierte Person war. Noch dazu ähneln die ersten Symptome eher einem grippalen Infekt, ehe sich eine Diagnose sicherer anhand des typischen Hautausschlages stellen lässt. Potenziell können sich Masern also sehr schnell ausbreiten. Vorausgesetzt, sie treffen auf eine Bevölkerung, die nicht genügend Bevölkerungsimmunität hat.