Sitzen auf der Arbeit, sitzen in der U-Bahn, sitzen vorm Fernseher: Mehr als 1,4 Milliarden Menschen, also ein Viertel der Weltbevölkerung, sitzt zu viel und bewegt sich zu wenig. Das zeigt eine große Erhebung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die heute in der Fachzeitschrift Lancet Global Health (Guthold et al, 2018) erscheint. Während es in einzelnen Ländern große Veränderungen gab, hat sich der Anteil der unsportlichen Menschen weltweit zwischen 2001 und 2016 nicht verändert. Die Folgen des Bewegungsmangels dürften dramatisch sein, denn Menschen, die sich wenig bewegen, erkranken im Schnitt häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen von Herzinfarkt bis Schlaganfall, werden häufiger übergewichtig oder entwickeln einen Typ-2-Diabetes und Brust- oder Darmkrebs.

Das Forscherteam um Regina Guthold von der WHO wertete für die Studie 358 Befragungen der letzten 15 Jahre aus 168 Ländern mit insgesamt 1,9 Millionen Teilnehmern aus. Als ausreichende Bewegung galten die Richtlinien der WHO: mindestens 150 Minuten moderate Bewegung (etwa Tanzen, Gassigehen mit dem Hund oder Spielen mit Kindern) oder 75 Minuten intensive Bewegung (zum Beispiel Joggen, Mannschaftssport oder schnelles Radfahren) pro Woche.

Deutschland schneidet schlecht ab

Zwischen den verschiedenen Ländern der Welt gibt es erhebliche Unterschiede, was die körperliche Aktivität angeht. Hierzulande bewegen sich rund 42 Prozent der Menschen zu wenig. Damit steht Deutschland weltweit eher schlecht da, es landet auf dem 15. Platz der inaktivsten Länder. Ähnlich wenig bewegen sich die Menschen in den USA (40 Prozent inaktive Menschen) und Italien (41 Prozent). In Frankreich hingegen waren über zwei Drittel der Bevölkerung ausreichend aktiv. Unter den westlichen Ländern schnitten nur Neuseeland, Portugal und Zypern noch schlechter ab als Deutschland.

Auch andernorts gab es große Unterschiede zwischen einkommensstarken und einkommensschwachen Ländern. Das finanzstarke Kuwait ist das Land mit dem niedrigsten Anteil an aktiven Menschen: Nur 33 Prozent der Bevölkerung bewegen sich genug. Spitzenreiter in Sachen Bewegung ist dagegen Uganda, wo sich 95 Prozent der Bevölkerung ausreichend bewegen (siehe Grafik).

Die Studie dürfte die erste sein, die körperliche Aktivität über einen längeren Zeitraum erfasst. Das Ergebnis: Weltweit sei der Anteil der körperlich aktiven Menschen gleich geblieben. Allerdings liegen nicht aus allen untersuchten Ländern mehrere Messpunkte vor, aus der Gruppe der einkommensschwachen Länder beispielsweise nur aus Benin. Für einkommensstarke Länder liegen aber größtenteils gesicherte Daten vor. In Deutschland etwa stieg die Anzahl der Menschen, die sich zu wenig bewegen, zwischen 2001 und 2016 um mehr als 15 Prozent – weltweit einer der größten Anstiege.

"Regionen, in denen die Menschen immer weniger körperlich aktiv sind, sind ein großes Problem für die öffentliche Gesundheit und die Prävention nicht übertragbarer Erkrankungen", sagt Regina Guthold, die Hauptautorin. Damit meint sie vor allem Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Übergewicht und Krebs.

Frauen bewegen sich weniger als Männer

In fast allen untersuchten Ländern bewegen sich Frauen deutlich weniger als Männer, was kein ganz neuer Befund ist (Sports Medicine: Mielke et al., 2018). Vorherige Studien erklären den Unterschied damit, dass Frauen sich vor allem in ihrer Freizeit weniger und mit niedrigerer Intensität als Männer bewegen. Das gilt besonders für Länder, in denen traditionelle Rollenbilder verstärkter Bewegung im Weg stehen. "Es müssen Möglichkeiten für Frauen geschaffen werden, sich sicher, bezahlbar und kulturell akzeptiert bewegen zu können", sagt Fiona Bull, Mitautorin der Studie.

Bis 2025 will die WHO die körperliche Inaktivität weltweit um zehn Prozent reduzieren – ein kaum noch einzulösendes Ziel, sagen die Autoren. Das Team von Regina Guthold fordert deshalb die Politik auf, die körperliche Aktivität der Bevölkerung stärker zu fördern. Die WHO schlägt etwa in einem Aktionsplan vor, für bessere Fahrradinfrastrukturen zu sorgen und die Sicherheit von Fußgängern zu verbessern.